Surrogat des Zuschauers: Nina Hoss in "Rückkehr nach Reims". Foto (c) Arno Declair

Wunden zeigen beim Weißwein

Didier Eribons Essay / Roman-Hybrid „Rückkehr nach Reims“ war eine literarische Sensation. Thomas Ostermeier hat ihn für die Bühne adaptiert und Nina Hoss trägt die privaten Bürden der Zuschauer – auch die unseres Autors.

Xaver von Cranach

Xaver von Cranach

Nach Studium und ersten Texten über alles Mögliche Ausbildung an der Journalistenschule, jetzt in der Kulturredaktion beim SPIEGEL. Xaver von Cranach war Autor für das Theatertreffen-Blog 2016.

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Einen Text, der sich aus Widersprüchen konstituiert und daher auch in der Rezeption Widersprüche provoziert, ja diese Widersprüche braucht, gebraucht hat, um die explosive Wirkung zu entfalten, die er offensichtlich hatte, eine Feuilleton-Explosion, deren Sprengstoff die politische Lage und deren Sauerstoff das schlechte Gewissen der liberalen Intellektuellen war – diesen Text also auf die Bühne zu bringen und genau jenen mit schlechtem Gewissen geplagten liberalen Intellektuellen wiederum vorzuspielen, ist ein Versuch, ein Essay im besten Sinne, und dass dieser Versuch misslingt ist insofern spannend, weil Widersprüche immer gut sind und nicht oft zu lesen oder zu sehen waren, als wir (wer?) noch im großen Einverstandensein lebten.

Da sitzt also Nina Hoss und liest aus Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Sie sitzt in einem Tonstudio, das irgendwie alt aussieht, holzvertäfelt. Hinter ihr sieht man einen Dokumentarfilm an der Wand. Nina Hoss liest die Off-Stimme dazu, Auszüge aus dem Buch. Im Film sieht man Didier Eribon und seine Mutter, die Stadt Reims, Arbeiter, später noch Gerhard Schröder.

Didier Eribon schreit nicht, prangert nichts an

Ich lese das Buch ein Jahr nach der Explosion, und auch das Stück sehe ich etwas verspätet. Und an einem anderen Ort, weil ich eben diesen Text hier schreiben darf, aber nicht in Berlin wohne. Es wohnen viele Menschen nicht in Berlin. Und viele Menschen, die zwar in Berlin wohnen, gehen nicht ins Theater, nicht in die Schaubühne am Lehniner Platz. Kurz: Theater ist ein exklusiver Ort.  Und als solcher ideal, um diesen Text von den Buchseiten in die physische Welt zu holen, weil er dadurch den Widerspruch des Textes performativ wiederholt.

Performative Textwiederholung am exklusiven Ort Theater: „Rückkehr nach Reims“ in der Regie von Thomas Ostermeier. Foto (c) Arno Declair

Der Text also: Der französische Soziologe Didier Eribon hat es geschafft, wie man so sagt. Er ist Autor, verkehrt in guten Kreisen, zählte Menschen wie Michel Foucault zu seinen Freunden, hält Gastvorträge an wichtigen ausländischen Universitäten. Ausgelöst durch den Tod seines Vaters, beginnt er zu überlegen, warum er seine Arbeit und sein Leben zwar immer vor dem Hintergrund seiner Homosexualität interpretiert hat, aber nie vor dem Hintergrund seiner Arbeiterherkunft. Er fährt zurück nach Reims, und schreibt ein Buch, das so genau, gezielt und unaufgeregt ist, dass es auf eine wohltuende Art nachdenklich macht. Es schreit nicht, prangert nichts an, deckt nichts auf, verstört nicht – eine Herausforderung für die Werbeabteilung des Verlags muss es gewesen sein. Obwohl Eribon von seinem Innersten erzählt, vom absolut Privatesten – der Familie – ist es seltsam distanziert. Ein Soziologe eben, der mit dem Werkzeug, das er sich angeschafft hat, seine alte Welt betrachtet, einer der Widersprüche. Die Bildung, die er sich, um sich aktiv abzugrenzen, aneignen musste, wendet er jetzt an, um zu verstehen, warum er das musste, und um über die zu schreiben, von denen er weg musste. Über die, die jetzt den Front National wählen, die sich von den linken Parteien verraten gefühlt haben, vom Staat vergessen, von den Großstädtern verlacht.

„Hoss wird zu einem Surrogat des Zuschauers, nimmt seine Last auf sich, stellvertretend für alle im Saal.“

Nina Hoss macht dann, im letzten Drittel des Stücks, auf der Bühne genau das, was der Leser des Buches auch macht – über die eigene Herkunft nachdenken, die eigene Familie, die eigenen Toten, mit denen man nicht mehr geredet hat und die anders dachten. Es verleiht dem Stück genau die Gefühligkeit, die dem Text so wohltuend fehlte, was schade ist, aber andererseits auch nicht, sondern gerade gut, denn Hoss wird hier zu einem Surrogat des Zuschauers, nimmt seine Last auf sich, stellvertretend für alle im Saal: Die Bürde der Schauspielerin. Und so ergeben auch die nervigen, weil auf Flaps gedrehten Deppen Sinn, die Hoss assistieren, weil das Bühnenbild ein großes Gehirn ist. Ein Raum, in dem der Lesende beobachtet wird, eigentlich sich selbst beobachtet, die Deppen sind die eigenen Gedanken beim Lesen, die einen durch die Deppigkeit hinterfragen. Das Tonstudio als Psychoraum, alle drei Figuren, die Lesende, der Tontechniker, der Regisseur sind ein Abbild des lesenden Selbst.

Die Revolution müssen die anderen machen

Das lesende Selbst, ich also, der an den eigenen Vater denkt, der mit 76 Jahren noch arbeitet, um den Kindern das zu ermöglichen, was ihm, der nach der Flucht 1945 jahrzehntelang bettelarm war, nicht möglich war. An das eigene Unbehagen mit dem „Männlichkeitskult der unteren Schichten“ (Eribon), von dem ich mich unter Schmerzen lossagen musste (Der Schlachtruf „Hoch die Röcke, rein die Pflöcke“ war der gängige Brunftschrei auf Festen und Fußsballturnierfeiern, und den entsetzt-resignierten Blick der Frauen und Mädchen sehe ich heute noch vor mir). An die eigene privilegierte Kindheit, die in dem Moment gar nicht so privilegiert wirkt.

Die Revolution? Das erledigen die anderen. Foto (c) Arno Declair

Es gibt einen Podcast, in dem Nina Hoss zu diesem Stück und ihrem Verhältnis zu ihrem Vater befragt wird. Das Gespräch dauert über eineinhalb Stunden, und wie bei Podcasts üblich, wird jegliche Distanz eliminiert, die Stimmen sind nah am Mikrofon, ich sitze als Hörer mit am Tisch, die Atmosphäre ist samtig. Es gibt etwas Gutes zu essen, man lacht und scherzt, es hört sich sehr schick an, angenehm gedämpft, das Understatement ist hörbar. Dann erzählt der Chefredakteur von Zeit Online, wie er im Foyer stand, als er das Stück sah, den Weißwein in der Hand, um ihn herum lauter „Theaterpeople“, „Soziologen“ und „was man eben so macht in Berlin“, und genau die Leute über die man rede wären da nicht. Also fragt er Hoss: „Ist das ein Systemproblem“? Und Hoss sagt: „Ja. Dieser Abend spricht auch von uns. Wir können da nicht ganz unverwundet drin sitzen.“ Da ist es also, dieses „wir“, dieses „uns“.

Es bleibt also beim Vorschlaghammer: Theater spiegelt die Zuschauer, und die Zuschauer sind wir, auch die Leser dieses Blogs, die Filterblase des Immergleichen, das Lamento darüber ist öde und billig, aber nicht minder wahr. Das aufzubrechen ist die Utopie der Revolution, die andere machen müssen. Revolutionäre nehmen sich. Die, die haben, können nur resignieren, Wunden davon tragen. Und nach Reims fahren.

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