Baumeister Hybris?

Kaum ein Theatertreffen mehr, bei dem nicht irgendeine Produktion aufgrund hochkomplexer Anforderungen an Bühne und Technik ausfallen muss. Das könnte sich bald wieder ändern – allerdings aus ganz anderen Gründen, findet unsere Gastautorin.

Das demontierte Bühnenbild, „in fünf großen Containern eingelagert“, hat NEIN gesagt. Es ist ein aufmerksamkeitsbedürftiges Bühnenbild, bisschen kapriziös. Kleinteilig auseinandergenommen im Außenlager vom Theater Dortmund – das demontierte Bühnenbild schmollt.

Ich bin opulent, sagt das Bühnenbild, verwechseln Sie das bitte nicht mit korpulent, ich hätte mich wohl bewegen wollen, nach Berlin von mir aus, von mir aus nach Berlin und ich habe klare Vorstellungen von meinen Bedürfnissen, Ansprüchen und Kompetenzen, eine Bühnenbild-Bühnenbaumensch-Beziehung ist diesbezüglich jeder Mensch-Mensch-Beziehung vorzuziehen, insofern: Ich brauche fünf Tage, um mich auf eine Vorstellung vorzubereiten, das ist doch nicht die Welt, was kostet die Welt, opulentes Ding braucht Weile und überhaupt wurde ich nach meiner Vorstellung von einem nachhaltigen Theaterbetrieb viel zu verfrüht abgespielt, wenn ich nicht kleinteilig auseinandergenommen bin, dann bin ich vielmehr noch viel opulenter.

Die Turmbaumenschen sind nicht ausgestorben

Die aus Dortmund eingeladene Inszenierung „Das Internat“ konnte „aufgrund von Schwierigkeiten bei der Termin- und Spielstättenfindung“ nicht beim diesjährigen Theatertreffen gezeigt werden. Warum? Was für Zwist? Wessen Schuld? Das ist jetzt nicht das Thema. Auch megalomane Menschen sind es nicht („Ich bin ausgeflippt, habe Flaschen auf die Bühne geworfen und Leute beschimpft. Das ist Teil meiner Identität“, hat „Das Internat“-Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Ersan Mondtag letztens so hübsch formuliert). Das Thema ist: Opulente Bühnenbilder – Gigantomanie am Theater.

Aber fangen wir mit dem Turmbau zu Babel an. Also da wurde ein Turm gebaut. So hoch, bis in den Himmel hinein. Da wohnte jemand und sagte „Ey Mensch Hybris und so“ – da waren die Turmbaumenschen sehr verwirrt. Hybris? Wat’n dat!? Wos isn des? Und sie gingen hin und bauten andere Türme, sakrale, profane, um ein bisschen an den Wolken zu kratzen, um sich des großen Sieges über das kleine Sein zu versichern, das heißt verunsichert blieben sie so oder so. Und sie gingen hin und bauten Kunst, bigger than life, so wie sich die Türme über den Boden erheben, Turmbaumensch sucht das Erhabene, schlechthin groß, schlechthin geil, Dinge, Maschinen, Fetisch, Präsenz. Und weil sie noch nicht ausgestorben sind, leben die Turmbaumenschen und bauen opulente Bühnenbilder, die nicht in den Theaterhimmel Berlin reinpassen – jedenfalls nicht für unter einer halben Million.

Herausforderung für jedes Theater: Die Bühnen von Ulrich Rasche, hier „Das große Heft“ vom Staatsschauspiel Dresden. Foto (c) Sebastian Hoppe

2017 konnte Ulrich Rasches Inszenierung „Die Räuber“ vom Münchner Residenztheater aus „dispositorischen Gründen, insbesondere aufgrund des technisch sehr anspruchsvollen Bühnenbildes“ nicht beim Theatertreffen gezeigt werden. Massive Förderbänder auf der Drehbühne – da hat sich keine Berliner Bühne gefunden, die das hätte stemmen können, bigger than Berlin. Frage: Ist „Girl From The Fog Maschine Factory“ von Thom Luz die Antithese zu „Die Räuber“ und „Das Internat“? Auf jeden Fall hat’s einen weniger monolithischen Titel als die beiden eingeladenen Ungespielten.

Ein letztes Aufbäumen der Gewerke

Als zentrales Element nicht nur des Raumes, sondern des Inhalts, der Inszenierung schlechthin, fungiert hier der Nebel. Gewichtlos, von unbestimmter Größe, instabil und immer im Vergehen begriffen, quasi Spur seiner selbst – das müsste doch die Antithese sein zur massiven Präsenz opulenter Bühnenbilder. Andererseits: Wer kratzt hier an den Wolken? Wer stellt die Wolken vom Himmel aufs Theater? Wer setzt das kleine Sein mitten in die Wolken hinein? Nein, sachlicher ist so ein Nebel nicht, nicht weniger überwältigend, anders, aber genauso schlechthin: Wow.

Wie heißt es im Genter Manifest? „Das Gesamtvolumen des Bühnenbilds darf 20 Kubikmeter nicht überschreiten, d.h. eines Lieferwagens, der mit einem normalen Führerschein gefahren werden kann“. Das ist jetzt aber eine Antithese. Diesmal nicht ästhetisch, sondern bürokratisch formuliert. Es stehen sich gegenüber: „fünf große Container“ und „20 Kubikmeter“. Und da stehen sich nicht nur Bühnenbilder gegenüber, hier wird die viel diskutierte Zukunft des Stadttheaters verhandelt. Theater für die Stadt oder für die Tournee, Ensemblebetrieb oder Koproduktionen und Gastspiele und und und. Sind die opulenten Bühnenbilder der letzten Theatertreffen-Jahre ein letztes Aufbäumen der Gewerke gegen die „Eventisierung“ des Theaterbetriebs? Fun Fact: Ersan Mondtag inszeniert jetzt am NT Gent.

Theresa Luise Gindlstrasser hat Philosophie und Kunstwissenschaft studiert. Ist freie Autorin für nachtkritik.de, Falter, Wiener Zeitung, Theater der Zeit und andere. Ist Jury-Mitglied bei Stella – Preis im Bereich Theater für junges Publikum in Österreich. Lebt in Wien. Mag Berlin aber auch. Theresa Luise Gindlstrasser war 2015 Autorin beim Theatertreffen-Blog.

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