Bonn Park und die Themen

Bonn Park, Gewinner des Stückemarkt-Werkauftrags 2017, zeigte beim 56. Theatertreffen im Format Sückemarkt Revisited seine Arbeit „Bambi und die Themen“. Mit Lili Hering sprach er über die untergegangene Insel Volksbühne und H&M-Feminismus im Theater.

Wüsste man es nicht besser, könnte man Bambi für ein nerviges Kleinkind halten, es stellt nämlich wahnsinnig viele W-Fragen: Warum das koreanische Alphabet in der Linguistik als das beste gelte, warum es Krieg geben müsse und wie viele Meinungen, Ansichten und Themen es auf der Welt gebe. Keine schlechten Fragen. „Listen sind super“, lacht Park und davon finden sich in seinem trocken-schrägen Text so einige: „BAMBI & Die Themen“ versucht sich in einer Stunde an einem Rundumschlag durch alle Fragen, Themen und Probleme der Welt.

Die Schauspieler*innen Jule Böwe, Max Hegewald, Milan Herms und Anne Kulbatzki sitzen mit aufgemalten Disney-Tieraugen inmitten von Plastikblumen. Als der Wald von Bambi und seiner Familie brennt – eine Videoprojektion erinnert an einschneidende Filmmomente aus der Kindheit –, riecht es nach Grillfest und Naturkatastrophe. Der Brand bringt das Ende der kindlichen Unschuld mit sich. Prompt trifft Bambi auf das, was die Welt im Schönen wie im Schlimmen so ausmacht: Drogen, Erinnerungslücken, Gluten, Eisbecher, Antibiotika und vieles Andere. Eines der interessantesten Säugetiere in SaurierCity, das unter anderem als DHL-Bote auftritt, ist der Musiker Dagobert, der wahlweise wunderbar lakonisch „Ich bin zu jung für alle deine Wünsche“, singt oder feststellt, dass er dieses Mal nicht singt. In Dada-Dialogen trifft der Unbekannte unter dem Regenschirm auf Klopfer und Blume, Bambis Mitbewohner in der gemeinsamen WG. Die Blumenwiese ist in Wirklichkeit eben voller Probleme: Lawinen, Eier, Nazis, Mittelmäßigkeit, 1% Akku, Gruppendynamik, -ismen, Baden-Württemberg.

Geplatzte Stückentwicklung

Park hat „Bambi“ im Februar abgeschlossen. Mit diesem Stück kehrt er zum Theatertreffen zurück, wo er 2017 mit „Das Knurren der Milchstraße“ beim Stückemarkt abgeräumt hatte. „Bambi“ sollte am Badischen Staatstheater Karlsruhe nach dem Gewinn des Werkauftrags uraufgeführt werden. Doch die ursprünglich geplante Stückentwicklung platzte, der Text war erst kurze Zeit vor der Premiere fertig. Aufgeführt wurde schließlich ein Abend „nach Motiven von Felix Salten“ mit dem Titel „Bambi oder eine Suche“. Eine Suche ist auch der fertige Text geworden: vielleicht nach etwas, wofür es sich zu leben lohnt – das klingt weitaus dramatischer, als es Park jemals sagen würde. Am Jugendtheater P14 der Volksbühne hatte der gebürtige Berliner als 19-Jähriger mit dem Theater begonnen. Zuerst als Schauspieler, dann habe er geschrieben und Regie geführt. Während des Studiums in Szenischem Schreiben an der UdK erhielt er für seine Stücke zahlreiche Preise und inszenierte selbst in verschiedenen Städten im deutschsprachigen Raum. Mit einem Großprojekt kehrte er dieses Jahr an die Volksbühne zurück.

Großprojekt an der Volksbühne: „Drei Milliarden Schwestern“. Foto (c) Thomas Aurin

„Cause we’re young and we’re fun“, singen die jungen Frauen mit den Wasserköpfen auf der Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz: Parks Text ist auch hier, genau wie die Liedzeilen und seine Protagonistinnen, jung und fun. In seiner abgespacten Interpretation von Tschechows „Drei Schwestern“ sind die Schwestern ein paar mehr, drei Milliarden nämlich, außerdem jünger, selbstironischer und leicht depressiv: Sie leben nicht in Moskau, sondern vor einem Samowar auf der Erde, deren Zerstörung durch einen Kometen jeden Moment erwartet wird. Das Projekt überdauerte drei Intendanzen: Unter Castorf war es geplant, unter Dercon angesetzt und unter Dörr nun realisiert.

„Jedes Theater hätte längst aufgegeben bei diesen Bedingungen“, erzählt Park: „Ich wollte auf der großen Bühne inszenieren, was ich noch nie gemacht hatte, außerdem eine Oper, obwohl ich selbst erst drei Mal in der Oper war und zweimal davon zur Pause gegangen bin. Ich wollte mit einem Komponisten arbeiten, der noch nie Oper gemacht hat und auf der Bühne sollten keine Sängerinnen, sondern nur Leute aus dem Jugendtheater stehen, es sollte ein Jugendorchester spielen, und wir wollten die Oper nicht davor schreiben, sondern sie während der Proben entwickeln“. Genau so kam es dann aber und mit dem Komponisten Ben Roessler entstand eine Opernparodie, die großen Anklang fand und vor wenigen Wochen den Friedrich-Luft-Preis gewann.

Deutschland, ein Horrorstück

Die „Volksbühnengeschichte“ sei symptomatisch für das ganze Theater: „Ist ja ok, dass alle Stadttheater nach demselben hierarchischen Prinzip funktionieren und es der Politik vor allem um Zahlen und Auslastung geht. Das ist schon schlimm genug, aber es gab immer diese Insel Volksbühne.“ Diesen Ort, an dem alles möglich gewesen sei oder zumindest hätte versucht werden können, den vermisse er. Eine Bühne, die Risiken eingeht, und für etwas Anderes als den üblichen Theaterbetrieb steht: „Die Tradition dieses Haus ist ja, dass es sein eigenes Ding macht.“

Wie er sich die Zukunft am Haus vorstellt? „Ich fände es schön, wenn 18- und 19-Jährige auf der großen Bühne inszenieren.“ P14 spielt meist auf den Seitenbühnen, und da werde es langsam eng – auch weil dort oftmals Regisseurinnen inszenieren würden, während die große Bühne den üblichen (männlichen) Verdächtigen gehören. Auf Theater, das „neoliberalisierten, durchgekauften, Wir-kaufen-uns-die-Trends-ein-/H&M-Feminismus“ bloß betreibe, weil er gut aussieht, hat Park keine Lust: „Das ist schon ein schlimmes Signal, wenn H&M weiter ist als das Theater.“ Deshalb fordert er Konkretes: bessere Löhne für seine jungen Darstellerinnen.

Die Themen prasseln bei Park nur so auf einen ein: Um psychische Gesundheit geht es ebenso wie um Politik, Rassismus, Feminismus, Liebe und um Triviales wie das schlechte Gewissen, das einen überkommt, wenn man eine Ausstellung mit Student*innenrabatt besucht, obwohl man ja gar nicht mehr studiert. Park lässt seine Figuren bullshitten, wie man als Millenial wohl sagen muss, und dabei sind sie zwar ziemlich verzweifelt, aber auch ziemlich witzig: Diese Pop-Diskurs-Feuerwerke sind schlau und überdreht, flirten immer mit der Melancholie. Der Themenrausch macht eine zwar komische, aber doch erkennbare Grundverzweiflung am Zustand der Welt deutlich: Wenn alles so scheiße ist, dann muss es auch um alles gehen (um danach das Alles zu schreddern). In Wirklichkeit beschäftigen einen Depressionen, Eisbecher, Zombies und die EU vielleicht ja gleichermaßen. Als Nächstes bringt Park im Dezember in Bamberg „Das Deutschland“ zur Aufführung. „Es wird ein Horrorstück“, verrät er grinsend.

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Lili Hering

Lili Hering

In Wien geboren, aufgewachsen, Theater erfahren. Während des Studiums in Berlin und Istanbul im Film- und Festivalbereich gearbeitet, unter anderem in Tanger, Berlin und Locarno, und nebenher geschrieben. Durch den Master in Kulturjournalismus verstärkt zum Schreiben und zurück zum Theater gefunden.

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