Das Selbst, ein Iglu

Eiseskälte im Brennglas: Anna Bergmanns Bühnen-Adaption des Filmklassikers „Persona“ wird beim Theatertreffen zum Showcase für die Großschauspielerinnen Corinna Harfouch und Karin Lithman. Doch konzeptuell überrumpelt sich der Abend am Ende selbst, findet unser Autor.

Suheer Saleh sitzt nicht da, wo sie hingehört. Statt wie üblich in der ersten Reihe hat die Souffleurin in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf einem Stuhl direkt an der Rampe Platz genommen. Das kann an einem Abend wie „Persona“ kein Zufall sein, denn in der Inszenierung – wie auch in Ingmar Bergmans Film, der ihr zugrunde liegt – geht es um Sprachlosigkeit, vor allem sich selbst gegenüber.

Wenn Suheer Saleh vom Textbuch aufblickt, schaut sie auf Jo Schramms Bühnenbild. Man würde in ihm keine riesige Muschel erkennen, wenn man nicht gelesen hätte, dass es eine Muschel sein soll. Vielmehr sieht das Gebilde aus, als blicke man in das Innere eines Eishotels. Die silbrig schillernden Wände formen eine Art Iglu, das zur Rampe hin offen ist. Es herrscht eisige Kälte.

Wo es kalt ist, muss man sich wärmen. Reibung erzeugt Wärme. Also reiben sich die Schauspielerinnen Corinna Harfouch und Karin Lithman aneinander – im wörtlichen Sinne. In einem Kampf der beiden entladen sich Lust und Hass zugleich. Hier kämpft die Krankenschwester Alma mit der Schauspielerin Elisabet. Eigentlich waren beide für eine Art Kur ans Meer gezogen, doch aus einem professionellen Pflegerin-Patientin-Verhältnis wird schnell mehr. Momente des Zueinanderhingezogenseins deuten sich gleich nach Ankunft an: Die beiden bespritzen sich kindlich-verspielt mit Wasser.

Operationen an offener Seele

Das Publikum blickt hier auf eine Art Urzustand. Alma und Elisabet verbringen ihre Zeit zunächst in stiller Eintracht. Elisabet ist ohnehin stumm – nach einer Aufführung der „Elektra“ hörte sie auf zu sprechen und wird nun deswegen behandelt. Mit der mythologischen Elektra kommt ein Thema in die Inszenierung, das Alma und Elisabet verbindet: Die abgebrochene oder gescheiterte Mutterschaft. Alma hat ihr Kind vor der Geburt abgetrieben, Elisabet konnte nie in ihre Rolle als Mutter finden.

Diese und weitere Parallelen legen nahe, dass Alma und Elisabet nicht zwei Personen sind, sondern nur eine. Am Ende der Inszenierung strudeln die Personalpronomen durcheinander, „ich“ wird zu „du“, „du“ zu „ich“. „Ich dachte, wir sehen uns ähnlich“, sagt Alma nach einem Blick in den Spiegel. Das Publikum hat das Psychogramm einer zerrütteten Seele vor sich. Die Wände des Iglus spiegeln sich unerbittlich, wie in einem eiskalten Brennglas entfachen sich die emotionalen Friktionen. Die Lust am seelischen Sezieren ist den beiden Frauen anzumerken: „Eigentlich wollte ich Operationsschwester werden“, sagt Alma.

Der Brandbeschleuniger der Zerrüttung ist die Sprache. An Elisabets Schweigen entzündet sich Streit, ein Brief vergiftet die Harmonie. Im Laufe der Inszenierung kehren sich die Verhältnisse um: Karin Lithmans Elisabet beginnt zu sprechen, steht auf und setzt sich ins Publikum: „I just want to see the end.“ Corinna Harfouchs Alma steht unterdessen stumm auf der Bühne. Sprachlos sieht sie auf sich selbst.

„Ich dachte, Künstler seien mitfühlende Menschen.“ Corinna Harfouch und Karin Lithman. Foto (c) Arno Declair

Sinnigerweise ist „Persona“ eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin und des Malmö Stadsteater. In Berlin spielt die Schwedin Karin Lithman die stumme Elisabeth und Corinna Harfouch die sprechende Alma. In Malmö wechseln sie die Rollen. Die Inszenierung überträgt die Unfähigkeit zur Kommunikation also ins Faktische: Die Schauspielerinnen sind tatsächlich ihrer eigenen Sprache beraubt. Beide Rollen sind damit sowohl psychisch, als auch ganz praktisch nicht ganz beieinander.

Ungelüftetes Geheimnis

Im stärksten Moment der Inszenierung berichtet Alma davon, wie es bei einer Orgie am Strand zu ihrer Schwangerschaft kam. Corinna Harfouch gibt ihr in diesem Moment eine brüchige Stimme und einen traumatisierten Blick. Sie weiß mit ihren Armen nicht wohin, knetet ihre Hände, wischt sie an ihrem Kleid ab. Es ist herausragend, wie es Harfouch gelingt, textlich vom größten Glück dieses Vormittags am Strand zu berichten und dabei gleichzeitig die größte Verzweiflung zu spielen.

Karin Lithman hat kaum Möglichkeiten, eine ebenso große Präsenz zu entwickeln. Zu sehr fehlen ihr die Ausdrucksmöglichkeiten der Stimme. Das merkt man besonders am Ende, wenn sie einige wenige Sätze spricht und damit plötzlich neue Persönlichkeitsnuancen hörbar werden. Karin Lithman und Corinna Harfouch funktionieren aber als Duo hervorragend. In zarten Berührungen und schwelgerischen Blicken deutet sich das Geheimnis ihrer Beziehung an, gelüftet wird es bis zum Ende nicht. Das Problem ist, dass sich die Spielweise der Darstellerinnen mit dem Stoff und der szenischen Anlage von Regisseurin Anna Bergmann beißt. Denn hier soll offenbar kein psychologisches Kammerspiel gezeigt werden, sondern eine psychiatrische Studie. Zu verfremdend sind die Videoeinspielungen von Sebastian Pircher, zu abstrakt die Kostüme von Lane Schäfer. Harfouch und Lithman spielen aber Kammerspiel und nicht Studie. Daraus ergibt sich zwar ein spielerischer und auch ein analytischer Gewinn – von beidem aber nur ein halber.

Persona
nach dem Film von Ingmar Bergman in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Hannes Gwisdek, Licht: Sven Erik Andersson, Video: Sebastian Pircher, Dramaturgie: Sonja Anders, Felicia Ohly.
Mit: Karin Lithman, Corinna Harfouch, Franziska Machens, Andreas Grötzinger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

https://www.deutschestheater.de/

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Julien Reimer

Julien Reimer

Nach einem FSJ Kultur am Theater in Stendal studierte Julien Reimer Germanistik und Hörfunk in Leipzig und Zürich. Bei mephisto 97.6, dem Lokalradio der Universität Leipzig, absolvierte er eine Radioausbildung und leitete die Theaterredaktion. Seit 2016 ist er freier Mitarbeiter bei MDR Kultur.

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