Das Theaterstück im Zeitalter seiner digitalen Streambarkeit

Klingt komisch, ist aber so: Die Vorstellungen des Theatertreffens lassen sich im Festspielhaus-Foyer kostenlos verfolgen. Als Stream. Wir haben uns mal dazu gesetzt.

Wer nicht zum Hotel hineindurfte, fand Platz im Foyer. Dort passierte nämlich dasselbe wie drinnen, hinter der Wand, nicht der vierten, sondern der Wand zum Theatersaal: Dieselben Streits, Ehekrisen, Liebesszenen, Ausraster, dieselbe moderne Sprache. Dieselbe oder die Gleiche? Der Strebermoment aus dem Deutschunterricht, der ist hier die Frage.

Simon Stones Hotel Strindberg lief parallel zu seiner Berliner Premiere im Saal der Festspiele per Livestream auch im ersten Stock an der Bar. Wie war das nochmal mit dieser technischen Reproduzierbarkeit? Und in welchem Zeitalter wären wir dann jetzt zugegen?

Was Walter Benjamin 1935 bezüglich der Kunst und ihrer Rezeption zu Zeiten der Entwicklung von Fotografie und Film schrieb – dass Kunstwerke durch ihre Reproduzierbarkeit einer veränderten Wahrnehmung unterlägen, hat sich durch das Internet schon lange überboten. Wie verhält sich ein Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Streambarkeit?

Konsequent wäre gewesen, den Stream an keinen physischen Ort zu binden, sondern im digitalen Raum zu zeigen: Theatertreffen to go, free for all, auf Laptop oder Smartphone abzuspielen – passend zum Bild des modernen Menschen, den Simon Stone durch sein ständiges Gerede über Netflix und WhatsApp entwirft. Muss Theater, das ur-analoge Medium, fürchten, in irgendeiner Weise obsolet zu werden, wenn es sich auf einer Leinwand konsumieren lässt?

Livestream bleibt Erfahrungssurrogat

Möchte man sich auf eine Zutat für Theater einigen, dann ist es doch vielleicht die Gegenwart. Der Fakt, dass Menschen über kürzer oder länger gemeinsam in einem Saal sitzen und sich einer Sache (im besten Fall dem Geschehnis auf der Bühne) widmen. „Gemeinsam verbrachte und verbrauchte Lebenszeit in der gemeinsam geatmeten Luft jenes Raumes, in dem das Theaterspielen und das Zuschauen vor sich gehen“, so definierte Hans-Thies Lehmann eine Aufführung. Aha! Da die Livestream-Zuschauenden also die falsche Luft atmen (auf einem anderen Blatt steht, ob sie an der Bar oder im Saal besser ist), sind sie kein Teil der Aufführung.

Doch das Hier und Jetzt, das schon Benjamin als Grundlage für die Einmaligkeit eines Kunstwerks ansah, ist knapp nicht erfüllt: Das Hier ist um die Ecke, das Jetzt vielleicht wenige Millisekunden verspätet. Präsenz! Gegenwart! Echtheit! Das alles birgt der Livestream nur als Erfahrungssurrogat.

Kann denn die Aura eines Wuttke-Peters-Duo per Stream übertragen werden? Die Mimik schafft es jedenfalls nicht auf die Leinwand – zu klein das Bild, zu fern die Figuren. Im Stream ist das große Ganze das Ziel, Details sind dort Luxus. Insofern gibt es keinen Anlass zur Sorge: Die Kleinheit des Bilds zeigt die Größe des Gespielten nicht ganz, und das Filmbild ersetzt keine Gegenwart.

Dafür lösen sich sämtliche Theaterregeln auf: Wenn den Spielenden kein permanenter Live-Respekt gezollt werden muss, dann wird gern geplaudert, locker rumgehustet, Schokoriegel sind erlaubt. Und wenn zum dritten Mal über Sex gesprochen wird, kann das betuchte ältere Paar einfach gehen, ohne dafür eine ganze Saalreihe aufstehen lassen zu müssen und hunderte Augen zum Rollen zu bringen. Entspannung für alle! Zum Glück wussten nicht alle 800 Menschen auf der Warteliste von der Streamisierung des Stückes – so blieb dem Stream zumindest die Aura des Geheimen erhalten.

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Lili Hering

Lili Hering

In Wien geboren, aufgewachsen, Theater erfahren. Während des Studiums in Berlin und Istanbul im Film- und Festivalbereich gearbeitet, unter anderem in Tanger, Berlin und Locarno, und nebenher geschrieben. Durch den Master in Kulturjournalismus verstärkt zum Schreiben und zurück zum Theater gefunden.

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