Der Schwarzmaler

Kaum ein Regisseur scheint aktuell so umstritten wie Sebastian Hartmann. Auch sein Dresdner Dostojewski-Abend beim Theatertreffen stieß teils auf erheblichen Widerstand – und war doch genau am richtigen Ort.

Zur diesjährigen Theatertreffen-Auswahl verhalten sich Sebastian Hartmanns Dresdner „Erniedrigte und Beleidigte“ wie ein Klotz am Bein. Wo die einen vorpreschen zu einem neuen Theater der Versöhnung, das seine guten Absichten auch direkt auf Handzetteln verteilen könnte, da zieht dieser Hartmann jedenfalls mächtig nach unten. Denn sein Theater ist unfreundlich und riecht streng nach Kunst-Kunst und Kanon. Vor allem aber erinnert es an einen wesentlichen Reibungspunkt: Dass der Mensch vielleicht wirklich nur ein Mängelwesen ist, weder Engel noch Bestie, doch zur Vernunft bestenfalls begabt. „Unsere Erde erscheint mir als ein Fegefeuer für himmlische Geister“, schallt es einmal an diesem Abend unter dem hohen Dach der Volksbühne, aus der das Publikum schon früh reihenweise flüchtet. Ein Satz des siebzehnjährigen Dostojewski, der – hätte er nicht den heute kaum mehr zumutbaren Unterbau von Himmel, Hölle und Sündenqual – dieses Theatertreffen eigentlich als Motto zieren müsste.

Kapitale Anstrengung

Das Fegefeuer nämlich ist der Ort der Rastlosigkeit, ganz nah am Höchsten und doch unerreichbar fern. Also stürmen die Nachtschattengewächse des Hartmann-Theaters zu Beginn aus dem Nebel, wie meist in den jüngeren Arbeiten des Regisseurs auf der Tonspur angetrieben von den Versen Edgar Allan Poes: „All that we see or seem is but a dream within a dream.“ Sie brüllen ihre Dostojewski-Textanker von der Rampe, bis die Worte Fleisch werden und zuckend, zappelnd mit dem Leib zu Boden zu stürzen. Im Rücken der Bühne pinselt das Ensemble indes ganz gelassen an einem Riesengemälde des Künstlers Tilo Baumgärtel. Projektionen weisen den Malenden die Hände, alles, auch die Kostüme von Adriana Braga Peretzki, gewandet sich schwarzweißgrau. Nach diesen pausenlosen zweieinhalb Stunden wird jeder Farbtupfer im Foyer und auf den Straßen die Augen reizen. Bei Hartmann bleibt die Kunst eine kapitale Anstrengung, ein Dauerzugriff, der die Emanzipation des Zuschauers nur im Sinne einer ganz einfachen Entscheidung duldet: Bleiben oder gehen.

Kümmerliche Männlichkeiten: „Erniedrigte und Beleidigte“. Foto (c) Sebastian Hoppe

Und wer bleibt, muss arbeiten, mithin auch ertragen. Ertragen zum Beispiel, dass auch hier Gewalt an Frauen gezeigt wird. Die Mütter, Ehefrauen und Töchter dieses bitteren Plots um den Tauschwert von Liebe und Geld, sie werden fortgeschleppt, drangsaliert, mit den Köpfen ins Bett und unter Wasser gedrückt, erniedrigt und beleidigt. Darüber kann man sich aufregen. Zur Mitarbeit jedoch, auf die der Abend verpflichtet, gehört auch Genauigkeit. Und zu der gehört, dass es stets die Frauen sind, die diese kümmerlichen Mannsbilder durchschauen und ihre Prätentionen im Wortsinne bis auf die nackte Haut abschälen, um sie anschließend mit flattrigem Gemächt über die Bühne zu scheuchen. Den Frauen wird Gewalt angetan, bloße Opfer sind sie deshalb aber noch lange nicht. Denn wo sonst sieht man Frauen auf der Bühne, die sich so sehr mit Haut und Haaren, Leib und Leben, zu verteidigen wissen? Die großartigen Schauspielerinnen des Dresdner Ensembles, Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Fanny Staffa und Nadja Stübinger, verbeißen und verhaken sich jedenfalls in ihre männlichen Gegenüber, bis selbst eine von Lukas Rüppel getragene Kniebandage erbarmungslos Richtung Gasse fliegt.

Sozialfunktion des Asozialen

Ähnlich wie die Männer wird dabei mit Wolfram Lotz’ Hamburger Poetikvorlesung auch ein Fremdtext abgewirtschaftet, den Yassin Trabelsi zwischendurch wie angestochen über die Bühne und den gesamten Zuschauerraum sprudeln lässt. Irgendwann fängt das Ensemble ihn ein und während die Worte unaufhörlich weiterprasseln, wird Lotz’ Text zunächst in Sack und Asche gepackt und schließlich im Anstaltsbett von der Bühne gerollt. Theater, schreibt Lotz, erfülle die „Sozialfunktion des Asozialen“, sei „Störung, Verschwendung, eben nicht im Sinne der Gesellschaft: sondern gegen die Gesellschaft, gegen die Ruhe der Institution.“ Weil es sich dabei auch immer gegen sich selber, gegen seine Inbesitznahme selbst durch beste Absichten wendet, hat mit Luise Aschenbrenners Nelly folgerichtig die geschundenste Frauenfigur des Romans das letzte Wort. In einem nervenfriebrigen Schlussmonolog spricht sie stellvertretend für ihre verlassene Mutter den Bann über ihrem Vater aus. Und fast scheint es, als ließe Sebastian Hartmann das Theater hier mit ihr sprechen, wenn sie erklärt: Kein Vergeben. Keine Versöhnung.

Erniedrigte und Beleidigte
Nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski
Unter Verwendung der Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Bild/ Installation: Tilo Baumgärtel, Chorleitung: Christine Groß, Lichtdesign: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Moritz Kienemann, Torsten Ranft, Lukas Rüppel, Fanny Staffa, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi, Viktor Tremmel.
Länge: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

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Janis El-Bira

Jahrgang 1986, studierte Philosophie und Geschichtswissenschaften in Berlin und arbeitet seitdem als freier Journalist und Redakteur zu Theater, Film und Musik. Texte und Beiträge u.a. für nachtkritik.de, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Deutschlandfunk Kultur und SWR2; zudem moderiert er die Sendung „Rang 1 - Das Theatermagazin“ im Deutschlandfunk Kultur. Seit 2016 leitet er das Theatertreffen-Blog der Berliner Festspiele.

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