Die poetische Kraft des Faktischen

Vieles hat ja schon seinen Platz auf der Theaterbühne. Aber längst nicht alles. Unser Autor findet: Warum nicht mal harte Wissenschaft als Stoff, aus dem die Theaterträume sind?

Theater kann alles. Theater kann 10-stündige Marathons veranstalten (Sportler hören viel früher auf!). Theater kann mit Wolkengebilden vom Leben erzählen. Theater kann 1.500-seitige Romane auf weniger als vier Stunden kondensieren. In der Überzeugung, dass Theater alles kann, formuliere ich hier einen Wunsch: Ich wünsche mir Wissenschaftstheater.

Um eines gleich klarzustellen: Ich wünsche mir nicht nur Wissenschaftstheater. Also jetzt bitte kein Lamento über das Verschwinden von Dramentexten auf den Bühnen. Aber einen Versuch wäre das doch wert: Wissenschaftliche Monographien, Sammelbände, Papers, Theorien, Experimente auf der Bühne. Eine Unternehmung mit dem ungewöhnlichen, eigentlich theaterfremden Anspruch, Wahrheiten zu präsentieren und gesicherte Erkenntnisse glaubwürdig zu vermitteln. Und das auf der großen Bühne – dagegen würde jede Education-Abteilung alt aussehen. Neu ist diese Idee des Wissenschaftstheaters nicht, doch mir ist keine Inszenierung bekannt, die sie bis zur letzten Konsequenz radikal empirisch umgesetzt hätte.

Wie wäre es, wenn man „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ des Anthropologen Michael Tomasello auf die Bühne bringen würde? Der Autor beschreibt darin die Unterschiede in der Kommunikation von Tieren und Menschen und arbeitet das Wesen des Menschen heraus – ein Standardwerk, das außerhalb der Wissenschaftsbubble kaum bekannt ist. Warum kann es nicht auch eine Aufgabe des Theaters sein, einen solchen Text und die Erkenntnisse darin bekannter zu machen?

Tomasello referiert über Experimente, in denen Affen Futter suchen und Kleinkinder Aufgaben lösen. Was für ein Anlass für hemmungsloses, feinsinniges, kunstvolles, humoristisches Spiel! Ich sehe es vor mir: Affenkostüme, Nebel, Videoprojektionen, Konfettikanonen – die ganze Bandbreite des szenischen Zaubers! Nicht wie in diesen netten, aber doch auch ein bisschen langweiligen Wissenschaftsdokus im Fernsehen, in denen Menschen vor Bücherregalen sitzen und in weißen Kitteln über Laborflure huschen. Sondern die ganze Fülle des Theaters!

Luhmanns Zettelkasten auf die Bühne!

Oder: Die Untersuchungen der Gesprächslinguistik, die mit ihren Transkripten von authentischen Gesprächen dem Drama formal näher sind als so manche Romanadaption auf den Spielplänen. Die pedantische Detailliertheit der Gesprächslinguistik, welche kleinste, fast unmerkliche Regungen der Kommunikation zu ihrem Gegenstand macht, wäre eine Herausforderung für die besten Spielerinnen und Spieler.

Oder: Bühnenadaptionen von Texten des Soziologen Niklas Luhmann, die sowohl wegen ihres Fokus‘ auf menschliche Interaktionen als auch wegen ihrer fast schon poetischen Sprachqualität gut aufs Theater passen.

Oder: Einsteins Relativitätstheorie über die Rampe brüllen. Warum nicht? An welchem anderen Ort als dem Theater wäre es so gut denkbar, uns Normalos dieses Mysterium nahezubringen?

Oder. Oder. Oder.

Gute Wissenschaft ist unverzichtbar. Doch immer größer scheint der Graben zwischen den Forschungsinstituten und der Gesellschaft zu werden. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versenken sich auch wegen der Schönheit und Poesie ihrer Themenbereiche so sehr in ihre Forschung. Könnte Theater diese ästhetische Energie nicht aufgreifen und ein Brückenbauer sein? Vielleicht schrecken Künstlerinnen und Künstler vor der limitierenden Kraft des Faktischen zurück. Doch könnte sie nicht auch ein Rahmen sein, in dem man sich freispielen kann? Könnte die Fantasie nicht auch dort ihre schönsten Formen zeigen, wo man sie nicht erwartet? Wie wäre es?

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Julien Reimer

Julien Reimer

Nach einem FSJ Kultur am Theater in Stendal studierte Julien Reimer Germanistik und Hörfunk in Leipzig und Zürich. Bei mephisto 97.6, dem Lokalradio der Universität Leipzig, absolvierte er eine Radioausbildung und leitete die Theaterredaktion. Seit 2016 ist er freier Mitarbeiter bei MDR Kultur.

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