Räume der Ermächtigung

Am Samstag öffnete der diesjährige Stückemarkt mit starken Arbeiten aus den USA. Unsere Autorin erlebte bei „VANTABLACK“ eine radikale Umkehrung der Unterdrückungsgeschichte.

Das Leben als Regisseur*in ist nicht einfach. Vor allen Dingen nicht, wenn man sich dafür entscheidet, eine Inszenierung zu realisieren, die auf einem bereits existenten dramatischen Text fußt. Da ist dann dieses sogenannte Script, diese etlichen Seiten Papier, auf denen sich die Gedankenwelt eines*einer Autor*in in gedruckter Form widerspiegelt. Wie mit diesen Gedanken umgehen? Wie diese in eine neue Kunstform übertragen, wie diese visualisieren? Wie ihnen dabei gerecht werden?

Im Falle des Stückes „VANTABLACK“ ist die Herausforderung einer Inszenierung freilich noch immenser: „VANTABLACK“, eingeladen zum diesjährigen Stückemarkt beim Theatertreffen, ist ein Text des jungen US-amerikanischen Dramatikers Nazareth Hassan. Darin beschäftigt er sich mit der Frage, was wohl geschehen würde, wenn es im 21. Jahrhundert zu einer Auszahlung der im 19. Jahrhundert versprochenen Reparationszahlungen an alle Afro-Amerikaner*innen kommen würde. Dabei entwickelt Hassan eine politische Utopie und zeigt auf, wie sich durch Reparationszahlungen die Machtverhältnisse zwischen Schwarzen und weißen US-amerikanischen Bürger*innen verändern würden.

Die Gegenwartsutopie also zu einer Vergangenheit, die in Europa zwar bekannt ist, hierzulande jedoch recht schwer erschließbar bleiben dürfte. Denn die historische Erfahrung Schwarzer Menschen in den USA ist eine ganz andere als in Europa – obwohl auch hier das Erbe des kolonialen Zeitalters bis heute in unterschiedlichen Privilegien nachzuwirken scheint.

Bemerkenswerte Leichtigkeit

Leicht ist es entsprechend nicht, „VANTABLACK“ für ein mehrheitlich deutsches Publikum zu inszenieren – eine Herausforderung, der sich die afrodeutsche Regisseurin Julia Wissert trotzdem angenommen und im Rahmen des Stückemarkts mit der Inszenierung einer szenischen Lesung realisiert hat.

Julia Wissert gelingt ein Einstieg in diese schwierige Thematik, der mit bemerkenswerter Leichtigkeit daherkommt: Die Zuschauer*innen werden beim Einlass in die Kassenhalle des Festspielhauses von Hip-Hop-Klängen und Bratwurst-Duft begrüßt. Grillrauch lässt die Augen tränen, die sieben Performer*innen sitzen beim Barbeque zusammen. Die Stimmung ist entspannt, die Ermächtigung schon bei der Einlasssituation vollzogen: Da sitzen sie, die überwiegend Schwarzen Performer*innen, haben sich ihren Raum auf der Bühne, ihren Space in der Institution Theater genommen, der ihnen sonst, auch in Deutschland, selten so frei zugänglich ist. Sie sind da, sind sichtbar, sind Teil einer Gesellschaft, kommen vor. Sie sind da und mächtig genug, ihren Raum so zu gestalten, wie sie es wollen.

Eine Gegenwartsutopie, die uneingeschränkte Sichtbarkeit und Ermächtigung Schwarzer Menschen in einem mehrheitlich weiß organisierten (Theater-)Kontext, wird hier also als Prolog zu „VANTABLACK“ gewählt und durch ein sehr harmonisches Bild visualisiert.

„VANTABLACK“-Autor Nazareth Hassan (3. von links) und das Ensemble der szenischen Lesung. Foto (c) Eike Walkenhorst

Der Rest des Abends wird durchwaltet von den Worten Nazareth Hassans, die mal voller Bitterkeit auf die gegenwärtige Situation in den USA und die fehlenden Reparationszahlungen Bezug nehmen, mal Rachepläne für die lange Zeit der Unterdrückung formulieren und dann wieder überschwänglich utopische Bilder zeichnen, in denen Schwarze Menschen endlich Privilegien genießen können, die ihnen bis heute von einer weißen Mehrheitsgesellschaft vorenthalten werden. 

Glänzende Stimmen, widerständige Körper

Bemerkenswert ist dabei die Haltung der Performer*innen auf der Bühne. Sie sprechen Hassans Worte mit großer Dringlichkeit und durchaus nicht ohne Pathos. Ihre Stimmen brechen nie ein, glänzen stattdessen selbstbewusst. Diese Performer*innenhaltung lässt die Schwarzen Menschen auf der Bühne selbstbestimmt, klug und mit einem Anliegen auftreten, statt sie als unterdrückte Opfer zu stilisieren. Obwohl der Abend als szenische Lesung komponiert wurde, ist es zugleich wunderbar, ihnen beim Spielen zuzusehen: Trotz des sehr limitierten Bühnenraumes durchleben und durchleiden sie das Gesagte mit ganzem Körper.

Ein wenig dick trägt schließlich das Ende auf, wenn das Publikum einem Telefonat beiwohnt, in dem Nazareth Hassans Stimme andere Menschen in den USA, die sich Schwarz positionieren, aber auch die anwesenden Performer*innen nach ihren gesellschaftlichen Erfahrungen mit ihrem Schwarzsein und ihren Zukunftswünschen befragt: Schilderungen von Rassismuserfahrungen kommen zur Sprache, wirken wie eine gewaltige Nebelwolke, die auf den Raum drückt und ihn überschattet. Und trotzdem nährt auch diese Szene keinen weißen Blick auf Schwarze Menschen. Sie sprechen dagegen über ihre Erfahrungen, sprechen das Erlebte aus, aber mit einer Fassung, mit einer Stärke, die Rührung nicht zulässt, sondern vielmehr Entsetzen auslöst. Entsetzen über eine weiße Mehrheitsgesellschaft, die Menschen willkürlich marginalisiert und ihnen dabei Privilegien verwehrt, die sie selbst nicht einmal als besonders außergewöhnlich einstuft. Privilegien die darauf zielen, ein selbstbestimmtes Leben zu konstituieren. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist sie letztlich: Die herbeigesehnte Utopie.

VANTABLACK
von Nazareth Hassan

Szenische Einrichtung: Julia Wissert, Dramaturgie: Justyna Stasiowska, Ausstattung: Anne-Laure Jullian de la Fuente, Musik: houaïda

Mit: Mia Imani Harrison, Ernest Allan Hausmann, Lara-Sophie Milagro, Langston Uibel, Simon Werdelis

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Antigone Akgün

Antigone Akgün

Antigone Akgün studiert Dramaturgie an der Hessischen Theaterakademie. Zuvor abgeschlossenes Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Philosophie und Klassischen Archäologie. Schreibt gerne für und über das Theater und entwickelt Performatives für die Bühne und den öffentlichen Raum.

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