Schwein müsste man sein

Der Kapitalismus riecht recht streng: PeterLichts Molière-Überschreibung „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ glänzt in der Regie von Claudia Bauer mit virtuoser Sprachakrobatik – und zeigt doch ein deprimierendes Bild des Menschen.

Selten stand der dramatische Text bei diesem Theatertreffen so deutlich im Bühnenlicht! Selten hat er sich so rasant in die Körper von Schauspieler*innen eingeschrieben. Selten so gestockt und sich in Wiederholungen verfangen wie in PeterLichts „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“. Diese Textfassung, die inhaltlich auf Molières Komödie Tartuffe ou L´Impositeur rekurriert, in welcher es dem gesuchten Betrüger Tartuffe gelingt, durch vorgetäuschte Frömmigkeit den naiven Großbürger Orgon und dessen Familie fast um ihr gesamtes Vermögen zu bringen… sie glänzt vornehmlich durch Wortgewandtheit.

Dementsprechend viel wird auch in Claudia Bauers am Theater Basel produzierter Inszenierung gesprochen. Das mag irritieren, schließlich steht die Sprache in keinem proportionalen Verhältnis zur schmalen äußeren Handlung des Klassikers. Irgendwie entmenschlicht, wie Avatare, wirken auch die Figuren dieser Textfassung. Marionettenhaft stehen die Schauspieler*innen in ihren opulenten, knallbunten Barock-Kostümen und Perücken auf der Drehbühne, die sich mal als Fassade eines großbürgerlichen Hauses, mal als Bühnengerüst mit Garderobe zeigt. Live-Video sorgt derweil für Einblicke in die jeweils abgewandte Seite.

Vom Virus infiziert

Als habe der Text selbst schon ihre Körper in Besitz genommen, lassen die Spieler*innen die Sätze Pirouetten drehen. Sie sprechen schnell, superschnell, langsam, laut zischend, leise flüsternd, chorisch, einzeln. Sie verlieren sich in der Frage, ob sie Tartuffe nun „geil“ oder „ungeil“ finden, verhandeln Philosophisches über das Wesen des Betrugs und verlaufen sich in Gedankensackgassen über die Produktionsweisen von Gummibärchen oder Nasenhaar-Extensions. Alle hier lassen sich vom Virus der Sprache steuern, zeigen, welches Organ, welche Extremitäten gerade befallen sind und wie sie dabei ins Hüpfen, Stolpern, Kreischen, Schluchzen kommen. Beim Versuch, mit der Sprache mitzuhalten, kann es auch schon mal zu blutigen Nasen kommen, wie etwa Florian von Manteuffels epischer Kampf mit den permanent auf- und zufallenden Türen zeigt. Das sind Slapstick-Nummern wie von Jerry Lewis.

Heftiges Reden auf allen Ebenen. Foto (c) Priska Ketterer

Und obwohl dieser Dauerschwall des Geredes auch Anstrengung und Frustration mit sich bringt, bereitet das Zuschauen doch großen Spaß. Das gilt allerdings weniger für die gezeigten Genderrollen. Abgesehen von der Anfangsszene bleiben zentrale Textpassagen den Männern vorbehalten, während die Frauen in der Gefolgschaft Orgons zum Gesagten artig nicken. Zwar ließe sich argumentieren, dass auch die männlichen Gestalten dieses Abends mit ihren verschnörkelten, aufgeblasenen Kostümen und gepuderten Haaren keineswegs typisch männlich erscheinen. Dennoch mutet es schon seltsam an, wie hier mitunter gängige Stereotypen von Weiblichkeit reproduziert werden: Geschnürt in ihre engen Korsetts, mal lächelnd, mal räkelnd, repräsentieren die Damen zumeist das sexualisierte Schöne.

Tiefer Pessimismus

Das Schöne oder Nicht-Schöne, das Geile oder Ungeile, der scheinbare Betrüger, um den hier alles kreist, tritt nach etlichen Aneinanderreihungen von Sätzen dann auch endlich leibhaftig auf: Tartuffe erscheint unter Nebelschwaden und schrillem Gebrüll mit Schweinsmaske und speckiger Hose. Wie ein hormongesteuerter Minotaurus präsentiert er grunzend seinen riesigen Phallus und dürstet nach Befriedigung. Doch der Betrug kommt schnell ans Licht, die abstoßende Schweinsgestalt entpuppt sich als listiger, aber unter der Maske doch sehr attraktiver Sex-Schamane, der seinen Kund*innen durch hochpreisige Workshops das Geld aus der Tasche zieht. Die wortgewandte Komödie mutiert zum Lehrstück über den Kapitalismus. Die Inszenierung endet mit einem Sprung an ihren Anfang: Die Gefolgschaft Orgons bleibt fremdgesteuert, steckt mit immer neuen Workshop-Offerten in der nie enden wollenden Spirale der Wertschöpfung fest.

Ein tiefer Gesellschaftspessimismus entschleiert sich folglich aus dem Gewand des Ulks. Kritisch blickt er auf den Menschen als Diener*in seines*ihres Systems und Gefangene der Sprache. Ein doch recht fragwürdiges Bild unserer kapitalistischen Gesellschaft. Eine Weltsicht, die dem Menschen den freien Willen abspricht und stattdessen an der Determinierung durch ein selbst geschaffenes System festhält. Vielleicht liegt aber auch genau darin der gesellschaftspolitische Grund, weshalb dieser Abend 2019 beim Theatertreffen zu sehen ist: Er regt an, über unsere neoliberale Verfasstheit und ihr unerschütterliches Sprachvertrauen ins Grübeln zu kommen. Er verweist darauf, wie Kapitalismus in die Abhängigkeit führen kann. Wie schwer es ist, ein neues, gerechtes Gesellschaftsmodell zu entwickeln. Und das alles schafft er, ohne moralinsauer zu werden, stets mit trügerischer Komik. Aber das fremdbestimmte Menschenbild, das er konstituiert, macht die Suche nach einem Ausbruch aus diesem System eben doch vorerst unmöglich.

Tartuffe oder das Schwein der Weisen
von PeterLicht nach Molière 
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust, Musik: PeterLicht, Video: Cedric Spindler, Musikalische Leitung: Henning Nierstenhöfer, Dramaturgie: Constanze Kargl, Licht: Cornelius Hunziker, Maske: Elisabeth Dillinger-Schwarz. 
Mit: Katja Jung, Florian von Manteuffel, Myriam Schröder, Mario Fuchs, Leonie Merlin Young, Max Rothbart, Pia Händler, Nicola Mastroberardino, Henning Nierstenhöfer, Julian Gresenz. 
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

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Antigone Akgün

Antigone Akgün

Antigone Akgün studiert Dramaturgie an der Hessischen Theaterakademie. Zuvor abgeschlossenes Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Philosophie und Klassischen Archäologie. Schreibt gerne für und über das Theater und entwickelt Performatives für die Bühne und den öffentlichen Raum.

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