Unendliche Zitatpotenz

Jahrelang war unsere Autorin David Foster Wallace‘ „Unendlicher Spaß“ verfallen. Mit Ausblick auf die TT-Premiere hat sie noch ein paar Fragen an den Meister.

writing literature is also about what it might be like to be a fucking post-human being1

J: F 2

D: Das fragst du einen Typen, der seine Tage damit verbracht hat, das Lektorat durch medizinische Lexika zu jagen, abgesehen von den Tagen und Nächten, die er damit verbracht hat zu befürchten, das Lektorat würde seine Texte nur zur Hand nehmen, um darin Kaugummis klebe-sicher einzuwickeln.

J: F 3

D: Naja, abgesehen von der Antwort auf diese Frage würde ich sagen,  die Frage selbst ist schon eine ziemliche Spaßbremse. Ich mein, guck dir an, wie viele Kommas.

J: F 4

D: Das Spaßdiktat ist eher wie das Negativ zum religiösen Entbehrungsdiktat. Das eine propagiert ein Leben der Qual für ein seliges Nachleben, das andere ein qualloses, spaßgeladenes Leben, dessen einziger Nachteil ist, dass es irgendwann endet. Ein Leben jetzt, heute, in einer Zivilisation, die es normal findet, mit dem Auto zu einem Fitnessstudio zu fahren, um dort auf einem Standfahrrad zu radeln, will ein Leben sein, das jeglicher Entbehrung entbehrt, das so selig ist, dass man kein Nachleben mehr braucht. Oder es ist umgekehrt: Weil wir nicht mehr an ein Nachleben glauben, muss die Seligkeit im Diesseits permanent erwerbbar werden. Eine Spaßgesellschaft bezahlt für das Leben mit dem Tod. Eine Bußgesellschaft bezahlt für den Tod mit dem Leben.

J: F 5

Kult-Autor David Foster Wallace (1962-2008)

D: Allerdings ist das ein Rachekonzept, das dem unmöglichen Dreieck gleicht. Wenn man sich an einem Publikum für irgendwas rächen will, dann doch dafür, dass es zu viel Spaß hat. Denn wir, die sich selbst in die Literatur abschieben, um uns darüber auszulassen, dass wir der Spaßwirtschaft keinen Spaß abgewinnen können, wir präsentieren zwar dem Publikum unsere Leiden als Witze verpackt, sind allerdings tödlich neidisch, wenn es tatsächlich darüber lachen kann. Wenn der Macher des amüsantesten Films der Welt also sein Haupt in die Mikrowelle steckt, ist das pure Kapitulation. Das sich zu Tode amüsierende Publikum hat gewonnen. Sich zu Tode zu amüsieren heißt nichts anderes, als sich bis zum Tode zu amüsieren. Bis zum Tode, das heißt ein Leben lang. Und genau das will das Publikum ja und bekommt es immer.

J: F 6

D: Ich sehe das als nicht sehr nützlichen Luxus, die Frage an ein Werk zu stellen, ob es experimentell oder fordernd oder anstrengend genug ist, um den Sprung in die höhere Kunstliga zu schaffen. Sich Mensch zu nennen und das, was wir wahrnehmen, Wirklichkeit zu nennen ist fordernd und ist experimentell in dem Sinne, dass das zivilisierte Leben ein Experiment ist, dessen Ausgang niemand kennt. Theater oder Literatur, die hohe Kunst sind, weil Formen sich mit Formen streiten statt Menschen mit ihrer Wirklichkeit, sind vielleicht wirklich genau das: hohe Kunst, unerreichbar weit oben installiert, wo man sie mit Bewunderung betrachten aber nicht auf sich rückbeziehen kann. Ich hoffe einfach, wenn die Leute davon reden, wie schwer „Unendlicher Spaß“ist, meinen sie damit ihre strapazierten Handgelenke und laden sich das Ding auf einen E-Reader.

Dreihundert Gramm mehr Text

J: F 7

D: Ich würde das begrüßen, wenn du das lässt.

J: F 8

D: Genau das. Das: „F“. Dass das für alle, die verständlicherweise Fußnote 234 überblättert oder gar nicht erst angefasst haben, total kryptisch ist, weißt du natürlich. Das wäre übrigens, falls du das eh noch fragen wolltest, eine der Sachen, für die ich als Poltergeist auf die Erde zurückkehren würde: irgendwelchen zitatpotenten Insidern, die auf Partys ihre insiderige Zitatpotenz damit demonstrieren, dass sie Zitate aus „Unendlicher Spaß“ lässig fallen lassen, lässig „Unendlicher Spaß“ auf den kleinen Zeh fallen zu lassen. In der unredigierten Fassung. Die wiegt dreihundert Gramm mehr.

J: Ich hatte mal in mein Tinder-Profil geschrieben, dass ich nur Leute treffen will, die sich über „Unendlicher Spaß“ unterhalten wollen.

D: Okay.

J: Okay.

D: Wenn wir das ganze hier korrekt aufziehen wollten, müsstest du mir jetzt erklären, was Tinder ist.

D: Noch eine Sache zu dem „F“.

J: F 9

D: Das macht den Eindruck, ich würde mich mit mir selbst unterhalten.

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Fußnoten:

1which is neither the same as a post-fucking human being, nor does it necessarily equal the sentence of Pythagoras: being human = fucked up and also for some (such as an unwilling agnostic) it might contain a rudimentary paradox, which is (for an unwilling and therefore scared-to-death of death agnostic) the fact that when being post-human, you are no being at all anymore, you are beeing un-beeinged, the fact that you’re post-human disentitles you of any claim for being a being, even though doubtlessly some  biodegradable (unless you have been a regular SPAM consumer) proof of you (minus the infamous 27 gramm) will still be there, but if that was the same as being you, as being a being, then what? All that fuss about some beings who might as well be replaced by canned SPAM?

2Hattest du unendlichen Spaß, David?

3Ich frage mich wirklich, was das ist, Spaß, wobei ich mich gleichzeitig auch frage, ob sich Leute, die Spaß haben, jemals fragen würden, was Spaß ist, oder ob Spaß haben nicht gerade bedeutet, nicht zu fragen, was Spaß ist.

4Ist Spaß irgendwie so was wie eine moderne Religion?

5Unterhaltung, die zu Tode amüsiert – Ist das die Rache am Publikum?

6Aber gibt es nicht die weit verbreitete Ansicht, dass man ein Meisterinnen- oder Meisterwerk daran erkennt, dass dessen Konsum viel Geduld fordert und wenig Spaß bringt?

7Würdest du dir eine Inszenierung von „Unendlicher Spaß“ anschauen?

8Was?

9Was?

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Jorinde Minna Markert

Jorinde Minna Markert

In Berlin geboren, spielte lange in Film und Theater. Jetzt schreibt sie für letzteres und studiert in Hildesheim. Ihr Debüt „artgerechte haltung“ wurde am Schauspiel Hannover und Leipzig szenisch gelesen und ist derzeit für den Retzhofer Dramapreis 2019 nominiert.

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