Ars Leidinger

Perfekte Theatertränen, fein inszenierte Geständnisse: Männliche Star-Künstler reagieren auf eigenes Fehlverhalten oft, indem sie sich als Opfer stilisieren und die Kunstfreiheit betonen. Das hat System. Zeit, dass es sich ändert.

Die von 2010 bis 2015 ausgestrahlte Serie „Louie“ mit und von Comedian Louis C.K. gilt als eine der besten und experimentierfreudigsten Serien des letzten Jahrzehnts. Von der Kritik ebenso hochgelobt ist C.K.s Stand-Up, besonders aufgrund der schonungslos offenen Thematisierung dunkler und schwacher Momente des täglichen Mann- und Menschseins. Zwischen all den Lachern und Masturbationswitzen vergaß er allerdings zu erwähnen, dass er im Privatleben seine Mann- und Machtposition ausgenutzt und vor Kolleginnen masturbiert hatte.

Künstler sind im Kapitalismus Werbetreibende. Die Währung ist Aufmerksamkeit für die Kunst und für das Selbst, und zwar möglichst positive.

Die Vorwürfe kursierten schon seit Jahren, doch C.K. stritt sie solange ab, bis diese immer lauter wurden und er sich schließlich mit einer halbgaren Entschuldigung aus der Öffentlichkeit zurückzog. Als sich nach einem knappen Jahr das nächste Stand Up-Special ankündigte, war man gespannt: Wie würde Louis C.K. mit den Anschuldigungen umgehen? C.K. räumte dem Ganzen wenige Minuten am Ende des Programms ein und inszenierte sich als Opfer einer Tragödie: „Hell is not that bad. I’ve been there“. Ohne konkret auf die Vorwürfe einzugehen, beschrieb er, dass ja nun die ganze Welt um seine Vorliebe wüsste und er wiederum, wer seine wahren Freunde wären („Black People!“). Na dann, Brother Louie. Die Louie-Bros, seine Fans, waren und sind bei ihm, fanden das Jahr ohne ihren Helden viel zu lang und monieren: Warum haben sich die Frauen nicht gewehrt?

Solidarisiert Euch – mit mir!

Warum sich die Schwarzen gegen 400 Jahre Sklaverei nicht gewehrt haben, fragt hingegen Kanye West, der nun schon seit einigen Jahren mit MAGA-Hut unterwegs ist. Seine leidenschaftliche Kritik an der rassistischen Berichterstattung über die schwarze Bevölkerung im Nachgang des Hurrikans Katrina, die er mit den Worten „George Bush doesn’t care about black people“ beendete, scheint Lichtjahre entfernt. Nun vertraut West auf die Kraft von Drachenblut, das sowohl ihm als auch Donald Trump durch die Adern fließen soll. So oder so: Schuld sind am Ende nicht die Strukturen der Unterdrückung, sondern die Unterdrückten selbst.

In der Opferecke

Der Schauspieler Lars Eidinger nahm im Januar dieses Jahres Obdachlosen aus Versehen die Opferrolle weg, indem er sie als Werberequisiten benutzte und mit einer 500-Euro-Tragetüte vor ihren Schlaflagern posierte. Die hippen Werbebilder sorgten für einen Shitstorm – und Eidinger sah sich dazu genötigt, eine Lanze für die Kunstfreiheit zu brechen. So weinte er auf der diesjährigen Berlinale, weil er es nämlich gemein findet, dass er Liebe in die Welt tragen will und ihm dafür Hass entgegenschlägt. Einen weiteren blinden Fleck offenbarte Eidinger auf der Berlinale 2018. Auf die Frage zu sexualisiertem Machtmissbrauch im Filmbetrieb antwortete er mit wohlwollend-begutachtendem Blick auf die Reporterin, dass wir doch „alle sexuelle Wesen“ seien.

Alle canceln außer Mutti?

Ist es nun an der Zeit, die drei Männer allein im Wald stehen zu lassen, ihre Kunst zu tabuisieren und sie als unkonsumierbar zu labeln?

Künstler sind im Kapitalismus Werbetreibende. Die Währung ist Aufmerksamkeit für die Kunst und für das Selbst, und zwar möglichst positive. Unliebsame Kritik muss unterdrückt werden, um das Fortbestehen der Persona zu garantieren. Der Künstler lässt sich in diesem Gefüge kaum von seiner Kunst trennen. Sobald die Kunst Aussagen über gesellschaftliche Verhältnisse trifft, die Haltung und auch der künstlerische Ausdruck auf falschen (und womöglich diskriminierenden) Annahmen basiert, wird dies umso deutlicher.

Man könnte Eidingers Fashion-Fauxpas auch zum Anlass nehmen, auf die Gründe hinzuweisen, warum geschätzt über eine Million Menschen in Deutschland wohnungslos sind: Das ist in der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft, in der Grundbedürfnisse nur anerkannt werden, wenn man sie bezahlen kann, aber ganz normal und demokratisch.

So werden die Opfer kapitalistischer Strukturen aus der Statusposition derer, die es geschafft haben, mit unsolidarischem Blick beäugt: Ob sie nicht vielleicht doch selbst schuld sind?  Zu viel getrunken, zu wenig angestrengt, irgendwas?

Bei Kanye West stellt sich die Frage nach dem fehlenden Klassenbewusstsein: Warum fraternisiert er mit einem Rassisten wie Donald Trump und bezeichnet die Wahlentscheidung schwarzer U.S. Amerikaner für die demokratische Partei als Produkt von Gehirnwäsche? Und warum möchte West so vehement seine Verbindung zur Black Community kappen? Auch im Falle von Louis C.K. würde man sich wünschen, mehr über die Situation von Frauen im männerdominierten Stand-Up Business zu hören.

Bei aller Kritik und Unverständnis für solcherlei Auswüchse männlicher Hybris gilt: Der Zwang, sich auf dem Markt zu behaupten, macht uns alle gleich. Auch wir müssen Können und Karriere feilbieten. Das, was uns alle ungleich macht, sind Unterdrückungs- und Ausbeutungsstrukturen, die verschiedentlich auf Menschen wirken, je nachdem, wo sie in der Hierarchie stehen. Diese Strukturen können nur jene vernachlässigen, die es sich leisten können. So werden die Opfer kapitalistischer Strukturen aus der Statusposition derer, die es geschafft haben, mit unsolidarischem Blick beäugt: Ob sie nicht vielleicht doch selbst schuld sind?  Zu viel getrunken, zu wenig angestrengt, irgendwas?

System- statt Individualkritik

Kunst ist frei und muss um jeden Preis frei bleiben. Louie darf, Kanye darf, Lars darf. Die Frage ist auch nicht: Was dürfen Künstler? Es muss heißen: Was macht das Leben im Kapitalismus mit Künstlern, mit allen Menschen, und zwar die ganze Zeit schon?

Das Leben im Kapitalismus vereinzelt und deformiert uns. Wir können diesen Zustand externalisieren und anschließend als Wundprodukt und Produkt für eine gesellschaftliche Wunde verkaufen.

Doch das Leiden an der Vereinzelung hört nie auf, auch nicht durch die kultische und ideologische Reinigung der Kunst und durch die Kunst. Langfristig bedarf es einer Offenlegung von Machtstrukturen und nicht nur das: Machtstrukturen müssen abgeschafft werden.

Das Feuilleton muss aufhören, sich auf moralische Individualkritik zu beschränken – das Organisieren und sich Wehren gegen Täter-Opfer-Umkehr und Zynismus auf Kosten marginalisierter Gruppen kann nur kollektiv geschehen. Ein Beispiel: Das Düsseldorfer Obdachlosenmagazin verkauft seit Neuestem eine hippe Lidl-Tüte. Sie kostet null Euro für obdachlose Menschen, fünf Euro für alle anderen – und für Lars Eidinger: 551,55 Euro.

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Lea Matika

Lea Matika

Lea Matika, Jahrgang 1988, hat Anglistik/Germanistik und transkulturelle Theaterwissenschaften studiert. Sie lebt in Leipzig und ist als Musikerin, Theatermacherin und Journalistin tätig. Ihre Texte erschienen bisher u. a. im Leipziger Stadtmagazin kreuzer und beim Ventil Verlag.

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