Das Theater um die Rechtfertigung

Unsere Autorin ist zunehmend genervt von der wohlfeil daher behaupteten „Systemrelevanz“ von Kunst und Theater. Statt nach der Relevanz sollten wir lieber nach dem System an sich fragen.

Systemrelevant – wer hat sich vor 2020 überhaupt gefragt, ob der eigene Lebensinhalt mit dieser Kategorisierung kompatibel wäre? Für alle, deren Alltag um Kunst und Kultur kreist, ist dieses Thema von vornherein irgendwie peinlich. Die Bedeutung von Kultur als zentraler Begleiterin der Menschheit scheint selbstverständlich. Aber versuche doch mal eine:r, ihre oder seine künstlerische Arbeit mit etwas anderem als dieser grundlegenden Notwendigkeit zu rechtfertigen.

„Kunst muss sich nicht rechtfertigen“, „braucht keinen Zweck außer ihrer selbst“ und ähnliche Totschlagargumente sind an dieser Stelle genauso überflüssig wie ihr Gegenteil, nämlich die Relativierung von Leben durch Tod. Letztere funktioniert zum Beispiel so: Eine neuartige Erkrankung bedroht die Welt und manche Teile der Gesellschaft kämpfen unter Gefährdung ihrer eigenen Gesundheit dagegen an, sorgen dafür, dass unser Leben in der Ausnahmesituation seinen Lauf nehmen kann – wir können es wohl verkraften, wenn eine Premiere oder Biennale oder Ausstellung verschoben wird…

Sonst macht halt was anderes

Der erste Entwurf dieses Textes war eine Herleitung, warum es gerade jetzt systemrelevant sei, Theater zu machen. Ein kleiner Ausflug in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, ein Schlenker über kritische Praktiken und ihren Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungen, viel Pathos gegen Ende. Dann habe ich eine Nacht darüber geschlafen – das hilft meistens – und mir heute die Frage nach Systemrelevanz selbst gestellt. Die lässt sich nämlich auch im Kleinen ganz ausgezeichnet anwenden und bewahrt einen bestenfalls davor, wenn schon nicht relevant, dann wenigstens nicht das Gegenteil davon zu sein.

Meine morgendliche Erkenntnis: Kein Mensch muss im Rahmen des Theatertreffens lesen, dass Theater und die Künste systemrelevant sind. Wir werden es in den nächsten Wochen sowieso noch häufiger hören, bis sich auch die letzte Direktorin, jedes Kultusministerium und sämtliche Kuratoren und Theoretikerinnen, denen man grundsätzlich gerne das Wort erteilt, zu allen Facetten der Unabdingbarkeit der Kultur geäußert haben werden. Sicher ist es für einige wichtig, das vor Augen geführt zu bekommen. Aber ich gehe davon aus, dass die hier digital Versammelten das bereits wissen (oder durch die Erkenntnis des Gegenteils post-Corona etwas anderes machen werden).

Was ist das für ein System, für das ich relevant bin oder nicht? Will ich Teil davon sein? Warum? Wenn ja, in welcher Funktion? Wenn nein, wie kann ich es ändern?

Was sollte man also in diesem Rahmen stattdessen lesen? In diesem neuen Rahmen eines Theatertreffens, das als Streaming stattfindet, während noch alle Institutionen und Personen dabei sind, sich im digitalen Raum selbst zu finden? Während die Welt versucht, eine Version von sich zu finden, die nach der Pandemie und der dazugehörigen wirtschaftlich-sozialen-gesellschaftspolitischen Krise, standhält? In Zeiten, in denen Antworten schwer fallen, lohnt es umso mehr, Fragen zu stellen.

Und vor der Frage nach Systemrelevanz kommt die viel grundlegendere: Was ist das für ein System, für das ich relevant bin oder nicht? Will ich Teil davon sein? Warum? Wenn ja, in welcher Funktion? Wenn nein, wie kann ich es ändern? Sorgt jede meiner Gesten dafür? Im Großen wie im Kleinen?

Unser absurder historischer Moment

An der Wand hinter meinem Schreibtisch, an dem ich diese Zeilen tippe, kleben einige gelbe Zettel mit losen Gedanken und Ideen für Texte. Auf einem steht: „Theatertreffen: selbstreferenzielles Schulterklopfen?“, eine Frage, die ich notiert hatte, bevor ich Teil des Blog-Teams geworden bin. Sie ist absolut ernst gemeint, keine süffisante Pose oder Angriff des Angriffs wegen. Ich habe sie als jemand gestellt, die nicht Teil des Systems war, und wollte sie durch die diesjährige Ausgabe beantworten – entweder als Externe oder eben als Bloggerin. Denn dass das Theater als künstlerische Disziplin gerade neue Möglichkeiten erforscht, systemrelevant zu sein, habe ich in den letzten Monaten immer stärker erfahren. Ich war gespannt, ob man das auch beim Theatertreffen spüren würde.

Statt nun also in Krisenbewältigungsmanier in Selbstgefälligkeit abzudriften und pathetisch herzuleiten, dass es Kultur braucht, gilt es, diese Ausnahme-Ausgabe dahingehend zu hinterfragen. Und dabei kritisch mit uns selbst zu sein. Denn – wenigstens einen Abschnitt habe ich aus der ursprünglichen Version des Texts übernehmen können, denn er schien mir auch heute noch relevant –:

Die Komplexität der Zeit, in der wir uns bewegen, erfordert es mehr denn je, sie aus anderen Winkeln zu betrachten, um überhaupt zu verstehen, was vor sich geht. Dazu brauchen wir die Künste und ihren denkerischen Freiraum. Genau jetzt – in diesem absurden historischen Moment, in dem langsam alles wieder aus der kollektiven Schockstarre erwacht, in die uns die globale Pandemie versetzt hat – lohnt es sich zu fragen, was vorher sozial, wirtschaftlich und ökologisch passiert ist – und viel wichtiger, zukünftig passieren soll.

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Ann Mbuti

Ann Mbuti

Ann Mbuti, Jahrgang 1990, ist Autorin und Kulturpublizistin. Ihre Arbeit untersucht das gesellschaftliche Potenzial von Kunst und Kultur, über das sie regelmäßig für nationale und internationale Publikationen schreibt. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

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