„Ich darf nicht, also muss ich“

In „Chinchilla Arschloch, waswas“ von Helgard Haug (Rimini Protokoll) geht es um Tourette. Drei Performer, die mit der Krankheit leben, und die Musikerin Barbara Morgenstern geben dem Kontrollverlust eine Bühne – und andersherum. Unsere Autorin sprach mit Darsteller Benjamin Jürgens über den geprobten Ausnahmezustand.

Anstrengung

Eine Frage, die im Stück gestellt wird ist: „Was passiert mit Tourette, wenn man ihm eine Bühne gibt?“ Wie hast du die für dich beantwortet?

Benjamin Jürgens: An sich hat man weniger Tourette-Tics, wenn es erlaubt ist. Aber die Aufregung und die äußeren Reize befördern Tourette wiederum. So ist das Publikum ein Trigger, wenn es hustet und raschelt. Man steht durch Tourette ständig unter Strom. Und so eine Theateraufführung ist an sich schon sehr kraftraubend. Ein Arzt sagte mir mal, ich solle darauf achten, täglich ca. 5000 Kalorien zu mir zu nehmen, da ich durch Tourette einfach extrem viel Energie verbrauche. Nach drei Aufführungen am Stück falle ich komplett ausgepowert ins Bett.

Ausfallend werden

Tourette ist ein bisschen wie ein Troll, der das sagt, was eine Situation sprengt. Im Stück vergleicht Bijan Kaffenberger das mit AfD-Sprech. Ich empfinde Tourette aber auch teilweise als sehr komödiantisch. Warum sucht sich Tourette das absolute Tabu?

Benjamin Jürgens: Mit Konventionen und Regeln brechen ist natürlich witzig und wir haben ja alle mal so Gedanken in Situationen oder über Mitmenschen. Bei Tourette-Kranken ist es so, dass dieser Gedanke nicht verarbeitet wird, sondern sich als eine Zwangsreaktion, als Tic, äußert. Ich darf nicht, also muss ich. An sich ist es aber so, dass nur ein geringer Teil von Tourettlern Koprolalie hat, also unangebrachte Wörter sagt. Das wird in den Medien ja immer so dargestellt, als ob Menschen mit Tourette ständig herum schimpften. Manche, die leichtere Formen von Tourette haben, leiden unter dieser medialen Darstellung, da sie diesem Klischee nicht entsprechen und dann nicht so ernst genommen werden.

Angst

Hat es deinen Erfahrungen nach dem Publikum Angst gemacht, dass Tourette so viele Grenzen und Konventionen sprengt? Gab es da Situationen, die grenzwertig waren?

Benjamin Jürgens: Die erste Reihe hat schon immer komisch geguckt, wenn ich mit der Glasflasche herumhantiert habe. Das haben wir dann im Stück auch als Kommentar eingebaut. Tourette ist aber irgendwie auch vernünftig, denn in meinem Job als Altenpfleger oder im Familienleben habe ich keine Tics, die gefährdend sein könnten für meine Mitmenschen. Die Leute müssen erstmal merken, dass ich die jetzt nicht mit dem Glas aufschlitzen werde. Es ist wichtig, einen normalisierten Umgang zu finden. Wenn ich zum Beispiel Bahn fahre und Menschen komisch gucken, dann rufe ich meine Frau oder einen Freund an und unterhalte mich. So zeige ich, dass ich ein ganz gewöhnlicher Mensch bin, nur eben mit Kasper im Kopf.

Ausgestellt werden

Der Performer Christian Hempel nennt sich im Stück einmal eine „Attraktion“. Hattest du Angst, im Rahmen des Theaterprojekts auf der Bühne ausgestellt zu werden?

Benjamin Jürgens: Nein, denn der Stückprozess war ein stetes Aushandeln. Wir haben viel gesprochen und unsere Grenzen klargemacht. So habe ich alles selbst gesetzt und unter Kontrolle gehabt. Ich habe mich eher gefragt, ob ich es packe, weil es teilweise sehr anstrengend war. Aber dann haben wir darüber kommuniziert und vermehrt Pausen eingelegt.

Abhilfe

Du bist Mitgründer einer Selbsthilfegruppe. Wie wird Tourette gesellschaftlich behandelt? Werden einem Steine in den Weg gelegt, wenn man Unterstützung benötigt?

Benjamin Jürgens: Es liegt leider viel im Argen. Kinder werden gern in Sonderschulen gesteckt, weil sie als nicht tragbar für den Klassenverband angesehen werden. Wir gehen dann in die Schulen und reden mit den Lehrkräften und klären da erstmal grundsätzlich auf. Denn es gibt Lösungen, die es ermöglichen, mit Tourette auf einer Regelschule zurechtzukommen: Zum Beispiel, dass das Kind im Unterricht mal Hüpfen oder Rausgehen darf. Oder, dass ein extra Raum zum Austicken geschaffen wird.

Auch mit medizinischer Hilfe ist es oft schwer: Fachärzte, die auf Tourette spezialisiert sind, gibt es leider gar nicht in Hessen. Man muss sich als Patient selbst informieren und dem Arzt möglichst klar sagen, was man möchte. Für so etwas ist unsere Selbsthilfegruppe dann auch da.

Aufbrechen

Möchtest du abschließend noch etwas zu deiner Theatererfahrung sagen?

Benjamin Jürgens: Das Schönste war, wenn Menschen aus dem Publikum zu mir gekommen sind, die ebenfalls Tourette haben, und erzählt haben, dass sie zum ersten Mal im Theater waren und sich wohl gefühlt haben und keine Angst hatten, unangenehm aufzufallen. Es freut mich sehr, dass wir mit dem Stück so einen Freiraum geschaffen haben.

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Lea Matika

Lea Matika

Lea Matika, Jahrgang 1988, hat Anglistik/Germanistik und transkulturelle Theaterwissenschaften studiert. Sie lebt in Leipzig und ist als Musikerin, Theatermacherin und Journalistin tätig. Ihre Texte erschienen bisher u. a. im Leipziger Stadtmagazin kreuzer und beim Ventil Verlag.

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