Ritus digitalis

Wohin mit den lebenden und sterbenden Körpern? Im Digitalen verschiebt sich mit dem Raum-Zeit-Verhältnis auch unsere Beziehung zum Tod. Über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Grenzerfahrungen in Zeiten der Isolation.

Eine der wesentlichen Errungenschaften der Moderne besteht in der Entkopplung der Zeit von ihrem bisherigen religiösen Verständnis zugunsten eines skalaren Zeitrhythmus‘ und der Gewöhnung an die Arbeit und Planung von (Re)Produktion. Jenen Beginn der taylorisierten Zeitrechnung markiert das schleichende Ende des symbolischen Austauschs zwischen Leben und Tod und ebnet den Weg für eine neue, andere Allgegenwärtigkeit des Todes. Eine Allgegenwärtigkeit, die im Zug der Säkularisierung das Sterben nicht nur in ein abstraktes „Man“ verschwinden lässt, sondern den Tod zerlegt, banalisiert und verdrängt. In der daraus resultierenden allgegenwärtigen Angst liegt die zersetzende Macht, die das Individuum unaufhaltsam erschüttert.

Sinnhafte Konzepte des Todes als aktiver, tragender Pfeil unserer Gesellschaft haben sich zunehmend aufgelöst, es wurde versäumt sie zu ersetzen mit nachhaltigen Systemen, die uns helfen Dinge zu akzeptieren, Schmerz zu lindern, Unverständliches zu verstehen und uns zu dieser Welt ins Verhältnis zu setzen. Während die Toten aus den physischen und geistigen Gesellschaftsräumen verbannt wurden, bleiben die Lebenden als Untote zurück in einer entleerten Welt, in der ein Narrativ der Euphemisierung des Sterbens gesponnen wird. Es handelt von seiner Überschreibung als natürlichem Akt, also von etwas, das hätte verhindert werden können. Wie lange wir leben wollen, scheint das Wofür zu überwiegen.

In der sinnentleerten technischen Reproduzierbarkeit und ihrer Repetition liegt das Wesen des sakralen Rituals und seiner Wiederholbarkeit als religiöses Urmedium.

Die Frage nach dem kollektivem Umgang mit dem Unsagbaren par excellence zieht unmittelbar die Frage nach dem Sakralen nach sich. Diese schien jedoch am Anfang des 21. Jahrhunderts in weiten Teilen sowohl der westlichen Welt als auch des linksliberalen-intellektuellen Theatermilieus geklärt zu sein. Nun aber befinden wir uns zur Zeit aufgrund einer derartigen Konfrontation oder eben Nicht-Konfrontation mit der Möglichkeit des Sterbens in der besonderen Situation einer globalen Quarantäne.

Wechselspiel von Immanenz und Transzendenz

Betrachtet man den etymologischen Hintergrund dieses Wortes, wird seine lateinische Herkunft, „Quaranta“, vierzig, schnell deutlich. Die Semantik entlarvt hier den Verlust des Sakralen als eine nachaufklärerische Verschiebung. Bereits in der Bekämpfung der Pest wurden 40-tägige Isolationen verhängt. Die Zahl trägt aber auch einen hohen symbolischen Gehalt. 40 Tage dauerte die biblische Sintflut, das Volk Israel wanderte 40 Jahre durch die Wüste und bis heute dauert die Fastenzeit 40 Tage, 40 Tage zur körperlichen und geistigen Reinigung, eine Zäsur, die den normalen Alltag unterbricht, um eben gereinigt, gestärkt in ihn zurückzukehren.

Die Digitalisierung und Technologisierung lindert in der aktuelle Lage nicht bloß die Einsamkeit und Vereinzelung vieler, sie verbindet nicht nur in Zeiten, in denen die Begegnung von physischen Körpern unterbunden wird und fungiert als Ausweichstätte, wie etwa für das Theatertreffen, sondern verzeichnet eine bereits länger währende Entwicklung, nämlich die der Verschiebung der Erfahrung von Transzendenz in den digitalisierten Raum. In der sinnentleerten technischen Reproduzierbarkeit und ihrer Repetition liegt das Wesen des sakralen Rituals und seiner Wiederholbarkeit als religiöses Urmedium, als heiliger Ort mit einem abweichenden Raum-Zeit-Verhältnis.

Wenn sich also dringlicher denn je die Frage stellt, wohin mit unseren lebenden und sterbenden Körpern und der Sehnsucht nach dem Wechselspiel von Immanenz und Transzendenz, scheint der digitale Raum ein geeigneter Zufluchtsort zu sein, in dem man sich selbst vergessen und mit etwas Ungreifbarem, das Zeit und Raum überschreitet, verbinden kann. In ihm steckt das Versprechen nach neuer Grenzerfahrung, nach einer neuen Unsterblichkeit, nach der Begegnung mit dem Abwesenden, etwas, das uns nicht ganz zugänglich ist. Digitale Daten beinhalten einen neugefunden Glauben an etwas, das nur Stellvertreter ist für ein Dahinterliegendes.

Wie auch das Heilige und der Mensch selbst, der gesehen werden will und auch nicht, birgt das Digitale Ambivalenzen. Es ist gleichermaßen opak und transparent.

Totenbeschwörung als Urform theatraler Repräsentation, der Austausch zwischen abwesenden Gegenständlichkeiten und anwesenden Körpern, die Stellen der Öffnung und der Schließung eines Kunstwerkes und die oszillierenden gespenstischen Grenzen dazwischen, die Erfahrung des Eigenen und des Fremden – all das fällt weg, ohnehin schon viel zu oft im Theater, aber bei der Schließung von Theatern in Quarantäne-Zeiten ganz und gar. Die Endlosschleife der ununterbrochenen, dahinfließenden Zeit suggeriert Endlosigkeit und die fließende Zeit des Immergleichen, die wir nun in Quarantäne erleben, der Verlust des Raums – all dem bieten das Internet und die Digitalisierung Erlösung. Doch wie auch das Heilige und der Mensch selbst, der gesehen werden will und auch nicht, birgt das Digitale Ambivalenzen. Es ist gleichermaßen opak und transparent, es unterscheidet nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit, Produktion und Reproduktion, es zieht uns in den Sog einer Endlosspirale nach innen und verschließt sich dennoch ganz an seiner ästhetischen Oberfläche.

Scharfer Blick aufs Undarstellbare

Das Zitat des Digitalen kann in der Kunst ein ästhetischer Widerstand sein, es kann eine Denkfigur für Utopien sein. Bei allen Vorzügen und Annehmlichkeiten dürfen wir dennoch, und in diesen Zeiten mehr denn je, nicht vergessen, dass wir, so banal es klingen mag, auch physisch aufeinander angewiesen sind. Die Sehnsucht nach Realität und Einheit gehört zur condition humaine, der Umgang mit ihr kann entweder besänftigen und berauschen oder herausfordern und Wunden offenlegen.

Die Aufgabe besteht darin, sie von einer transzendentalen Illusion von Versöhnung zu unterscheiden, um nicht die Sicht auf das Kleine, auf die destabilisierte Wirklichkeit, den scharfen Blick für das Undarstellbare, das Dazwischen, das Andere zu verlieren. Denn das Bewusstsein erfährt sich erst im Unterschied zur Welt, in der Begegnung mit dem Fremden, mit dem außerhalb Liegenden. Diese widersprüchliche Spannung bietet in ihrer kulturellen Praxis und ästhetischen Übersetzung Erfahrungsräume, die es erlauben, sich als fühlendes, atmendes und denkendes Wesen wahrzunehmen. Erst in der Unterbrechung, der spielerischen Begegnung und dem Austausch mit anderen Menschen, wofür das Theater konstitutiv ist, kann der Mensch sein volles Lustpotenzial erreichen.

Wird dieses Jahr also nicht die komplette 10er-Auswahl des Theatertreffens gezeigt, so kann man in der Not, in dem Akt des Nicht-Zeigens einiger der eingeladenen Inszenierungen eine ebenso spannungsvolle anwesende Abwesenheit spüren und die Erinnerung daran lesen.

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Laura Schuller

Laura Schuller

Laura Schuller, Jahrgang 1992, in Luxemburg geboren und aufgewachsen. Während des Studiums der Theaterwissenschaft, Philosophie und Kulturwissenschaften in Leipzig inszenierte sie dort in der freien Szene. Es folgen diverse Dramaturgie- und Regiehospitanzen (u. a. bei René Pollesch) sowie ein Masterstudium der Theaterwissenschaft in Berlin. Durch Lektoratsarbeit und dramaturgische Verlagsberatung die neue, alte Liebe zum Schreiben entdeckt. Zurzeit schreibt sie in Berlin ihre Masterarbeit sowie an ihrem ersten Roman.

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