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Das Theatertreffen eröffnet mit Christopher Rüpings „Einfach das Ende der Welt“. In den Sehnsüchten seiner todkranken Hauptfigur spiegelt sich auch die seltsame Unvollständigkeit unserer Gegenwart.

Es ist der Auftakt des Theatertreffens 2021 und ich sitze wieder gemeinsam alleine mit 1500 anderen Menschen vor dieser kleinen Kiste. Der Blick geht Richtung Berliner Festspiele, allerdings via Zürich. Denn anders als letztes Jahr wird der Großteil der Vorstellungen vor leerem Theatersaal zwar, aber dafür live gespielt und über die digitale Plattform des Theatertreffens gestreamt – so auch die gestrige Eröffnungsaufführung „Einfach das Ende der Welt“ frei nach Jean-Luc Lagarce in der Regie von Christopher Rüping aus dem Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses.

Wie eigentlich immer im Theater geht es wieder um Zeit und Raum und ihre schmerzhafte Lücke. Durch die ebenfalls lückenhafte Verbindung von Digitalität und Liveness doppelte sich diese Erfahrung für die Zuschauer*innen: Wir befinden uns in der gleichen Zeit, aber nicht mehr im gleichen Raum, während wir Figuren zusehen, die zwar im gleichen Raum sind, sich aber augenscheinlich in unterschiedlichen Zeiten befinden. Damit ist bereits viel gesagt, sowohl über die aktuellen Begrenzungen des Digitalen als auch über den Kern der Inszenierung. Es will uns einfach nicht gelingen, ganz und gar zusammenzukommen. Wir sind fast beieinander, aber eben nur fast. Im digitalen Raum, aber auch in einer zunehmend digitalisierten Welt haben wir zwar Angst davor, alleine zu sein, aber vielleicht noch größer ist die Angst, einander nah zu sein.

Verloren, nicht verschwunden

So auch für die Figur des verlorenen Sohnes, gespielt von Benjamin Lillie. Der kehrt zwölf Jahre nach der Flucht in die Großstadt zurück ins familiäre Kaff, in der Hoffnung auf Versöhnung und Nähe.

Rüping und sein Team haben sich dabei bewusst für den radikal subjektiven Blick einer einzelnen Handkamera entschieden, die der Regisseur selbst gemeinsam mit Video-Assistentin Emma Lou Hermann führt. Diese Einschränkung zeigt bereits gleich am Anfang ihre Kraft und liefert einen ersten szenischen Höhepunkt, wenn Benjamin Lillie mit großen Augen sein Gesicht ganz nah an das Auge zur Welt drückt und in diesem berauschenden Moment der vollen Aufmerksamkeit und der Behauptung des Selbst durch Sprache den gefährlichen Ort der Gegenwart betritt. Dieses ästhetisierte Reden über sich selbst ohne unmittelbare Gegenüber hat durchaus Social-Media-Charakter, durch die Überblendung von Figur und ihrem Darsteller: Er heißt Benni und ist 36 Jahre alt, so viel zur Realität. Dann hält er die Hand vor die Kamera, schließt uns also die Augen, weil manches Unsagbare Blicke nicht aushält: Er ist sterbenskrank. So viel zur Fiktion.

Keine Wahlverwandtschaft: Benjamin Lillie, Maja Beckmann, Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald © Diana Pfammater

Hier steckt Lillie den Rahmen der Inszenierung ab, die sich wie die Kameraführung im ruckelnden Austausch zwischen Realität und Fiktion, zwischen Großem und Kleinem, zwischen Vergangenheit und Zukunft aufhält, weil die Zeit und Sprache an den Figuren vorbeirauschen und durch sie hindurch scheitern.

Anschließend durchschreitet Lillie mit der Kamera das von Jonathan Merz detailverliebt nachgebaute Elternhaus und richtet den Blick auf all das, was das Leben über die Zeit angeschwemmt hat: Muscheln, Steine, VHS Kassetten, ein kleines Holzelefantenpaar. All diese Dinge werden zu Reliquien und erzählen melancholisch von der Vergänglichkeit. Sie zeigen, was verloren, aber nicht ganz und gar verschwunden ist und werden dadurch zu den Protagonisten des ersten Teils. Der Musiker Matze Pröllochs verstärkt diesen Vorgang durch bedeutungsvolle Musikflächen und Samples der 90er und 80er Jahre.

Radikalste Begegnung des Fremden

Während in diesem ersten Teil sehr viel Sehnsucht zu spüren ist, zeigt der sehr reduzierte zweite Teil einen leeren Raum voller gekränkter Egos und anstrengender Emotionen, verausgabendem leerem Gerede, zeigt das Scheitern jeglicher Annäherung und die Unfähigkeit, in der Gegenwart zu leben – selbst im Angesicht des Todes.

Auffällig ist die Gleichsetzung des eigenen Lebensendes mit dem Ende der ganzen Welt und somit die Unfähigkeit des narzisstischen Gegenwartssubjekts, aus seiner eigenen Haut zu kommen. So verwandelt sich die Sehnsucht nach Nähe und Intimität in eine Sehnsucht nach allgegenwärtiger Apokalypse, denn vor dieser sind wir wenigstens alle gleich.

„Einfach das Ende der Welt“ zeigt Begegnung als Aufeinandertreffen mit einem radikal Fremden – und wenn es die eigene Familie ist. Aber in der Akzeptanz dieser Erkenntnis liegt die Chance auf Gemeinschaft.

Einfach das Ende der Welt 
nach Jean-Luc Lagarce
Inszenierung: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Matze Pröllochs, Licht: Frank Bittermann, Dramaturgie: Katinka Deecke, Malte Ubenauf.
Mit: Maja Beckmann, Nils Kahnwald, Ulrike Krumbiegel, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Matze Pröllochs.
Premiere am 3. Dezember 2020
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

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Laura Schuller

Laura Schuller

Jahrgang 1992, in Luxemburg geboren und aufgewachsen. Während des Studiums der Theaterwissenschaft, Philosophie und Kulturwissenschaften in Leipzig inszenierte sie dort in der freien Szene. Es folgen diverse Dramaturgie- und Regiehospitanzen sowie ein abgeschlossenes Masterstudium der Theaterwissenschaft in Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

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