Twitter Logo Facebook Logo Instagram Logo

Chance auf den Reset

Das Theatertreffen ist vorbei und auch das TT-Blog verlässt in dieser Form nach 13 Ausgaben die Bühne. Zum Abschied sprach Projektleiter Janis El-Bira mit Festivalchefin Yvonne Büdenhölzer über Erhalt und Reform des Theatertreffens, die Krise der Kritik, kleine Skandale und große Experimente.

Janis El-Bira: Das Theatertreffen steht ja seit jeher in einem ganz außergewöhnlichen und engen Verhältnis zur Kritik. Eben deshalb, weil es in seinem Kernformat, der 10er Auswahl, ein von den Kritiker*innen selbst zusammengestelltes Festival ist. Dieses Prinzip der Kritiker*innen-Jury und der „bemerkenswertesten“ Arbeiten stand ja gerade auch beim Festival selbst bei einigen Stimmen in der Kritik, weil es eine künstliche Konkurrenz erzeuge, die den fälligen Strukturreformen an den Theatern im Weg stehe. Warum ist es eigentlich dennoch erhaltenswert?

Yvonne Büdenhölzer: Ich würde sagen, dass das Theatertreffen sich selbst immer wieder reflektieren muss, dabei steht im Fokus: Was ist erhaltenswert und wo bedarf es einer Reform? Für mich sind das Fragen, die jetzt ganz oben auf meiner persönlichen Agenda stehen. Weil wir es meines Erachtens einerseits mit einer Krise der Theaterkritik zu tun haben und weil sich andererseits die Häuser so stark verändern – das sind auch coronabedingte Entwicklungen. Für mich stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, inwiefern sich das Theatertreffen perspektivisch mitverändern muss. Und ich denke durchaus darüber nach, wie wir da bei der Jury ansetzen können, wie sie sich perspektivisch verändern könnte. Ich finde aber nach wie vor das Prinzip einer unabhängigen Jury absolut erhaltenswert. Daran würde ich nicht rühren wollen. Aber angesichts des riesigen Strukturwandels frage ich mich, wie sich die Präsentation der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen weiterdenken lässt.

Du hast die „Krise der Kritik“ erwähnt. Diese Krise ist ja schon häufig ausgerufen worden. Worin siehst du denn das Besondere dieser Krise der Kritik im Moment?

Zum einen darin, dass sich die Berichterstattung in den klassischen Medien immer mehr und mehr vom Theater wegbewegt. Es wird vor allem noch viel Diskurs aufgegriffen. Das hat natürlich einerseits mit Corona zu tun, aber andererseits auch, glaube ich, mit einer Vorstellung davon, was die Leser*innen interessiert. Das ist das eine Problem. Das andere ist, dass es kaum Nachwuchs gibt. Auch journalistische Studiengänge, die klassische Theaterkritiker*innen ausbilden, gibt es nur noch wenige.

…aber inwiefern hat die Corona-Krise diese Krise der Kritik nochmals verschärft? Gibt es da auch einen Kompetenzmangel im Umgang gerade mit dem, was uns an Stelle des analogen Theatererlebnisses, auf das die Kolleg*innen ja abonniert sind, angeboten wurde? Fehlte da einfach auch eine Beschreibungskompetenz für das, was es stattdessen gab in diesem Jahr? Für den Medientransfer?

Es gibt einfach – auch in der Jury – sehr unterschiedliche Blicke auf digitale Theaterprojekte. Da ist die Jury sich auch überhaupt nicht einig und es gab Diskussionen über die sogenannte physische Kopräsenz. Es wurde beispielsweise diskutiert, ob eine Livestream-Inszenierung wie der „Zauberberg“ noch Theater oder bereits Film ist. Aber am Ende waren alle sehr offen, digitale und analoge Arbeiten zu sichten – auch als Reaktion auf diesen Corona-geprägten Jahrgang.

Das Theatertreffen-Blog und seine Vorgängerinstitution, die Festivalzeitung, waren selbst ja auch Reaktionen auf eine auch damals schon attestierte Krise der Kritik. Nachwuchsmangel war ein wichtiges Stichwort. Wie kam es damals zur Gründung dieses Formats?

2005 hat die damaligen Theatertreffen-Leiterin Iris Laufenberg mit Uwe Gössel die erste Festivalzeitung in Kooperation mit der Berliner Zeitung ins Leben gerufen. Ich war damals auch schon im Team und habe den Stückemarkt verantwortet. Und damals ging es uns auch schon darum, dass sich ein Kritiker*innen-Festival um den Nachwuchs kümmern sollte. Das war ein sehr ambitioniertes Projekt mit sieben Print-Ausgaben, die der Berliner Zeitung beilagen. Unglaublich aufwendig, und als Projekt auch ziemlich teuer. 2009 kam dann die Gründung des Theatertreffen-Blogs. Das ging damals zurück auf eine Initiative von Nikola Richter, mit der ich in einem anderen Kontext auch schon zusammengearbeitet hatte. Sie hatte uns vorgeschlagen, die Festivalzeitung in ein Blog zu überführen, weil damals quasi dieser Umschwung in die digitale Berichterstattung ganz oben auf der Agenda stand. Auch nachtkritik.de war da ja erst vor kurzem gegründet worden. Und ich habe mir jetzt auch gerade im Rückblick nochmal diese ersten Blogausgaben angeguckt. Das ist irre, wie sich das entwickelt hat und wie statisch das damals aussah!  Einfach untereinander gebaute, nicht bewegliche Text- und Bildbausteine.

Eben die Erscheinungsästhetik einer Zeitung.

Total!

Redaktionsarbeit auf Abstand, aber immerhin in Präsenz: Die Blog-Redaktion in den UferStudios © Eike Walkenhorst

Das war ja eigentlich ein erstaunlicher Vorgang, dass man sich die Kritik ans Haus holte. Das ist ja eigentlich für das Festival selbst auch mitunter ein unbequemes Format. Und manche würden vielleicht sogar argumentieren, dass dahinter eigentlich eine ziemlich intelligente Immunisierungsstrategie steckt. Indem man als Festival sagt: „Wir sind so reflektiert, dass wir die Kritik nicht nur ertragen, sondern dass wir sie sogar noch fördern.“ Darin kann man auch eine Taktik sehen, sich über die Kritik zu erheben, indem man sie eingemeindet…

Das war uns natürlich immer bewusst, dass wir die Theaterkritiker*innen ans Haus holen, aber wir haben uns auch immer darum bemüht – und ich würde sagen, dass es uns auch gelungen ist – eine wirklich unabhängige Berichterstattung zu gewährleisten. Und ich finde, dass es da immer interessante Prozesse gab und oft auch die Finger in die Wunden gelegt wurden. Gerade auch durch diese institutionelle Nähe, die einfach da ist, wenn die Blogger*innen mit im Haus sind. Dadurch haben sie zwangsläufig interne Dinge viel stärker mitbekommen als ein*e Kritiker*in, der*die nur abends zur Vorstellung gekommen ist. Auch die blinden Flecken wurden durch die Blogger*innen an die Oberfläche katapultiert: Das N-Wort bei „89/90“, die Blackfacing-Debatte rund um die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“. Und im Nachhinein würde ich sagen, das hat genau die Diskurse befördert, die wir befördern wollten. Aber im Moment selbst ist das natürlich eine Form von Überforderung. Man fragt sich: Wie geht man jetzt damit um? Aber wir haben trotzdem nie etwas zensiert.

Insofern hat sich ja der Förderungsaspekt des Ganzen zweiseitig eingelöst. Also einerseits sind Talente vorangebracht worden durch das Blog und auch teilweise in Positionen gelangt, die sie ohne dieses Projekt so schnell vielleicht gar nicht erreicht hätten. Und andererseits hat die Institution selbst davon profitiert, indem bestimmte kritische Fälle durch diese spezifische Doppelperspektive des Blogs – halb drinnen, halb draußen – hervorgehoben und offen diskutiert wurden.

Definitiv. Und wie du bereits gesagt hast, es gibt viele Festival-Zeitungsschreiber*innen und auch BloggerInnen, die auch heute noch in diesem Beruf fest arbeiten. Zum Beispiel Christian Rakow, Georg Kasch, Katrin Pauly, Anne Peter, Nico Schrader, Johannes Schneider, Lili Hering… Und es gibt auch viele Alumni, die damals noch an der Schnittstelle waren zwischen Theaterkritik und Dramaturgie, und die jetzt fest in dramaturgischen oder anderen künstlerischen Positionen arbeiten wie Valerie Göhring, Vasco Boenisch, Antigone Akgün oder Andrea Berger. Und mir war auch immer wichtig, dass es Gastbeiträge gab und gibt. Wie zum Beispiel jetzt von Wiebke Puls. Dass das Blog auch dafür immer eine Plattform war, fand ich immer wichtig. Genauso, wie das Blog ja auch immer aktuelle Format-Entwicklungen spielerisch umgesetzt hat. Als Twitter neu kam, wurde getwittert. Bianca Praetorius hat damals als Projektleiterin die WhatsApp-Kritik ausprobiert. Jetzt wird mit Twitch gearbeitet. Das ist schon auch immer ein tolles Experiment mit den Formaten gewesen. Und ich finde es gut, dass wir es geschafft haben, unsere Ausschreibung auf marginalisierte Perspektiven hin zu erweitern und auch tatsächlich diese Stimmen bekommen haben, die wir gesucht haben.

Trotzdem haben wir gesagt, dass es in dieser Form jetzt erst einmal die letzte Ausgabe gewesen ist. Warum eigentlich?

Es sind unterschiedliche Dinge, die da zusammenkommen. Zum einen hast du als langjähriger Projektleiter schon vor einer Weile angekündigt, dass es deine letzte Ausgabe sein soll, und zum anderen hat sich durch die beiden digitalen Ausgaben auch die Rolle des Blogs komplett verändert. Alles ist digital zugänglich. Bis 2019 war nur das Blog digital und damit sozusagen das Sprachrohr in die digitale Welt des Festivals. Und zudem erscheinen Blogs nicht mehr unbedingt als ein zeitgemäßes Medium. Ich bin aber selbst noch nicht entschlossen, wie man das weiterentwickeln kann. Aber jetzt ist erst einmal die Chance auf einen Reset und damit auch die Möglichkeit, vielleicht etwas komplett Neues zu entwickeln.

Kaffeepause und Zeit, die Gesichter zu lüften © Eike Walkenhorst

Inzwischen werden ja an eine neue, nachwachsende Generation von Kritiker*innen auch jetzt ganz andere Ansprüche gestellt. Ich habe in diesen fünf Jahren, in denen ich jetzt das Projekt geleitet habe, schon auch eine deutliche Veränderung festgestellt in der Art wie ganz junge Menschen, die noch relativ am Anfang ihrer Arbeit stehen, kritisch über Theater schreiben. Mir scheint, dass die feuilletonistische Ich-Zentriertheit inzwischen weniger ausgeprägt ist. Würdest du das teilen?

Ja, der Stellenwert der Kontextualisierung hat sich verändert. Ich bemerke bei jüngeren Theaterkritiker*innen oder Kulturjournalist*innen, dass sie aus einem anderen Blickwinkel auf Inszenierungen und Arbeiten schauen als zum Beispiel Theaterkritiker*innen, die 50 oder 60 Jahre alt sind. Dieses Kontextualisieren mit bereits Dagewesenem scheint nicht mehr so entscheidend. Es geht stärker um das Jetzt und nicht um Tradition oder Vergleich. Das bemerke ich. Und es ist einfach auch…

Vorsichtiger?

Eigentlich glaube ich eher, dass die Beschleunigung auch oft direkter und impulsiver werden lässt.

Das würde ich jetzt gar nicht unterschreiben. Ich würde mir bei den ganz jungen Autor*innen eher mehr von dieser Impulsivität wünschen. Ich finde manches beinahe schon überreflektiert in diesem Anspruch, dem Gegenstand unbedingt gerecht werden zu wollen.

Das hat aber auch mit dem „großen“ Theatertreffen zu tun, vermute ich. Aber ich weiß, was du meinst, von wegen „Ich-Zentriertheit“.  Das würde ich der jungen Generation schon insgesamt auch zuschreiben. Das sieht man ja auch zum Beispiel bei den Theaterautor*innen im Stückemarkt. Die sehen sich nicht als Autor*innen oder Dramatiker*innen. Die sehen sich eher als Theatermacher*innen und Community-Maker und identifizieren sich mit unterschiedlichen Selbstbeschreibungen in den Disziplinen. Das ist auch auf der anderen Seite eine neue Generation, die sich nicht dem Titel Theaterkritiker*in beschreibt, sondern mit mehreren Komponenten. Das finde ich eine interessante Entwicklung, dieses Denken in Netzwerken, auch in hybriden Existenzen, die auch als solche bestehen bleiben sollen.

Das ist auch etwas, was ich in den Jahren hier beim Blog immer mehr festgestellt habe, dass 60 Prozent der Bewerbungen, eher 70 Prozent, zugleich ein Standbein in der Kunst haben, also selber zum Beispiel Dramaturgie machen oder performen. Vielleicht wird in Zukunft allein aufgrund ökonomischer Gegebenheiten ein Modell von Kritik entwickeln werden müssen, das einen anderen Begriff von Unabhängigkeit formuliert.

Genau.

Wir müssen noch auf eine Person zu sprechen kommen, ohne die es das ganze Projekt so nicht gegeben hätte. Das war Dirk Pilz, unser 2018 verstorbener Mentor…

Dirk Pilz war für mich immer der ruhende, kritische Pol dieses Projekts. Er war derjenige, der diese Ruhe selber ausstrahlte und den Blogger*innen so großes Selbstvertrauen gegeben hat. Er hat sie motivierend, aber auch kritisch begleitet, und hat es auch irgendwie geschafft, immer auf Augenhöhe mit ihnen zu sein. Das hatte beinahe etwas Väterliches.

Absolut.

Das ist wirklich ein schmerzlicher Verlust für das Projekt gewesen, als er verstorben ist.

Seine strenge Geduld war außergewöhnlich.

Ja, „strenge Geduld“ ist gut. Er hat die Blogger*innen im Positiven bestärkt, in dem, was sie mitbrachten.

Er hat alle besser gemacht. Wie ein großer Fußballtrainer. Das wäre auch ein Vergleich gewesen, der ihm ganz gut gefallen hätte, glaube ich.

Ja. Eine ganz zentrale Person in der Entwicklung dieses Projekts.

Wenn wir jetzt wirklich doch nochmal einen Blick in die Zukunft werfen: Wäre es vielleicht denkbar, in Zukunft aus diesem Projekt komplett einen Safe Space zu machen und den Veröffentlichungsaspekt ganz runter zu fahren? Auch um diesen Druck rauszunehmen, der inzwischen auf öffentlichen Äußerungen lastet, und somit vielleicht den Aspekt des relativ gefahrlosen Ausprobierens zu stärken? Oder würde dann etwas Entscheidendes fehlen?

Das ist ein interessanter Aspekt und wir haben ja auch in der Vergangenheit immer wieder diese Safe Space-Momente eingebaut in die Arbeit. Beim Internationalen Forum machen wir das ja so. Aber da gibt es mittlerweile umgekehrt auch ganz stark den Wunsch der Künstler*innen, auch etwas zu zeigen im Theatertreffen und auch wahrgenommen zu werden. Ich kann mir das schon vorstellen. Es wäre aber ein anderes Projekt. Und natürlich würde nach außen hin auch etwas fehlen. Aber denkbar wäre es.

–––
Janis El-Bira

Janis El-Bira

Janis El-Bira, Jahrgang 1986, studierte Philosophie und Geschichtswissenschaften in Berlin und arbeitet seitdem als freier Journalist mit Theaterschwerpunkt. Er ist Redakteur beim Theaterportal nachtkritik.de und moderiert seit 2016 die Sendung „Rang 1 – Das Theatermagazin“ im Deutschlandfunk Kultur. Texte und Beiträge zudem u.a. für die Berliner Zeitung, SPEX, Tagesspiegel, Deutschlandfunk Kultur und SWR2. Seit 2016 leitet er das Theatertreffen-Blog der Berliner Festspiele.

Alle Artikel


–––

Diskussion

Beteilige Dich mit einem Kommentar an der Diskussion!