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Ein Zimmer für Medea* alleine

Der Mythos Medea scheint auserzählt. Unglücklich Liebende, Kindsmörderin, Verstoßene. In Leonie Böhms Überschreibung des antiken Stoffes ist Medea auf der Suche nach ihrer eigenen Erzählung – auch durch das, was sie am Leib trägt.

Was Frauen an ihren Körpern tragen wird seit jeher als Einladung zu immensen öffentlichen Diskussionen verstanden. Insbesondere in der Modewelt stellt sich Saison um Saison wirkungsmächtig die Frage welches Frauenbild hier eigentlich gezeigt wird. Es ist verwunderlich, dass gerade bei einer Inszenierung mit einem Frauennamen als Titel das Kostümbild nicht vordergründiger in den Fokus der Kritik gerät. Treten doch die Kostüme – wie bei Medea* – vor einem ausschließlich weißen Bühnenbild zudem auch noch besonders hervor. Wieso werden sie immer wieder zum Stiefkind des Theaters, wenn das Theater sich doch selbst als sinnliches Medium begreift?

In Leonie Böhms sehr freier Interpretation der griechischen Tragödie bleibt nur Medea übrig. Gespielt von Maja Beckmann, hat sie sich in ein Meer aus weißem Stoff zurückgezogen. Unentschlossen, ob sie in die Welt zurückkehren soll, verharrt sie in der Stoffhölle – auch sie ist sich der Diskrepanz des objektivierenden Blickes von außen bewusst.

Kein Business-Look

Von weitem könnte man das Kostümbild von Magdalena Schön und Helen Stein für die Alltagsuniform einer Geschäftsfrau halten; Bleistiftrock, dazu eine dezente Bluse. Die Nähe der One-Shot-Aufnahme im Stream zeigt jedoch, dass es sich in Wirklichkeit herkömmlicher Kategorien entzieht. Medea trägt weite sportliche Basketballshorts, im Kontrast dazu eine Bluse, welche immer noch elegant anmutet und sich in die fließenden und weichen Bewegungen der gesamten Stofflichkeit einordnet. Die Andeutung des Wasserfallkragens erscheint wie ein Überrest der Antike. Das Blusenmuster wirkt organisch, es erinnert beinahe an DNA-Fäden. Dieses ursprüngliche Motiv verbindet sich im weiteren Verlauf des Stücks mit dem zentralen Motiv des Antikenstoffes: „Sie sucht den Schmerz – so steht’s geschrieben“, ist vom Musiker Johannes Rieder von der Seite zu hören.

Dennoch erzählt Maja Beckmann auf wahnsinnig sinnliche Art und Weise in einer Tour de Force die Geschichte der Medea; vom Erwartungsdruck, der verratenen Liebe, ihrer frühklindlichen Begabtheit – und verwandelt sie zugleich in eine Emanzipationsgeschichte. Immer wieder blitzt zwischen den Erzählungen in einer ansteckenden Leichtigkeit und Verspieltheit die Vielfältigkeit ihres Wesens auf. Die Zuschauer*innen können erahnen, wer diese Frau jenseits der einseitigen und einengenden Narrative der klassischen Liebestragödie sein könnte. Auch dies spiegelt das Kostümbild: Der in blauer Farbe aufgemalte Stirnkranz verstärkt die ätherisch-schimmernde Kraft. Dieses Detail verleiht ihr trotz seiner Zartheit etwas Kämpferisches, gleichzeitig bleibt diese Markierung nicht gänzlich greifbar, als sei sie nicht ganz von dieser Welt.

Medea erfindet sich

Medeas Befreiung aus den Zwängen der klassischen Dramatik schreibt sich ästhetisch in eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Stoff ein. Für die Künstlerin Louis Bourgeois stellte Kleidung eine Übung im Erinnern dar. Den Akt des Nähens betrachtete sie als Versuch, die Dinge zusammenzuhalten. Die etwas in Vergessenheit geratene Multimedia- und Performancekünstlerin Colette Justine eignet sich Orte und Erzählungen – ähnlich wie bei Medea* – über die wortwörtliche Verstofflichung des Raumes an. Mit drapierter Seide und Satin überfüllt sie Räume, die auch mal theaterverwandte Titel tragen wie „In Memory of Ophelia and All Those Who Died of Love and Madness“. Sie inszenierte auch schon ihren eigenen Tod in einem dieser Räume, die sie, ebenso wie ihren Künstlerinnennamen, immer wieder neu erfindet.

Auch Medea erfindet sich. Bevor sie sich ihren eignen Weg in die Freiheit bahnt, sucht sie ein letztes Mal Schutz in einem riesigen Stierkostüm, bestehend aus bunten Stofffetzen, Rüschen und dinosaurierartigen Stacheln. In dieser kitschigen Überfrachtung erfüllt sich Medeas Wunsch, sich selbst einen Platz zu schaffen jenseits von Deutungshoheit und Erwartungshaltung. Die Beschaffenheit des Stiers wird zum Ausdruck einer Gefühlswelt, die, möge sie auch noch so pathetisch daherkommen, nicht wegzurationalisieren ist. In diesem Spiel eröffnet sie sich einen eigenen Raum, der ihr ermöglicht, sich frei auszudrücken, sinnlich zu erleben, und vieles auf einmal sein zu können.  

Medea*
nach dem Schauspiel von Euripides
Regie: Leonie Böhm, Bühne: Zahava Rodrigo, Kostüme: Magdalena Schön, Helen Stein, Musik: Johannes Rieder, Licht: Michel Güntert, Dramaturgie: Helena Eckert.
Mit: Maja Beckmann und Johannes Rieder (Live-Musik).
Premiere am 19. September 2020
Dauer: 1 Stunde 10  Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

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Laura Schuller

Laura Schuller

Jahrgang 1992, in Luxemburg geboren und aufgewachsen. Während des Studiums der Theaterwissenschaft, Philosophie und Kulturwissenschaften in Leipzig inszenierte sie dort in der freien Szene. Es folgen diverse Dramaturgie- und Regiehospitanzen sowie ein abgeschlossenes Masterstudium der Theaterwissenschaft in Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

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