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Einatmen, bis drei zählen und springen

In einem zärtlichen und intensiven Tanz erzählen Lucy Wilke und Paweł Duduś in „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIPvon ihrer Freundschaft. Für Josephine Papke ist es vor allem ein Sprechen über Beziehungsformen, die sich selten auf dem Radar des Mainstreams befinden.

Berührung ist eine Sprache. Auch in dieser Sprache gibt es verschiedene Dialekte, Aussprachen, Nuancen. Und wie jede andere beinhaltet auch die Sprache der Berührung Regeln. Jedoch verwirft die Inszenierung „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ ein normiertes Regelwerk, das verschiedene physische Kontakte in Beziehungsschubladen unterteilt und auf- bzw. abwertet.

Das kann zuerst für Irritation sorgen. In sieben Kapiteln begegnen Lucy Wilke und Paweł Duduś einander und sich selbst auf unterschiedlichste Weise. Sich gegenseitig langsam und zärtlich streicheln, küssen oder in sexuellen Kontakt miteinander treten — das alles sind Akte, die häufig erst einmal ausschließlich mit romantischen und sexuellen Beziehungen verbunden werden. Indes beruft sich der Titel auf das Wort Freundschaft, welches vermehrt mit einer platonischen Beziehung zusammengedacht wird. Genau hier besteht die große Qualität der Inszenierung. Sie gibt einen Anstoß über normierte Ideen von Körperlichkeit und Berührungen hinauszudenken.

Eigentlich war die Inszenierung für ein Publikum gedacht, das in unmittelbarer Nähe sitzt und so gefühlt Teil des Geschehens werden kann. Doch die Intensität der Intimität der Inszenierung ist so stark, dass zeitweilen die räumliche Trennung, die der Stream erschafft, sogar vergessen werden kann. In einigen Momenten erzeugt dies große Euphorie. So auch, wenn sich die Musikerin Kim Ramona Ranalter vom Pult entfernt, um sich mit Lucy Wilke und Paweł Duduś zu elektronischen Beats innig umschlungen zu bewegen und zu berühren. Während in anderen Theaterproduktionen die auf der Bühne sichtbaren Musiker*innen oft nur die feste Position der Musikmachenden einnehmen, löst „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ auch hier genau diese festgesetzten Rollen auf. Dieses Bild ist nicht nur großartig, weil es noch eine Seltenheit auf deutschsprachigen Theaterbühnen ist, dass sich marginalisierte Personen, wie queere und behinderte Menschen, lustvoll begehren und begehrt werden, sondern auch weil sie dies zu mehreren tun. Wer darf sich wie und mit wie vielen lustvoll, sexy und schön fühlen und sich dementsprechend bewegen? In einem Badeanzug mit Schmetterlingsmuster und High Heels macht Paweł Duduś einen Handstand und tanzt und twerkt an der Wand und überwirft so anerzogene patriarchale Vorstellungen von Männlichkeitsbildern. Sozialisierte Zuschreibungen werden in der Inszenierung gelungen auf den Kopf gestellt.

Der utopische Ort, an dem Zärtlichkeit und Achtsamkeit im Mittelpunkt steht, wird durch die Bühnenaufmachung verstärkt. Der mit Samt und rosa Watte bedeckte Boden erinnert an ein harmonisches Wolkenbild, das geschmückt mit etlichen bunten Smarties zusätzlich an Einzigartigkeit gewinnt. Doch die Inszenierung ist nicht nur Utopie. Sie greift auch Diskriminierungen auf, der die Performer*innen in Begegnungen mit anderen Menschen häufig ausgesetzt sind. So berichtet Lucy Wilke, die mit spinaler Muskelatrophie geboren wurde, wie sie auf Datingapps immer wieder das vermeintliche Kompliment lesen muss: „Du hast so ein schönes Gesicht, aber…“. Um sich der Unterteilung und Bewertung ihres Körpers zu widersetzen, entstellt Lucy Wilke ihr Gesicht, indem Paweł Duduś ihr eine Strumpfhose über den Kopf zieht, diese anschließend mit roter und blauer Schminke bemalt und hin und herzieht. „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ hält der Gesellschaft einen Spiegel vor: Jene Regeln, die nicht nur Körper, sondern auch einzelne Körperteile je nach Normiertheit und Idealen bewerten, haben nichts mit wirklichem Wert und Schönheit zu tun. Vielmehr sind sie eine problematisch auferlegte Maske, an der es zu zerren und rütteln gilt, bis sie abgelegt werden kann. Das ist aktuell noch Utopie. Gleichzeitig zeigt die Inszenierung, wie es möglich ist, Räume (auch im Theater) zu schaffen, in denen neue, andere, zärtliche Begegnungsformen möglich sind. Die Frage der (Struktur-)Veränderungen, ist jene, die das diesjährige Theatertreffen konstant begleitet hat.

Das Ende der Inszenierung macht deutlich: Berührung kann viele verschiedene sanfte und hingebungsvolle Formen haben. Das gemeinsame Träumen gehört dazu. Lucy Wilke und Paweł Duduś imaginieren, wie sie über Häuser springen. Dafür nutzen sie in ihrem Traum ein kollektives Einatmen, das ohne individuelles Atmen nicht möglich ist, ein Abstoßen und eine Vorstellungskraft, Hindernisse nicht als unüberwindbar zu begreifen. All diese träumerischen Vorgänge sind eine berührende und hoffnungsvolle Metapher für einen Umbruch im Theater.

„SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ entwickelt nicht nur die Begriffe der Freundschaft und Körperlichkeit neu, sondern erfindet auch spielerisch eine neue Kommunikation: Eine Sprache der fürsorglichen Berührungsqualitäten.

SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP

Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś mit Musik von Kim Twiddle

Künstlerisches Team
Idee, Konzept: Lucy Wilke, Paweł Duduś, Entwicklung, Performance: Lucy Wilke, Paweł Duduś, Kim Ramona Ranalter, E-Komposition, Bühnenmusik: Kim Ramona Ranalter, Licht: Barbara Westernach, Bühne: Theresa Scheitzenhammer, Alexander Wilke, Outside Eye: Tamara Pietsch, David Bloom, PR: Kathrin Schäfer KulturPR, Künstlerische Produktionsleitung: Rat & Tat Kulturbüro, Assistenz: Maryna Mikhalchuk
Mit: Lucy Wilke, Paweł Duduś, Kim Ramona Ranalter
Premiere 13. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde

https://www.ratundtat-kulturbuero.de/en/projekte/scores-that-shaped-our-friendship/


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Josephine Papke

Josephine Papke

Jahrgang 1994, freie Autorin, ihr Schwerpunkt: Intersektionen von Queerness, BIPoC Identitäten und (Pop-)Kultur. Sie schreibt u.a. für das Missy Magazine und arbeitet für die Neuen deutschen Medienmacher*innen. Wenn sie im Theater-und Filmwissenschaftsstudium nicht gerade über Kultur schreibt oder als Poetin publiziert und auftritt, steht sie ab und an auch mal selbst als Performerin auf der Theaterbühne.

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