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Glotzt nicht so betroffen

Alle mitgebrachten Snacks auf den Tisch, den Beamer an – und an der Wand die Bilder aus Abu Ghraib. Lea Matika fragt angesichts von „Reich des Todes“ nach dem Wuchern mit dem Pfund des Authentischen.

Auf der Seite des Live-Streams der Inszenierung „Reich des Todes“ von Karin Beier findet sich ein Infokasten. Darin steht: „Die Uraufführung ‚Reich des Todes‘ thematisiert u.a. die Misshandlung und Folter irakischer Gefangener in Abu Ghraib. In diesem Zusammenhang gibt es in der Inszenierung Szenen, projizierte Bilder und Fotos der Betroffenen, die psychische, physische und sexualisierte Gewalt und Nacktheit zeigen.“
Triggerwarnung oder Lockruf für Authentizitätsfetischisten?

Nüchterner Fakt ist, dass in der Inszenierung des monumentalen Goetz-Textes zum Terror des 11. September und dem sich anschließenden Kriegsgeschehen die Folterbilder aus dem Gefängnis Abu Ghraib wiederholt gezeigt werden. Wohlbekannte Bilder, wie zum Beispiel der Kapuzenmann mit ausgestreckten Armen, beliebtes Coverbild für Magazine und Bücher; ikonisiert, stilisiert – bedeutungsschwanger bis zum Bedeutungsverlust.

„Wo ist der Fun?“, schmieren zwei Clowns über die Großprojektionen der gequälten Leiber. Eine Sonne und ein Hakenkreuz gesellen sich gepinselt dazu. Das macht man nicht, klar. Außer im Theater.

Mit knisternder Chipstüte Folterbilder glotzen: Das macht man nicht, klar. Außer wohl eben im Theater.

Ebenfalls holt man sich im Theater anscheinend Bilder der NS-Zeit als Referenzpunkt für die ultimativ echte Katastrophe heran. Auch diese Bilder sind altbekannt aus unzähligen Dokureihen der Aufarbeitung des Schreckens. Warum also kickt das „schillernde Sittenbild der Politik im Ausnahmezustand“ (so der Ankündigungstext) nicht so recht, obschon doch mit den abgründigsten Abgründen aufgefahren wird?
Weil echte Folterbilder, Todesbilder und das echte Leid im Theater immer hinter die Kraft zurückfallen, die das Theater eigentlich hat, nämlich die der Verfremdung, Verschiebung, Verallgemeinerung.

Man guckt und frisst, so die Konsumkritik in einer Szene. Mit knisternder Chipstüte Folterbilder glotzen: Das macht man nicht, klar. Außer wohl eben im Theater.

Warum wird der Versuch unternommen, mit den Bildern nach einer Wahrheit zu suchen, die sich im Sittlichen erschöpft? Was ist denn die angemessene Reaktion, die korrekte moralische Haltung? Wahrscheinlich nicht gesättigte Langeweile, nicht Zwang zur Betroffenheit. Wie wäre es denn mit grundsätzlichem Widerstand gegen das Hantieren mit dem Authentischen in der Kunst, das bloß betroffen machen soll, anstatt, dass das dahinterliegende elementare Gewaltverhältnis (an-)gegriffen wird?

Das Schlimmste an den Bildern ist so, dass man sich unsittlich berührt fühlen sollte, obwohl man sich bereits stumpfgeschaut hat an der Realität.

„Ach, das da schon wieder“, sagt ein Schauspieler im Stück zu den Bildern. Recht hat er.

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Lea Matika

Lea Matika

Lea Matika, Jahrgang 1988, hat Anglistik/Germanistik und transkulturelle Theaterwissenschaften studiert. Sie lebt in Leipzig und ist als Musikerin, Theatermacherin und Journalistin tätig. Ihre Texte erschienen bisher u. a. im Leipziger Stadtmagazin kreuzer und beim Ventil Verlag.

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