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Gemeinsam träumen

Ein Theatererlebnis ist oft schwer in Worte zu fassen, das gilt besonders für die atmosphärische Tanzperformance „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“. In kurzen Texten forschen Berliner Schüler*innen nach einer Sprache, die diese Performance beschreibt.


Eine Bewegung, ein Blick, ein Geräusch oder sogar die Ungeduld der Sitznachbarin kann im Theater eine unheimlich große Wirkung haben. Eine Aufführung ist einmalig – aber kann man die Erfahrung einer Aufführung nicht doch festhalten und miteinander teilen? Begleitet vom Theaterwissenschaftler Dr. Torsten Jost (Freie Universität Berlin) haben Schüler*innen der 11. Klasse des Rheingau Gymnasiums und des Willy-Graf Gymnasiums in Berlin sich diese Frage gestellt.
Ausgehend von Begriffen wie „Transformation“, „Atmosphäre“, „Empathie“ oder „Nähe“ nähern sich die Schüler*innen der Inszenierung „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“. Das Ergebnis ist ein vielperspektivisches Mosaik von Texten, das beschreibt, was passiert, wenn Lucy Wilke und Paweł Duduś sich zusammen zu der Musik von Kim Ramona Ranalter bewegen. Der Workshop zur Aufführungsanalyse fand beim Open Campus Programm des 58. Theatertreffens in Kooperation mit der LiteraturInitiative Berlin (LIN) statt.

Realität/ Realitätsbezug

Bei dieser Inszenierung besteht der Realitätsbezug vor allem darin, Probleme in unserer Gesellschaft bezüglich Menschen mit Behinderung ohne viele Worte anzusprechen. Es werden Tabus gebrochen, die eigentlich keine sein sollten, wie zum Beispiel Beziehungen zwischen Menschnen mit und ohne Behinderung. Das wird vor allem durch das Kuscheln und Küssen der beiden Schauspieler*innen, Lucy Wilke und Paweł Duduś, dargestellt. Außerdem wird gezeigt, dass obwohl unsere Körper verschieden sind und sie zu verschiedenen Dingen fähig sind, sie sich alle gleich anfühlen. Es wird zusammen getanzt, herumgealbert und fantasiert, auf dem surrealen Bühnenbild, das aus Wolken gemacht zu sein scheint.
Angesprochen werden auch fragwürdige Schönheitsideale und verletzende Formulierungen über das Aussehen behinderter Menschen im Dating-Leben. Lucy Wilke hat schon oft die Formulierung „Du hast ein hübsches Gesicht, aber…“ hören müssen. Was danach kommt muss man nicht noch einmal erwähnen, um zu wissen, dass es unangebracht ist und wahrscheinlich auch verletzt. Bei dem Ansprechen dieser Probleme, Tabus und Grenzen, die man denkt zu sehen, bleibt es aber nicht. Es wird gezeigt, wie man diese überwindet und dass sie eigentlich nur in unseren Köpfen bestehen.

Beim Überschreiten von Grenzen, die nur in unserem Kopf bestehen und leicht überwunden werden können, kann man feststellen, dass unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt sind und wir können zusammen über diese Grenzen hinwegspringen, Hindernisse überwinden und trotz physischer Unterschiede eine Einheit bilden.

Dies wird durch einfaches Reden beschrieben. Paweł Duduś und Lucy Wilke überspringen in Gedanken zusammen Häuser.
Ob jemand mit oder ohne Behinderung lebt, fast jede*r musste sich schon mal etwas Verletzendes oder Unbedachtes anhören. Durch das Thematisieren von Dating, Beziehungen, Diskriminierung und Schönheitsidealen entsteht ein Realitätsbezug, mit dem sich alle ein bisschen identifizieren können.
Alma

Das Bühnenbild

Das Bühnenbild der Inszenierung von „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ bestand aus vielen weißen Matratzen mit weißen Fellen an den Rändern, die hellrosa oder helllila angestrahlt wurden. Der Hintergrund und der Boden waren schwarz. Dadurch war das Handeln der Schauspieler*innen Lucy und Paweł im Mittelpunkt.

Sie wirkten so, als seien sie in ihrer eigenen Welt.

Das Bühnenbild wirkte sehr einladend und gemütlich. In einem Kapitel spielte sich auch alles vor einem Kleiderständer ab, aber schlussendlich kamen die beiden immer wieder zu der Matratzenlandschaft zurück. Im dritten Kapitel wurde die Matratzenlandschaft dunkellila angestrahlt.
C.N.

Sound und Musik

Die Aufführung beginnt und es ist zunächst Stille. Keine Musik, keine Sounds – nur die Schauspieler*innen. Eine auditive Beschreibung der Handlung. Sanfte Musik beginnt, die an tibetische Meditationsmusik erinnert. Die Schauspieler*innen bewegen sich in fließenden Bewegungen zur Musik. Die Soundeffekte haben bei der Aufführung eine bedeutende Rolle.

Jegliche Bewegungen verlaufen zum Rhythmus der Musik und Sounds. Er erzählt die Dynamik zwischen den beiden Figuren.

Später ist ein Atmen zu hören, erneut im Rhythmus der Bewegungen, ein schnelles Rauschen setzt ein und lässt an eine Maschine denken. Das Rauschen und Atmen wird schneller, parallel zu den Schauspieler*innen. Die Szene nimmt Geschwindigkeit an, wodurch Spannung erzeugt wird. Zu Beginn jedes neuen Kapitels ist es meistens still. Nur die Stimmen der Schauspieler*innen sind zu hören. Die natürlichen Geräusche, wie das Sprechen, Atmen oder die Bewegungen, werden stark betont, was das Spiel der Figuren intensiviert.
Carlotta

Emotionen und Leidenschaft

„SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ zeigt eine Freundschaft, in der zwei Menschen (Lucy Wilke und Paweł Duduś) über ihre Grenzen springen und damit den sozialen Normen entkommen wollen. Die jeweiligen Kapitel heben die einzelnen Schritte zu dieser einzigartigen und faszinierenden Beziehung hervor.

Das Verhältnis der Schauspieler*innen kann als leidenschaftlich betrachtet werden, da sie zusammen über sich hinauswachsen, durch Selbstakzeptanz und gegenseitige Akzeptanz.

Es herrscht eine Achterbahn von Emotionen z.B. geht es in Kapitel fünf zunächst um Diskriminierung über Tinder, wodurch eine seriöse Atmosphäre erzeugt wird, doch im nächsten Moment wird die Negativität in Humor umgewandelt, indem Lucy eine Netzstrumpfhose über den Kopf gezogen bekommt und daraufhin Farbe auf ihr verteilt wird. Diese Szene beinhaltet also etwas gesellschaftskritisches. Die Freundschaft ist von Aspekten wie Nähe, Interesse, Entwicklung oder auch Verlässlichkeit geprägt.
Doch vor allem das Gefühl der Freiheit ist präsent, weil sie sich untereinander über alles austauschen können und sich wie ihr „wahres-Ich“ verhalten können, was in einem im letzten Kapitel „The house over there“ veranschaulicht wird. In diesem Kapitel stellen sich Lucy Wilke und Paweł Duduś vor, wie Lucy Wilke läuft und sie gemeinsam über Häuser springen und obwohl dies unrealistisch scheint, hält Paweł Duduś sie nicht davon ab sich diese Situation vorzustellen und trägt auch etwas dazu bei.
I.D.

Transformation/ Verzauberung

Es lässt sich zuerst sagen, dass man nicht wirklich eine charakterliche Transformation sehen kann, da es mehr um Ausdruck und die Bewegungen geht, als um Charaktereigenschaften.

Die Figuren werden sich gegen Ende der Inszenierung ihrer Träume bewusst.

Zudem werden sie sich im Verlauf der Inszenierung ebenbürtig. Das ist eine Transformation.
Martin

Ungewohnte Verhaltensweisen

Was ist schon gewöhnlich? Wenn sich Paweł Duduś in der Inszenierung “SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP” plötzlich in einen Puma verwandelt und animalisch umherspringt, mag es auf den ersten Blick nicht gewohnt erscheinen, ist im Kontext der Inszenierung „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ jedoch wunderbar passend. Lucy Wilke, die zweite Darstellerin der Inszenierung, kommentiert seine Bewegungen und scheint keine Sekunde an der Gewöhnlichkeit der Situation zu zweifeln. Als sie sich später plötzlich einen Strumpf über den Kopf zieht und Paweł Duduś anschließend ihr Gesicht zu bemalt, ist ebenfalls sicherlich nicht das gewöhnlichste auf der Welt, die dadurch vermittelte Botschaft kam aber schneller an, als sie es durch Worte je gekonnt hätte.

Die Inszenierung sprengt eine Gewohnheit nach der anderen, für jede*n Zuschauer*in unterschiedliche. Freundschaften leben davon, aus Gewohnheiten auszubrechen – treffender hätte man es nicht darstellen können.

Massuda

Nähe/ Intimität

Zuerst einmal beginnt die Inszenierung „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ damit, dass sich die beiden Schauspieler*innen auf dem Boden sehr nahe sind und in Körperkontakt gehen. Die Kamera spielt hierbei ebenfalls eine sehr große Rolle, da sie aufgrund der verschiedenen Einstellungen diese Nähe sehr gut rüberbringen kann. Das Stück hat gegen Ende noch eine intime Szene, in der Paweł Duduś einen sehr engen Badeanzug trägt und beim Umziehen nichts anhat, sodass man einige Körperstellen sehen kann, die man so vielen Menschen vielleicht nicht unbedingt zeigen möchte. Die Darstellung von Nacktheit wird hier als künstlerisches Mittel für die Inszenierung von Nähe und Intimität eingesetzt.
Die Kamera trägt auch hier einen großen Teil zu der Inszenierung von Nähe bei. Durch die Kamera ist man näher an den Schauspieler*innen ist, die im größten Teil der Inszenierung in engem Körperkontakt miteinander sind.

Diese Nähe, die durch die Kamera im Stream möglich wird, hätte man so nicht unbedingt im Theatersaal, wenn man einige Reihen weiter hinten sitzen würde.

Metehan Aydin

Empathie

Zwei Menschen rollen langsam mit aneinander geschmiegten Körpern über den Boden, führen gemeinsam akrobatische Bewegungen aus, schauen einander intensiv in die Augen, umarmen sich und berühren sich gegenseitig.

Es sind Berührungen wie sanftes Streicheln, deutliche Berührungen, aber auch das feste Greifen von Körperteilen, worin ein Nähegefühl, Innigkeit, Wechselseitigkeit, Fürsorglichkeit, Harmonie, Empfindsamkeit, Einfühlungsvermögen und Intimität zum Ausdruck kommen.


In einer bestimmten Szene: ,,chapter 4: stretching times-testing your patience’’ wird detailliert die Routine der besonderen Pflege und Umsorgung Lucys Wilkes auf Seiten Pawełs Duduś gezeigt. Er zieht sie behutsam an und setzt sie vorsichtig in ihren Rollstuhl. Sie werfen sich intensive Blicke zu und küssen sich leidenschaftlich. Dadurch werden die Empathiegefühle der Zuschauer*innen angeregt. In einer Szene reißt Paweł Duduś an den Beinen von Lucy Wilke und zieht sie in schneller Geschwindigkeit im Kreis um sich rum. In der anderen Szene imitiert Paweł Duduś ein Raubtier und reißt Lucy Wilke, als wäre sie seine Beute. In einer weiteren Szene zieht Paweł Duduś Lucy Wilke eine hautfarbene Strumpfhose über das Gesicht und malt mit Farbe darauf herum.
Mina Arsova Netzelmann

Präsenz der Schauspieler*innen

Die Präsenz der Schauspieler*innen ist ungewöhnlich und beruht nicht wie üblich auf verbaler Kommunikation oder Dialogen sondern vor allem auf den langsamen Bewegungen der Schauspieler*innen und wie deren Körper harmonieren und kommunizieren.

Beide Schauspieler*innen erzielen eine unterschiedliche Präsenz, Paweł Duduś führt Lucy Wilke aufgrund ihrer Behinderung und strahlt dadurch Dominanz aus. Der Blick auf die Frau ist eher neugierig, damit werden gewohnte Blicke erst einmal in Frage gestellt.
Noah

Interpretationsbedarf/Vielschichtigkeit

Die Inszenierung „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ spricht in 7 Kapiteln verschiedene Aspekte einzigartiger singulärer Beziehungen von Menschen mit Behinderung auf eine sehr differenzierte Art an und lädt aufgrund seiner Abstraktheit zur Interpretation ein. Nicht nur die Thematisierung eines in der Theaterszene eher ungewöhnlichen Themas, sondern auch die Umsetzung mit Tanz, Live-Musik und visueller Gestaltung machen die Aufnahme so vielschichtig. Doch Szenen wie im „Second Chapter: survival of the fittest“, in der Paweł Duduś als Puma die auf dem Boden liegende Lucy Wilke umwirbt und schließlich wie seine Beute reißt, irritieren das Publikum womöglich zuerst. Was wird mit diesen eher unkonventionellen Bewegungen und Blicken gemeint, fragt sich womöglich der eine oder andere.

Doch genau die vermeintliche Absurdität machen das Stück so interessant und geben einen angenehmen Raum zur Interpretation.

Ich halte es außerdem für sehr wichtig, das Theater als Medium der Aufklärung zu nutzen und kann von mir selbst sagen, dass mich der Theater“besuch“ definitiv zum Nachdenken über und Hineinversetzen in das Leben einer Person mit Behinderung angeregt hat. Außerdem wurde durch die eher unkonventionelle Umsetzung mit Hilfe von wenig wörtlicher Rede, abstrakten Bewegungen, Tanz und Musik eine eher ungewöhnliche Stimmung geschaffen, welche sowohl intensiveres Nachdenken während des Anschauens, als auch danach angeregt hat.
Yougha

Atmosphäre

Zunächst wirkt das Eingangsbild ein wenig verstörend: Zwei Menschen mit tief gesenkten Köpfen vollführen tastende, vorsichtige Bewegungen, die sie in sachlichem, ruhigem Ton kommentieren. Die Synchronität der meisten Gesten deutet bereits jetzt an, was sich im Laufe der Performance verstetigen wird – Nähe, Vertrautheit, Geborgenheit des einen Menschen im anderen.

Zuerst vorsichtige Berührungen, eine beleuchtete Insel inmitten von Dunkelheit, sphärische Klänge wirken harmonisch, Lucy Wilke und Paweł Duduś lassen sich immer stärker aufeinander ein und lassen mich vergessen, dass die Einschränkungen eines Körpers Grenzen setzen können.

Geist und Körper scheinen mit sich im Reinen, sind Teil eines großen Ganzen. Des Universums? Ich sehe und spüre große Vertrautheit und Zärtlichkeit.
Dieser Eindruck kehrt im Laufe der Aufführung immer wieder, aber es gibt weitere Facetten: Ironisch-erotisches Spielen mit Klischees zum Beispiel. Der sich machohaft-majestätisch rekelnde Puma auf dem IKEA-Sofa-Felsen, dazu die dramatische Hollywood-Musik. Die amüsiert und relaxt das Liebesspiel (?) erwartende Antilope, Genuss bis zum Kehlenbiss. Ähnlich witzig Paweł Duduś lasziv-feminine Tanzshow, die Lucy Wilke, wie mir scheint, anerkennend bis belustigt verfolgt und schließlich das rhythmische Powackeln mit Kopfnicken synchronisiert. Auch hier Offenheit, Vertrautheit, Nähe.
Noch mehr Nähe im Kapitel „I recall“. Clubatmosphäre, Tanzen, Umarmen, Ekstase, Glück – und das alles im Sitzen. Dazu der Schokoplätzchen-Regen. Kindergeburtstag trifft auf Partyrausch.
Aber über alledem und immer wieder die Atmosphäre einer vollkommenen Harmonie, Symbiose zweier Körper und zweier Seelen. Es scheint, als wäre der Sprung über das Hochhaus möglich – nicht nur in der Imagination.
Alexej Popow

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Anna-Maria Domeier

Anna-Maria Domeier

Nach einem Studium des Sonderschullehramtes kurzzeitig im Kinder- und Jugendtheater tätig gewesen. Danach folgte ein Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis mit den Schwerpunkten Theater und Medien. Ausrichtung währenddessen und danach im Bereich Ausstellungskonzeption.

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