Kritik üben: Zur vorerst letzten Ausgabe des Theatertreffen-Blogs

Nächstes Jahr kehren wir zur Normalität zurück. So entschlossen und zuversichtlich tönte es an dieser Stelle im vergangenen Mai anlässlich der Corona-Sonderausgabe des Theatertreffen-Blogs. Die Pandemie war noch jung, Durchhalteparolen und Enttäuschungen, Ausfälle und Absagen lösten einander ab. Wir wussten nicht, was noch auf uns zukommen würde. Eigentlich wussten wir nicht einmal, wovon wir sprachen. Das Virus war in der Welt, aber die Welt schien noch nicht ganz Virus.

Jetzt wissen wir es ein bisschen besser. Auch 2021 werden das Theatertreffen und mit ihm das Blog nicht zu jener vor-pandemischen Gestalt zurückkehren, die wir den Blogger*innen vom vergangenen Jahr bieten wollten. Wir hatten sie alle noch einmal eingeladen, in der Hoffnung auf die gewohnte Liveness, auf Zusammenkunft und Ausgelassenheit. Es sollte nicht sein. Das Theatertreffen bleibt digital und wir bleiben auf Distanz. Wie schön und ermutigend aber, dass gleich mehrere der Teilnehmer*innen aus 2020 dennoch wieder dabei sind. Wir freuen uns darüber ebenso wie über die neu hinzugekommenen Autor*innen, die unser Team nun komplettieren.

Aus der fernen Vergangenheit geteilter Nüsschenschalen: Der Redaktionsraum im Mai 2015

Mit ihnen gemeinsam wollen wir noch einmal im Wortsinne Kritik üben – ganz so, wie es das Theatertreffen-Blog und seine zahlreichen Stipendiat*innen seit 2009 immer getan haben. Danach aber wird sich der Vorhang hier und über dieser Form und Besetzung erst einmal schließen. Die neue Zeit verlangt auch eine andere Gestalt und andere Antworten auf neue Fragen. Was gibt es noch zu sehen durch das digitale Schlüsselloch eines Festivals, das auch in Zukunft seine Spielflächen selbst immer weiter aus der analogen Ortsgebundenheit herausführen wird? Für wen schreibt man, wenn nicht mehr für jene, die nicht dabei sein können? Das Theater wird sich durch Corona so stark verändert haben, dass auch die Theaterkritik und ihr Handwerk davon nicht gänzlich unberührt bleiben können. Das Nachdenken darüber, wie es weitergehen könnte, braucht neue Kompetenzen, Kanäle und Kollaborationen. Und es hat gerade erst begonnen.

Also vorerst letzte Runde – und Anlass, Dank zu sagen. An die wunderbaren Kolleg*innen der Berliner Festspiele und besonders des Theatertreffens rund um Yvonne Büdenhölzer, die dieses Projekt immer verteidigt und gestützt hat. An unseren verlässlichen Förderer, die Stiftung Presse-Haus NRZ, unsere Medienpartner*innen, Gastautor*innen, Kompliz*innen und kritischen Leser*innen. Vor allem aber an all jene, die über die Jahre mitgeschrieben, mitgedacht und mitentwickelt haben – die Stipendiat*innen, Projekt-Leiter*innen, Assistent*innen und an Viktor Nübel, Blog-Designer seit der ersten Stunde. Und ein letzter Dank geht ganz nach oben: an unseren viel zu früh verstorbenen Mentor Dirk Pilz, dem die Arbeit mit jungen Talenten wie kaum einem anderen am Herzen lag. Es war ihm und uns eine große Freude!

Janis El-Bira
Leitung Theatertreffen-Blog 2016–2021