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Nichts ins Netz gegangen

Mit „Stages Unboxed“ zeigt das Theatertreffen vier Inzenierungen, die in erster Linie für den digitalen Raum angelegt sind. Sarah Kailuweit fragt sich, warum es nicht deutlich mehr netzbasierte Stücke in die 10er Auswahl geschafft haben.

Das Credo des Theatertreffens: „Zehn bemerkenswerte Inszenierungen der Saison, ausgewählt von einer unabhängigen Kritiker*innen-Jury, geben einen Blick auf den Status quo des deutschsprachigen Theaters.“ Mit „Medea*“ in der Regie von Leonie Böhm, dem „Zauberberg“ inszeniert von Sebastian Hartmann und „Maria Stuart“ umgesetzt von Anne Lenk glänzen auch dieses Jahr wieder Neuinterpretationen klassischer Texte auf den Bühnen des Festivals. Aber: Wo ist all das Netztheater?

Während im ersten Lockdown Probeaufnahmen diverser Produktionen ins Netz geladen und von Theaterhungrigen konsumiert wurden, entwickelten sich mit der anhaltenden räumlichen Distanz digitale Formate, die mehr wollen. „Werther.live“ des freien Theaterkollektivs rund um Regisseurin Cosmea Spelleken nutzt soziale Medien und Messengerdienste, um das Publikum in Goethes Briefroman zu ziehen. Das Projekt „HYPHE“ der Gruppe onlinetheater.live baut ein eigenes Netzwerk aus Schimmelpilzsporen, um Nähe zu schaffen. „Die Distanz zwischen dir und mir ist nicht größer als der Abstand zwischen mir und meinem Screen“, steht da auf der Website. Im Fokus beider Produktionen: Teilhabe der Besucher*innen. Das ist erfreulich, denn das Theater hat durch seine Verlegung ins Netz viel verloren: die räumliche Abgrenzung zum Alltag, die körperliche Ko-Präsenz und die Pausenbrezel.

Die 10er Auswahl des diesjährigen Theatertreffens konzentriert sich aber auf ein klassisches Theater, das die aktuelle Situation zwar inhaltlich und ästhetisch spiegelt, die neu gefundenen technischen Möglichkeiten aber größtenteils ignoriert.

Digitale Formate, die mit Partizipation und Netz spielen, laufen im Rahmenprogramm. Henrike Iglesias‘ „UNDER PRESSURE“, „Das HOUSE“ von minus.eins, die Performance „Las Travesías“ von Teatro en Red und internils „Es ist zu spät“ wurden also von der Dramaturgie und Leitung des Theatertreffens ausgewählt. Die unabhängige Kritiker*innenjury bewertetet (mit der Ausnahme von Gob Squads „Show Me a Good Time“) kein interaktives Digitaltheater als bemerkenswert.

Sind die sieben Köpfe des Gremiums noch nicht bereit für ein neues digitales Theater, das durch den Bildschirm in die Smartphones kraxelt? Mit der aktuellen Auswahl wird ein Theaterbegriff verteidigt, der sich nach einer zurückkehrenden Normalität verzehrt. Das ist verständlich. Wer vermisst nicht die samtbeschlagenden Klappsessel, das Raunen im Saal vor Aufführungsbeginn, den Schlussapplaus?

Aber das Festival ist ein Leuchtturm der Szene. Als solcher müssen jedes Jahr auch neue Küsten abgeleuchtet werden.

Es ist nicht Aufgabe der Theatertreffen-Jury, ein möglichst allumfassendes Tableau abzubilden. Stattdessen streiten sich sieben nennenswerte Theaterkritiker*innen mit unterschiedlichen Theaterbiografien über die Einschätzung „bemerkenswert“. Ein Juror achtet besonders auf sensible Zwischentöne, eine andere setzt den Fokus auf gesellschaftliche Bedeutsamkeit. Beachtliche Schauspielleitungen scheinen insgesamt hoch im Kurs zu stehen. Theoretisch befruchten sich so diverse Wahrnehmungen hin zu einer Auswahl, die den aktuellen Status des deutschsprachigen Theaters reflektiert. Besonders dieses Jahr ist deswegen auffallend, dass wieder vor allem Flaggschiff-Inszenierungen den Stempel „bemerkenswert“ verliehen bekommen, statt auf Produktionen aufmerksam zu machen, die das Medium Theater in der aktuellen Krise neu denken.

So liest sich die Liste der ausgewählten Inszenierungen fast trotzig abweisend. Gob Squad als langjährig bewährtes Kollektiv aus der freien Szene soll eine Lücke in der Auswahl füllen, die viel zu breit für eine einzelne Produktion ist. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Position in der Jury. Acht Juror*innen statt sieben wären eine zukunftsweisende Setzung. Schließlich gilt die Acht beispielsweise in der chinesischen Kultur durch ihren Gleichklang mit dem Wort für „voran“ als zukünftig glücksbringend.

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Sarah Kailuweit

Sarah Kailuweit

Jahrgang 1994, hat Theaterwissenschaft und Philosophie studiert und steckt in den letzten Zügen ihres Masterstudiums Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Sie arbeitet als freie Autorin, u. a. für das Missy Magazine, liebäugelt mit einer Karriere im Radio und entdeckt aktuell die Welt der Computerspiele.

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