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Vorzug dem rauen Asphalt

Weg vom Glitzer des Theaterglamours, hin zum echten Leben auf den Straßen. Lea Matika geht der Frage nach, weshalb das Living Theatre gerade in diesem Jahr in den Fokus des Theatertreffens rückte – und was es in seiner aktivsten Zeit ausgemacht hat.

„Ich entscheide mich, nicht im Theater zur arbeiten, sondern in der Welt.“

So schreibt Julian Beck in seinem Buch „Das Theater leben“, Manifest seiner Theatergruppe „The Living Theatre“, welches nun auf Deutsch erschienen ist.

Judith Malina, neben Julian Beck zweites Gründungsmitglied der anarcho-pazifistischen Kompanie, erzählt in der Dokumentation ‚Resist!‘, einer Hommage an Malina und das Living Theatre gleichermaßen, dass ihr Ziel stets war, „ohne Rivalität und Konkurrenz zusammenzuleben“. Etwas, was das Living Theatre in ihren Produktionen auch für die Welt forderte. Ihre Radikalkritik an Gefängnis und Militär brachte die Gruppe unter anderem in den USA, Brasilien und Italien an und kürzere unfreiwillige Aufenthalte in Gefängnissen mit sich.

Auftrittsstätten der Gruppe waren unter anderem Psychiatrien und Demonstrationen. Im Buch kritisiert Beck den falschen Dreck der Glitzertheaterwelt: „sauber abgewischter, geruchsloser, unmenschlicher Anus des Hollywoodschauspielers, des Broadway-Stars“. Das Living Theatre entschied sich für die Straße, den echten Dreck, mit all seinen Schattenseiten. Als Julian Beck schwer an Krebs erkrankt, war ohne Krankenversicherung oder sonstige Absicherung der Großteil des Geldes, über das die Gruppe verfügte, schnell verschlungen.

Bleiernes Aufbrechen

Dirk Szuszies, selbst ehemaliges Mitglied des Living Theatres und -gemeinsam mit Karin Kaper- Macher der Dokumentation ‚Resist!‘ erklärt: „Die Maxime war damals, dass Theater sich einmischen muss und Widerspruch provozieren soll -auch innerhalb der Linken.“

Szuszies beschreibt die bleierne Zeit der Fünfziger Jahre in Deutschland, die durch die 68er-Revolte aufgebrochen wurde, die radikalisierten Siebziger mit den Anschlägen der RAF und die Staatsreaktion der Überwachung und Kontrolle. Ausgehend davon schloss er sich in den Achtziger Jahren dem Living Theatre an und berichtet aus dieser Zeit, dass sich die Gruppe schon damals ob der Wirksamkeit ihres künstlerischen Ansatzes rechtfertigen musste gegenüber Stimmen, die mahnten, der Zenit des Living Theatres sei längst überschritten. Auch gegen die Mythisierung musste sich gewehrt werden; das Living Theatre musste lebendig bleiben.

Im Konflikt spielen

Mit ihrer anarcho-pazifistischen Grundhaltung stößt das Living Theatre teilweise an Grenzen: Im Libanon spaltet sich die Gruppe während einer Inszenierung zum Gefängnis Khiam, ein zeitweise von der israelischen Armee betriebenes Gefängnis. Einige der libanesischen Spieler steigen aus dem Projekt aus, da sie die Prämisse der Gewaltlosigkeit nicht unterstützen können. Malinas Reaktion, die in der Dokumentation zu sehen ist, ist voller Verständnis und Bedauern zugleich. Sie, selbst Jüdin, scheute sich wie das gesamte Living Theatre nicht, sich ins Herz der Konflikte zu begeben. Dirk Szuszies, der von durchdiskutierten Nächten, Selbstzweifeln und emsigem Weitermachen-Trotz-Allem berichtet, sagt, dass das Living Theatre sich strategisch anmaßte, mehr zu behaupten, als es einlösen konnte -aber die Mitglieder stets bescheiden blieben.

Und heute?

Auf dem diesjährigen Theatertreffen stellte das Living Theatre einen Themenschwerpunkt dar. Intendant Thomas Oberender beschreibt das Living Theatre in einer Podiumsdiskussion als eine mit „Messianismus, Revolutionsglaube und einem Entwurf von Positivität gemischte Lebenserforschung und Selbstbefragungsprogramm“. Soll das Living Theatre angesichts der pandemiegelähmten Theaterszene etwa als Projektionsfläche für Vitalität und Nähe herhalten? Als Gegenfolie des vereinzelten Spielens in der Digitalität? Milo Rau fordert in der Diskussion „noch mehr Unreinheit und Entgrenzung“. Nun ersetzt zwar Theatermachen den Klassenkampf nicht. Aber The Living Theatre kann durchaus als Impuls für theatrale Radikalkritik dienen, die aktualisiert und auf heutige Zwangsverhältnisse angewendet werden kann – so man sie erkennt.

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Lea Matika

Lea Matika

Lea Matika, Jahrgang 1988, hat Anglistik/Germanistik und transkulturelle Theaterwissenschaften studiert. Sie lebt in Leipzig und ist als Musikerin, Theatermacherin und Journalistin tätig. Ihre Texte erschienen bisher u. a. im Leipziger Stadtmagazin kreuzer und beim Ventil Verlag.

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