Click to Open Naviagtion
Twitter Logo Instagram Logo TikTok Logo Only Fans Logo
×
Hola soy Dora can you say: bandera roja? That means red flag in Spanish --Lauren 🤙

deutschi sprach kein schöni sprach

Über die, im Berliner Festspielhaus viel umjubelte, Inszenierung „humanistää“ (Regie: Claudia Bauer) resümiert unsere Autorin Eva Königshofen:


for the English version please scroll down


„ich sein eini grose kunstler und ich sein ein universitätsprofesuren mit nobelpreisen / ich lieben goethi und schiller“ heisst es vorne auf der Bühne und die Künstler:innen und Universitätsprofessor:innen im Publikum des  ausverkauften Saals des Berliner Festspielhauses lachen sich kaputt. Endlich mal wieder richtig lachen im Theater und vor den Sitznachbar:innen mit der eigenen Fähigkeit zur Selbstironie flexen. 

Der Anlass: Regisseurin Claudia Bauer hat sich Ernst Jandls „Die Humanisten“ und „Aus der Fremde“  vorgenommen und daraus eine rasante Show gebaut, in der Text und Ensemble glänzen.  Es gibt Live-Musik aus dem Orchestergraben, Tanzeinlagen, Gesang und Slapstick. Und schon nach dem Prolog ist klar: Die Leute sind gekommen um zu Klatschen. Dabei geht es so düster los. Bühnengroß ist die graue Wand vorne, darin eingelassen eine kleine Kammer des heteronormativen Schreckens, in der zwei Schauspieler*innen maskiert und pantomimisch ein Abendessen performen, das von passiv-agressivem Stullenschmieren erzählt. In diesem Prolog aus der Ehehölle wird rasant Fahrt aufgenommen fürs große Freidrehen, als das man den Rest des Abends beschreiben könnte. 

A propos „könnte“: der Konjunktiv ist die dominante Erzählform des Abends, die dritte Person die Perspektive aus der hier auf die Gesellschaft geblickt wird, von der hier erzählt wird. Und diese Kombi – Konjunktiv und dritte Person – hat es in sich: Nicht nur wird Distanz zum Gesagten geschaffen, sondern die Sprache selbst stellt sich dar und fragt dabei immer was sein könnte oder was hätte sein können – konkrete Poesie in a nutshell. Und ja, Ernst Jandl wäre vermutlich flät-teur-ed (um hier mal ein bisschen Denglisch einzubringen, wie es auch in Bauers Inszenierung vorkommt) von der stimmlichen wie körperlichen Performance, die die Schauspieler:innen hier hinlegen. Bemerkenswert ist die Präzision und Geschwindigkeit der Performance, die über die zweieinhalb Stunden hinweg gehalten wird. (Später im Nachgespräch wird Claudia Bauer über den straffen Probenplan mit täglichem Körper- und Sprechtraining berichten.) Ein Szenenapplaus jagt den nächsten – zu Recht. Die Schauspieler*innen brillieren dermaßen, dass ich kurz selber ganz erschrocken bin wie sehr da mein Theater-AGlerinnen Herz auf einmal wieder schlägt. Fast wäre man versucht zu denken „die deutschi sprach, ein schöni sprach“, aber die beiden Nobelpreisträger aus Jandls  Die Humanisten präsentieren sich als lächerliche Figuren, als nationalistische Snobs. In Jandls „Konversationsstück in einem Akt“ werden sie schließlich selbst zum Opfer der Nationalsozialisten, womit der Autor spätestens nochmal daran erinnert, warum die deutschi sprach kein schöni sprach ist.

Es gäbe noch viel zu sagen zu Claudia Bauers Knaller, der im Januar 2022 Premiere am Wiener Volkstheater hatte, aber es ist schon spät (oder in der Sprache des Stücks: ins Bed wud ich leik tu go). Zum Beispiel könnte man darüber nachdenken, was es mit dem Untertitel des Stücks „eine Abschaffung der Sparten“ auf sich hat – schließlich ist Bauers Arbeit doch sehr entschieden im Hinblick auf Text und Darstellung. Oder man dächte darüber nach, warum Claudia Bauer sich gerade jetzt mit Jandl beschäftigt. Oder darüber, ob man der Inszenierung ihre Längen verzeiht. 

Fest steht: humanistää ist ein Publikumsliebling. „Lange nicht mehr so gelacht“ oder „Medizin gegen meine Theaterkrise“ lässt sich beim Verlassen des Saals aufschnappen. Auf humanistää können sich also fast alle einigen – zumindest darin wird das Stück also seinem Titel gerecht. 

humanistää! eine abschaffung der sparten 
nach Ernst Jandl 
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüm: Andreas Auerbach, Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein, Lightdesign: Paul Grilj, Sounddesign: Sebastian Hartl, Dramaturgie: Matthias Seier, Übertitel: Johanna Metz, Musiker: Igor Gross, Lukas Lauermann, Dirigentin: Jera H. Petriček, Live Kamera: Thomas Barcal. 
Mit: Elias Eilinghoff, Evi Kehrstephan, Bettina Lieder, Hasti Molavian, Nick Romeo Reimann, Julia Franz Richter, Uwe Rohbeck, Samouil Stoyanov.
Premiere am 15. Januar 2022, Volkstheater Wien


Tipp für alle, die noch nicht geschaut haben oder nochmal schauen wollen: Claudia Bauers Inszenierung ist hier in der 3sat-Mediathek einsehbar.


© Nikolaus Ostermann

deutschi sprach kein schöni sprach

Our author Eva Königshofen sums up the much acclaimed production of „humanistää“ (directed by Claudia Bauer) at Berliner Festspielhaus:

„ich sein eini grose kunstler und ich sein ein universitätsprofesuren mit nobelpreisen / ich lieben goethi und schiller“ („I am a great artist and I am a university professor with noble prizes / I love Goethe and Schiller“) it says at the front of the stage, and the artists and university professors in the audience of the sold-out hall of the Berlin Festspielhaus burst out laughing. Finally laughing properly again in the theater and flexing their own capacity for self-irony in front of the people sitting next to them.

The occasion: Director Claudia Bauer has taken Ernst Jandl’s „Die Humanisten“ and „Aus der Fremde“ and turned them into a fast-paced show in which text and ensemble shine. There is live music from the orchestra pit, dance interludes, singing and slapstick. And already after the prologue it is clear: The people have come to clap. And yet it starts so gloomily. The gray wall at the front is the size of the stage, with a small chamber of heteronormative horror set into it, in which two actors, masked and pantomiming, perform a dinner that tells of passive-aggressive smearing of sandwiches. In this prologue from the hell of marriage, the pace is rapidly picked up for the great free spinning, as which one could describe the rest of the evening.

Speaking of „could“: the subjunctive is the dominant narrative form of the evening, the third person the perspective from which the society is viewed, the society that is narrated here. And this combination – subjunctive and third person – has it all: not only is distance created to what is said, but the language itself presents itself and always asks what could be or what could have been – concrete poetry in a nutshell. And yes, Ernst Jandl would probably be flät-teur-ed (to use a bit of Denglish here, as it also occurs in Bauer’s production) by the vocal and physical performance that the actors put on here. Remarkable is the precision and speed of the performance, which is maintained throughout the two and a half hours. (Later, in the post-show talk, Claudia Bauer will report on the tight rehearsal schedule with daily physical and speech training). One scene of applause follows the next – and rightly so. The actors are so brilliant that I am briefly shocked myself at how much my Theater-AGlerinnen heart is suddenly beating again. One would almost be tempted to think „die deutschi sprach, ein schöni sprach“, but the two Nobel Prize winners from Jandl’s Die Humanisten present themselves as ridiculous figures, as nationalistic snobs. In Jandl’s „conversation piece in one act“ they finally become victims of the National Socialists themselves, with which the author reminds us once again at the latest why die deutschi sprach is not a schöni sprach.

There would still be a lot to say about Claudia Bauer’s smash hit, which premiered at the Vienna Volkstheater in January 2022, but it’s already late (or in the language of the play: ins Bed wud ich leik tu go). For example, one might ponder what the play’s subtitle „an abolition of the divisions“ is all about – after all, Bauer’s work is very decisive in terms of text and presentation. Or one might think about why Claudia Bauer is dealing with Jandl at this particular time. Or about whether one forgives the production its lengths.

One thing is certain: humanistää is an audience favorite. „It’s been a long time since I’ve laughed so much“ or „Medicine against my theater crisis“ can be heard when leaving the auditorium. So almost everyone can agree on humanistää – at least in this respect the play lives up to its title.


humanistää! eine abschaffung der sparten 
after Ernst Jandl 
Director: Claudia Bauer, Stage: Patricia Talacko, Costume: Andreas Auerbach, Composition and musical direction: Peer Baierlein, Light design: Paul Grilj, Sound design: Sebastian Hartl, Dramaturgy: Matthias Seier, Surtitles: Johanna Metz, Musicians: Igor Gross, Lukas Lauermann, Conductor: Jera H. Petriček, live camera: Thomas Barcal. 
With: Elias Eilinghoff, Evi Kehrstephan, Bettina Lieder, Hasti Molavian, Nick Romeo Reimann, Julia Franz Richter, Uwe Rohbeck, Samouil Stoyanov.
Premiere on 15 January 2022, Volkstheater Vienna


Tip for all who have not yet watched or want to watch again: Claudia Bauer’s production can be viewed here in the 3sat-Mediathek.

–––
Eva Königshofen

Eva Königshofen

Eva Königshofen arbeitet in den Bereichen Dramaturgie, Kulturjournalismus und Vermittlung. Sie moderiert einen Podcast für das Künstlerhaus Mousonturm, schreibt über Film, Theater, Comics und Literatur. Gemeinsam mit Freundinnen organisiert sie eine feministische Wikipedia-Schreibwerkstatt.

Alle Artikel


–––