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"Don't ever, for any reason, do anything, to anyone, for any reason, ever, no matter what, no matter where, or who, or who you are with, or where you are going, or where you've been, ever, for any reason whatsoever." -- Michael Scott

Humor als Bewältigungsstrategie

Unsere Autorin, Sanaa Attar, hat Yael Ronens Debatten-Musical „Slippery Slope“ mitverfolgt und ist begeistert von der Verflechtung struktureller Fragen mit einer Gen-Z-freundlichen Ästhetik.


for the English version please scroll down


Neulich wollte ich mit einem Kumpel ins Theater. Passiert ist, was immer passiert, wenn ich in meinem, keineswegs homogenen, Freundeskreis zu fragen wage, ob jemand mich ins Theater begleiten möchte: Ausweichende Blicke, entschuldigende Ausreden und betretenes Schweigen erfüllen den Raum. 

Dabei kann ich niemandem die Antipathie Theater gegenüber verübeln. Die Inhalte erinnern meist an eine nicht allzu lang vergangene Schulzeit, die Einrichtungen wirken elitär und hingewiesen wird auf Relikte vergangener Jahrhunderte – meine Generation ist schlicht und ergreifend nicht Zielpublikum. Hinzu kommt der Aspekt der Ästhetik, die selten mit den eigenen Sehgewohnheiten übereinstimmt. Daran, selten angesprochen zu werden, hat man sich als junger Mensch bereits gewöhnt; ins Theater geht man, um sich einmal erwachsen und spießig zu fühlen. Daher ist es eine erfrischende Abwechslung, auf ein Stück zu stoßen, dass sich an junge Leute richtet, sie mitdenkt – ohne dabei an gesellschaftlicher Relevanz einbüßen zu müssen. „Slippery Slope – almost a Musical, inszeniert von Yael Ronen und komponiert von Shlomi Shaban am Maxim Gorki Theater in Berlin, hat diese Herausforderung gewagt. 

Haifischbecken: Internet

Das Stück handelt von Shitstorms, Narrativen, Debattenkultur, und dem Internet. All dies ist verpackt in einem musikalisch satirischen Abend. Der Name Slippery Slope, rutschiger Abgang, verweist auf die in den Abgrund schlitternden beruflichen Laufbahnen der Figuren. Auch Alissa Kolbuschs Bühnenbild spiegelt diesen Niedergang wider, ein langer Laufsteg führt geradewegs in den Publikumsraum, der repräsentativ für das Haifischbecken Internet steht. 

Der Protagonist, Gustav Gustaffson, ein Sänger in der Midlife-Crisis gespielt von Lindy Larsson, verkörpert den Stereotyp weißer, unreflektierter Mann. Kurz vor einer Preisverleihung wird er gecancelt, die Anschuldigungen reichen von kultureller Aneignung über Ausbeutung bis hin zu #metoo. Er erzählt retrospektiv seine Geschichte, von seinem ersten Aufeinandertreffen mit der jungen und talentierten Sängerin Sky, gespielt von Riah May Knight. Schnell wird klar, sie ist sein Manic Pixie Dream Girl, ihre Wirkung auf ihn berauschend. Sky, die sich zunächst seiner Erzählung fügt, greift ein, um ihn auf Lücken und vermeintlich fehlerhafte Erzählungen hinzuweisen, seine stumpfe Erwiderung: „you are my memory“. Gustav Gustaffson ist ein unverlässlicher Erzähler, das Publikum wird gezwungen sich damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, in ungleichen Machtgefügen Raum einzunehmen, zu sprechen und gehört zu werden. 

Allerdings sind sowohl Sky als auch der Rest der Figuren nicht ganz unschuldig, werden nacheinander an den öffentlichen Pranger gestellt, für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen. 

Zwischen Satire und Grenzüberschreitung

Slippery Slope spaziert auf dem schmalen Grat zwischen Satire und Grenzüberschreitung. Bei den zahlreichen Witzen und Sticheleien könnte man meinen, dass Stück verliere an Ernsthaftigkeit, mache sich lustig auf Kosten der strukturell Benachteiligten – dies passiert jedoch keineswegs. Das Stück positioniert sich nicht, ist eher Bestandsaufnahme als Bewertung einer komplexen und facettenreichen, aktuellen Dynamik, wodurch das Publikum dazu aufgefordert wird, die eigene Haltung zu reflektieren und sich selbst innerhalb des Gefüges zu positionieren.

Die Handlungen der Figuren haben, abseits ihres eigenen Schicksals, zudem gravierende, tragische Folgen. Stanka Sto beispielsweise, gespielt von Vidina Popov, vom Netz als männerhassende und skrupellose Investigativjournalistin betitelt, muss, geblendet von ihren eigenen Ambition, auf der Jagd nach der nächsten großen Story den Tod einer Prostituierten verantworten. Dies schafft einen ehrlichen, fragilen und seltenen Augenblick inmitten der Reizüberflutung. Hierin liegt auch der wesentliche Kritikpunkt: es hätte mehr und eine intensivere Aushandlung dieser Momente, dieser Brüche gebraucht, um eine Tiefe in die Handlung zu bringen, an der es an einigen Stellen mangelt.

Die Art von Humor – makabre Sprüche, lachen, im alarmierenden Bewusstsein über die düstere politische Zukunft – Klimawandel, Rechtsruck, Krieg – ist kennzeichnend für eine ganze Generation junger Menschen. Verbringt man einige Zeit auf Plattformen wie TikTok, wird man konfrontiert mit der Gen Z, die die Fähigkeit, Witze in geschützten Räumen als Bewältigungsstrategie zu nutzen, ohne sich dabei despektierlich zu verhalten, perfektioniert hat. Ein weiteres Augenzwinkern an jüngere Generationen sind die großartigen, schillernden Projektionen, in denen Livestreams, Fortnite, Avatare und Twitter-Bombardierungen ihren Platz finden. 

Empfohlen hat mir das Stück übrigens eine gute Freundin, die dem Theater eine Chance geben wollte und das Plakat schön fand.


Slippery Slope
Almost a Musical
von Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah May Knight & Itay Reicher
Regie: Yael Ronen, Komposition: Shlomi Shaban, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi, Video: Stefano Di Buduo, Lichtdesign: Gregor Roth, Dramaturgie: Jens Hillje, Clara Probst.
Mit: Emre Aksızoğlu, Anastasia Gubareva, Riah May Knight, Lindy Larsson, Vidina Popov.
Premiere am 6. November 2021, Maxim Gorki Theater Berlin


Lust auf weitere Eindrücke zu „Slippery Slope“? Die freie Kulturjournalistin, Moderatorin und Podcasterin Aida Baghernejad hat die Inszenierung am Wochenende ebenfalls besucht und hier ihre Gedanken für unsere Kolleg:innen von Nachtkritik festgehalten.


Humor as a coping strategy

Our writer, Sanaa Attar, has been following Yael Ronen’s debate musical, „Slippery Slope,“ and is excited by its interweaving of structural issues with a Gen-Z-friendly aesthetic.

Recently, I wanted to go to the theater with a buddy. What happened was what always happens when I dare to ask in my circle of friends, which is by no means homogeneous, whether someone would like to accompany me to the theater: evasive looks, apologetic excuses and awkward silence fill the room.

At the same time, I can’t blame anyone for their antipathy toward the theater. The content is usually reminiscent of school days not so long ago, the facilities seem elitist and references are made to relics of past centuries – my generation is simply not the target audience. In addition, there is the aspect of aesthetics, which rarely coincides with one’s own viewing habits. As a young person, one has already become accustomed to rarely being addressed; one goes to the theater to feel grown-up and stuffy for once. So it’s a refreshing change to come across a play that is aimed at young people, that makes them think – without losing any of its social relevance. „Slippery Slope – almost a Musical,“ directed by Yael Ronen and composed by Shlomi Shaban at the Maxim Gorki Theater in Berlin, has dared to take on this challenge.

Shark Tank: Internet

The play is about shitstorms, narratives, debate culture, and the Internet. All of this is wrapped up in a musically satirical evening. The name Slippery Slope refers to the professional careers of the characters as they slide into the abyss. Alissa Kolbusch’s set design also reflects this decline, with a long catwalk leading straight into the audience space, representative of the shark tank that is the Internet.

The protagonist, Gustav Gustaffson, a singer in midlife crisis played by Lindy Larsson, embodies the stereotype white, unreflective male. He is caned just before an awards show, with accusations ranging from cultural appropriation to exploitation to #metoo. He retrospectively tells his story, of his first encounter with the young and talented singer Sky, played by Riah May Knight. It quickly becomes clear she is his Manic Pixie Dream Girl, her effect on him intoxicating. Sky, at first complying with his narrative, intervenes to point out gaps and supposedly faulty narratives, his blunt retort, „you are my memory.“ Gustav Gustaffson is an unreliable narrator, the audience is forced to grapple with what it means to take up space in unequal power structures, to speak and be heard.

However, both Sky and the rest of the characters are not entirely innocent, placed in the public pillory one by one, held accountable for their behavior.

Between satire and boundary crossing

Slippery Slope walks the fine line between satire and boundary crossing. With the numerous jokes and jibes, one might think that the play loses its seriousness and makes fun at the expense of the structurally disadvantaged – but this does not happen at all. The play does not position itself, it is rather an inventory than an evaluation of a complex and multifaceted current dynamic, whereby the audience is invited to reflect on its own attitude and to position itself within the structure.

The characters‘ actions, apart from their own fates, also have grave, tragic consequences. Stanka Sto, for example, played by Vidina Popov, dubbed by the network as a man-hating and unscrupulous investigative journalist, must, blinded by her own ambition, answer for the death of a prostitute in pursuit of the next big story. This creates an honest, fragile and rare moment amidst the sensory overload. Herein also lies the major criticism: it would have taken more and a more intense negotiation of these moments, these ruptures, to bring a depth to the plot that is lacking in some places.

The kind of humor – macabre sayings, laughing, in alarming awareness of the bleak political future – climate change, rightward shift, war – is characteristic of a whole generation of young people. Spend some time on platforms like TikTok and you’re confronted with Gen Z, which has perfected the ability to use jokes in protected spaces as a coping strategy without being disrespectful. Another nod to younger generations are the grand, dazzling projections, where livestreams, Fortnite, avatars and Twitter bombardments find their place.

By the way, the play was recommended to me by a good friend who wanted to give the theater a chance and thought the poster was beautiful.


Slippery Slope
Almost a Musical
by Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah May Knight & Itay Reicher
Director: Yael Ronen, Composition: Shlomi Shaban, Stage: Alissa Kolbusch, Costumes: Amit Epstein, Music: Yaniv Fridel, Ofer Shabi, Video: Stefano Di Buduo, lighting design: Gregor Roth, dramaturgy: Jens Hillje, Clara Probst.
With: Emre Aksızoğlu, Anastasia Gubareva, Riah May Knight, Lindy Larsson, Vidina Popov.
Premiere on 6 November 2021, Maxim Gorki Theater Berlin


Want more impressions of „Slippery Slope“? Freelance cultural journalist, moderator and podcaster Aida Baghernejad also visited the production at the weekend and recorded her thoughts here for our colleagues from Nachtkritik.

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Sanaa Attar

Sanaa Attar

Sanaa Attar wurde 2001 in Krefeld geboren. Nach ihrem Abitur ging sie für ein freiwilliges soziales Jahr in der Schauspieldramaturgie ans Badische Staatstheater Karlsruhe und studiert seit 2021 Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit Schwerpunkt Literatur an der Universität Hildesheim.

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