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Jo dude, the empire is pretty chill. Maybe you could like join it or something. --Lucifer

Welche Klasse sieht zu?

Lukas Holzhausens Bühnenadaption von Christian Barons Roman „Ein Mann seiner Klasse“ wirft einen tieferen Blick auf das Thema Klassismus. Aber wer spricht über wen und wer schaut dabei zu – Fragen, die unsere Autorin Cennet Alkan assoziativ beschäftigen.


for the English version please scroll down


Ein bemerkenswertes Bühnen-Experiment.

Der letzte Mann seiner Art. Ein Versager. Ein Familien-Splitterer, Texte, Texte, Texte und ein vernachlässigtes Publikum. Das ging mir als Blogger*in durch den Kopf.

Die Figuren auf der Bühne: surreal gezeichnet. Es ist nichts zu erkennen von Menschen, die tatsächlich vom System im Stich gelassen wurden.

Das „gute“ alte Sprechtheater. Es wird abstrakt darüber gesprochen, wie der deutsche Staat seine Mitmenschen im Stich und verhungern lässt (Hartz IV), dass die Kinder, wie auch die Mutter-Figur, von Gewalt betroffen sind und der jüngste Sohn aus dem „Arbeitermillieu“ ausbrechen wollte, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen.

Einen Versuch ist es wert, das alles auf der Bühne darzustellen. 

Das Stück selber: angelehnt an Christian Barons Memoiren – mit gleichnamigem Titel erschienen.

Eine Frage stellt sich mir als Zuschauer*in:

Hätte ein Mensch der tatsächlich von Arbeitslosen Geld II oder Hartz IV betroffen ist, sich dieses Stück angeschaut? Sind strukturelle Möglichkeiten dafür angelegt?

Das Thema des Autors hat eine starke Berechtigung auf der Bühne, aber es wird viel zu wenig darüber gesprochen, wie es ist, ein „Mensch unterster Klasse zu sein“. Darauf wird zu wenig eingegangen, leider. Du gehst zum Amt und verlierst deine Würde. Mich hätte interessiert, wie sich die Regie mit diesem Thema auseinandersetzt und dadurch eine wichtige Debatte entstehen könnte. Dafür ist die Bühne da! 

Das Bemerkenswerte an dem Abend ist tatsächlich, dass dieses Stück auch die Missstände beim Theatertreffen widerspiegelt. Wer darf an diesem Treffen teilnehmen? Wer kann sich ein Ticket leisten? Wer wird eingeladen und wer nicht? Welche Themen werden verhandelt? Was für ein Publikum kommt aus dem Saal und echauffiert sich, dass der Abend scheiße war? 

„Ein Mann seiner Klasse“ jetzt im Kino! Kleiner Scherz am Rande. Aber tatsächlich wäre dieser Stoff, meiner Meinung nach, eher für die Leinwand geeignet, weil die Charaktere lebendiger und lebensnaher wirken würden. 

Ich verneige mich dennoch vor allen Darsteller* innen auf und hinter der Bühne, die ihr Ding durchgezogen haben. 


Ein Mann seiner Klasse
nach dem Roman von Christian Baron
Regie: Lukas Holzhausen; Dramaturgie: Annika Heinrich; Mit: Michael „Minna“ Sebastian, Noah Ilyas Karayar/Titus von Issendorf, Stella Hilb, Nikolai Gemel, Jan Thümer 
Premiere: 21.10.2021, Staatsschauspiel Hannover


Lust auf weitere Eindrücke zu „Ein Mann seiner Klasse“? Autor und Sozialwissenschaftler Houssam Hamade hat die Inszenierung am Wochenende ebenfalls besucht und hier seine Gedanken für unsere Kolleg:innen von Nachtkritik festgehalten.


Which class is watching?

Lukas Holzhausen’s stage adaptation of Christian Baron’s novel “ Ein Mann seiner Klasse“ takes a deeper look at the topic of classism. But who is talking about whom and who is watching – questions that keep our author Cennet Alkan associatively busy.

A remarkable stage experiment.

The last man of his kind. A loser. A family splinter, texts, texts, texts and a neglected audience. That’s what was going through my head as a blogger.

The characters on stage: surreally drawn. There is nothing to recognize about people who have actually been abandoned by the system.

The „good“ old theater. There is abstract talk about how the German state leaves its fellow human beings in the lurch and starving (Hartz IV), that the children, as well as the mother figure, are affected by violence and that the youngest son wanted to break out of the „working class milieu“ to build a better future for himself.

It’s worth a try to portray all this on stage. 

The play itself: based on Christian Baron’s memoirs – published with the same title.

One question arises for me as a spectator:
Would a person who is actually affected by unemployment money or Hartz IV come to see this play? Are there any structural possibilities for that?

The author’s theme has a strong justification on stage, but far too little is said about what it is like to be a „person of the lowest class“. It’s not addressed enough, unfortunately. You go to the Amt and lose your dignity. I would have been interested to see how the play could address this issue and thereby create an important debate. That’s what the stage is for! 

The remarkable thing about the evening is actually that this play also reflects the grievances at the Theatertreffen. Who is allowed to participate in this festival? Who can afford a ticket? Who is invited and who is not? What topics are being negotiated? What kind of audience comes out of the auditorium and gets upset that the performance sucked? 

„Ein Mann seiner Klasse“ – now at the movies! A little joke on the sidelines. But in fact, in my opinion, this material would be more suitable for the big screen, because the characters would seem more lively and true to life. 

Nevertheless, I bow to all the actors on and off stage who did their thing. 


Ein Mann seiner Klasse
based on the novel by Christian Baron
Director: Lukas Holzhausen; Dramaturgy: Annika Heinrich; With: Michael „Minna“ Sebastian, Noah Ilyas Karayar/Titus von Issendorf, Stella Hilb, Nikolai Gemel, Jan Thümer 
Premiere: 21.10.2021, Staatsschauspiel Hanover


Want more impressions of „Ein Mann seiner Klasse“? Author and social scientist Houssam Hamade also visited the production this weekend and recorded his thoughts here for our colleagues from Nachtkritik.

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Cennet Alkan

Cennet Alkan

Cennet Alkan studierte von 2014 bis 2017 Schauspiel an der ETI Schauspielschule Berlin. Nach dem Studium wirkte sie an verschiedenen Inszenierungen und Lesungen mit, unter anderem im Maxim Gorki Theater und bei „Queer* East“ im Literarischen Colloquium Berlin. 2019 produzierte sie den Kurzfilm „Le cosmos est mon campement“, bei dem sie Regie führte. Cennet Alkan schreibt Lyrik und Kurzprosa. Im Herbst 2020 erschien ihre Erzählung „Eierschalenweiß“ in der Anthologie „Trojanische Steckenpferde“ bei edition pudelundpinscher.

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