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Why am I the only one in this club, popin my f**cking pu$$y? --Ormepheus

Wir sind alle Geschichtenerzähler:innen

Stückemarkt-Stipendiatin und Dramatikerin Amanda Wilkin („And I dreamt I was drowning“) antwortet auf die Frage „Was ist (uns) die Zukunft wert?“: „Die Zukunft ist alles. Ich denke, es ist besonders wichtig, dass für die Zukunft eine Alternative und Hoffnung angeboten wird.“ Autor Ilias Botseas hat an ihrem Workshop „howl to the moon“ teilgenommen und berichtet.


for English version please scroll down


„Wer würde sich als Geschichtenerzähler:in bezeichnen?“ Nur ein paar Hände gehen zögernd hoch in dem mit ca. 30 Personen gut besuchten Workshop „howl to the moon“ von Amanda Wilkin.

„Wer würde sich als gelegentliche:n Geschichtenerzähler:in bezeichnen?“ Die Hände gehen noch zögerlicher hoch – diesmal allerdings fast alle.

„Wo werden Geschichten erzählt?“ Im Theater. Im Friseursalon. Auf Instagram. In Büchern. In Gedichten. In Liedern. In Träumen. Beim Lügen. In Filmen. Im Parlament. Die Liste ist lang.

Weg vom elitären Hochschul-Autor:innentum!

Was ist es, das Wölfe bewegt, den Mond anzuheulen? Ist es ein Gefühl? Ein Instinkt? Eine Art, zu kommunizieren? Für Wilkin ist es die gleiche Triebfeder, die den Menschen zum Geschichtenschreiben bewegt.

Sie ist überzeugt davon, dass wir alle Geschichten erzählen können. Das typische Bild des leidenden Autors, der vereinsamt seine innere Muse ausquetscht, sei ungesund und veraltet. Die besten Geschichten kommen aus einem entspannten und glücklichen Gemüt heraus, in Einklang von Körper und Geist, ohne Druck, ohne Kritik, ohne Erwartungshaltung anderer.

Seit Äonen erzählen Menschen Geschichten

Ob am Lagerfeuer, im Cafe oder beim Ins-Bett-Bringen der Kinder – wir Menschen haben den Drang, zu erzählen, was uns widerfahren ist, was uns bewegt. Es gibt vermutlich keine einzige Person, die noch nie in irgendeiner Form eine Geschichte erzählt hat, und sei es nur der:die Sitznachbar:in an der Schule, der:die von der eigenen Katze redet.

Es ist Zeit, Stift und Zettel auszupacken

Nach einem Warm-Up und einer kleinen Aussprache geht es auch schon direkt ans Geschichtenschreiben. Hierzu sollen wir für den Rest des Workshops so ungehemmt wie nur möglich sein. Unsere Texte sollen mit niemandem geteilt werden, sie seien nur für uns, sodass wir wirklich frei schreiben können, was immer wir möchten. Ich entscheide mich, meine Texte hier öffentlich zu machen, da ich wirklich viel Spaß daran hatte. Im Folgenden ein paar Kostproben!

Ihr habt vier Minuten Zeit, eine Geschichte zu schreiben, zum Beispiel für ein Kind. Los!

Es war einmal ein König. Nun, er war kein echter König, er beschloss nur eines Tages einer zu sein. Um König zu werden, musste er also erst Leute finden, die ihn als solchen anerkennen. Die beste Methode also, um sein Königreich zu erschaffen, war es, Freundschaften zu schließen. Ein König hat Verantwortung, also musste er beweisen, dass er ein verlässlicher Mensch ist, der hilft, wo Hilfe notwendig ist. Während er durch den Wald streifte, überlegte er, wie sein Königreich aussehen soll, wie er die Loyalität seiner Freund:innen verdienen soll. Also beschloss er, ein guter Mensch zu sein.

Schreibt einen Monolog, basierend auf einer guten Nachricht aus den News. Fünf Minuten!

Ich habe keine gute Nachricht im Kopf. Ich schaue mich um, die Leute fangen an zu schreiben. Ich bin zu schüchtern, Hilfe zu erfragen und packe mein Smartphone aus. Die erste Person, die ich sehe: Elon Musk. Nicht optimal, aber ich muss anfangen. Kurioserweise schreibe ich auf Englisch, übersetze den Text aber an dieser Stelle auf Deutsch.

Also, ich habe diesen Chip erfunden, der eine Verbindung zu deinem Gehirn herstellen kann, so dass du Video- und Audiodaten direkt in dein Gehirn übertragen kannst. Er hat verschiedene Funktionen. Zum Beispiel einen Knopf, der dich von deiner Faulheit befreit, aber nur für fünf Minuten. Wir wollen den freien Willen sicherstellen, deshalb haben wir die Funktion auf einmal pro Stunde begrenzt. Ehrlich gesagt, fünf Minuten Produktivität pro Stunde sind doch völlig ausreichend, oder? Es ist großartig und es gibt auch die Funktion eines sofortigen Orgasmus, so dass man ihn nicht mehr vortäuschen muss. Aber das ist auf einmal pro Tag begrenzt. Wenn du es mehr als sechs Mal im Monat benutzt, schicken wir dir Empfehlungen für eine Paartherapie per Mail. Also, Girl, diese Erfindung ist der Hammer, ohne Scheiß. Du kannst tun, was du willst, aber nicht immer, denn wir könnten verklagt werden. (Wilkin macht ein paar Vorschläge, um unsere Ideen zu unterstützen, während wir diesen Monolog schreiben) Oh, ich bin sehr in mich selbst verliebt, liebe Amanda, mach dir keine Sorgen! Manchmal küsse ich meine reizende Frau, manchmal meinen reizenden Spiegel, aber zurück zum Thema, der Punkt ist: Kauft unsere Chips, wir versprechen, dass wir euer Gehirn nicht kontrollieren werden! Vielen Dank!

Während ich diesen Text schreibe, kichere ich andauernd und verlasse mit einem breiten Lächeln den Workshop – mit neuer Energie und neu gefundener Leichtigkeit, meine Geschichten erzählen zu wollen.


We are all storytellers

Stückemarkt fellow and playwright Amanda Wilkin („And I dreamt I was drowning“) answers the question „What is the future worth (to us)?“: „The future is everything. I think it’s important that there is the offer of an alternative in the future and the offer of hope.“ Author Ilias Botseas participated in her workshop „howl to the moon“ and reports.

„Who would call themselves a storyteller?“ Only a few hands go up hesitantly in Amanda Wilkin’s workshop „howl to the moon“ which is well attended with about 30 people.

„Who would call themselves an occasional storyteller?“ Hands go up even more hesitantly – though this time, almost all of them.

„Where are stories told?“ In the theater. In the hair salon. On Instagram. In books. In poems. In songs. In dreams. In lies. In movies. In parliament. The list is long.

Away from the elitist university authorship!

What is it that moves wolves to howl at the moon? Is it a feeling? An instinct? A way of communicating? For Wilkin, it’s the same driving force that moves humans to write stories. She is convinced that we can all tell stories. The typical image of the suffering writer, lonely and squeezing out their inner muse, is unhealthy and outdated, she says. The best stories come out of a relaxed and happy state, in harmony of body and spirit, with no pressure, no criticism, no expectations of others.

People have been telling stories for eons

Whether around a campfire, in a coffee shop, or tucking the kids into bed, we humans have an urge to tell what has happened to us, what moves us. There is probably not a single person who has never told a story in any form, even if it is only the person sitting next to them at school talking about their cat.

It’s time to unpack pen and paper

After a warm-up and a short discussion, it’s time to start writing stories. For this we are to be as uninhibited as possible for the rest of the workshop. Our texts are not to be shared with anyone, they are just for us, so that we can really write freely whatever we want. I decide to make my texts public here, as I really had a lot of fun with them. Below are a few samples!

You have four minutes to write a story, for example for a child. Go!

Once upon a time there was a king. Well, he wasn’t really a king, he just decided to be one one day. So, in order to become king, he first had to find people who would recognize him as such. The best way to create his kingdom was to make friends. A king has responsibilities, so he had to prove that he was a reliable person who would help where help was needed. As he roamed the forest, he thought about what his kingdom should look like, how he should earn the loyalty of his friends. Thus, he decided to be a good person.

Write a monologue based on a good news story. Five minutes!

I don’t have any good news in my mind. I look around, people start writing. I’m too shy to ask for help, so I unpack my smartphone. The first person I see: Elon Musk. Not ideal, but I have to start. Curiously, I write in English, so the text below is the original version.

So I invented that chip that can connect to your brain, so you can stream video and audio directly to your mind. It has various functions. For example a button that rids you of your laziness, but only for five minutes. We want to ensure free will, so we limited it to once an hour. Honestly, five minutes productivity per hour is plenty, right? It is great and there is also, like, instant orgasm, so you don’t have to fake it anymore. But that we limited to once a day. If you use it more than six times a month, we will send you recommendations for couple therapy by email. Like, girl, this invention is the shit, like, I shit you not. You can do whatever you want, but not always, I guess, because we might get sued. (Wilkin makes a few suggestions to help fuel our ideas while we are writing this monologue) Oh, I am in love with myself a lot, dear Amanda, don’t you worry! Sometimes I kiss my lovely wife, sometimes I kiss my lovely mirror, but back to the topic, the point is: Buy our chips, we promise not to control your brains! Thank you.

As I write this text, I keep giggling and leave the workshop with a big smile – with renewed energy and newfound ease in wanting to tell my stories.

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Ilias Botseas

Ilias Botseas wurde 1995 in Erbach im Odenwald geboren und studiert an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Theaterwissenschaft und Publizistik. Er ist Juror beim Theatertreffen der Jugend der Berliner Festspiele sowie in der Preisjury des Festivals WESTWIND 2022. Zuletzt kuratierte er die „Audio-Spielstättentour“ des Performing Arts Festival Berlin 2021. Er streamt auf Twitch und leitet dort das Kulturformat „peepoCultured“ für das Künstlerhaus Mousonturm.

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