Sich im Unheimlichen beheimaten

Die Krise ist allgegenwärtig. Auch im Theater sind wir immer wieder mit der schrägen Weltlage konfrontiert. Doch worin liegt die Aufgabe des Theaters in unsicheren Zeiten?

„Irgendetwas ist passiert“ – bereits im Titel ihres 2026 an der Volksbühne in Berlin uraufgeführten Stücks drücken Fabian und Anne Hinrichs das allbestimmende Gefühl einer krisenhaften Zeit aus. Irgendetwas ist vorgefallen und jetzt ist nichts mehr so, wie es mal war. Etwas trennt uns von der einst so vertrauten Welt und es ist unmöglich geworden, dahin zurückzukehren. Auf der Bühne arten die alltägliche gewordenen Ehestreitigkeiten von Claudia und Paul, beide gespielt von Fabian Hinrichs, aus, während die katastrophale Weltlage unmittelbar vor der Tür steht.

Die Widersprüche der Welt sind stets präsent. Zwischen der unerträglichen Koexistenz von Massensterben und Reichtum, Verzweiflung und Pornographie wird das Private immer mehr zerrieben. Ein Gefühl der Entfremdung gegenüber der Welt, einander und uns selbst macht diesen Abend so bedrückend. Etwas ist passiert – aber was?

Eine große Verflechtung von Katastrophen

Für den Wirtschaftshistoriker Adam Tooze sind die gegenwärtigen Krisen keine separaten Phänomene mehr, sondern Ausdruck einer größeren Verflechtung von Katastrophen: Der Polykrise. Gab es lange noch Ideen, wie mit bestimmten Herausforderungen umzugehen ist, so ist in der Polykrise ein Zustand andauernder komplexer Instabilität erreicht für den es keine klare Lösung gibt. Stattdessen führen plötzliche Interaktionen zwischen Krisen zu unvorhersehbaren und radikalen Veränderungen, die einem jeglichen gewonnenen Boden sofort wieder unter den Füßen wegziehen. Etwas passiert also – und zwar konstant, unfassbar schnell und ohne, dass vollends verstehbar ist, wie und warum. 

Sich nun zu fragen, was in solchen Zeiten die Bedeutung des Theaters sein kann, stellt sich allein deswegen als schwierig heraus, weil die aktuellen Krisen den öffentlichen Raum miteinbeziehen, zu dem das deutsche Stadt- und Staatstheater gehört. Dabei treffen Einsparungen in der Kulturpolitik auf eine Zersetzung der Öffentlichkeit und des demokratisch, liberalen Selbstverständnisses durch Technooligarchen und autokratische Parteien. In einen gemeinsamen Diskurs einzutreten, um über die Ausgestaltung gesellschaftlichen Zusammenlebens ein Gespräch zu führen, trägt nicht, wenn es keine zugrundeliegenden Normen mehr gibt. Für ein klassisch aufklärerisches Verständnis des Theaters als Ort des öffentlichen Diskurses, der Bildung und jener demokratisch, liberalen Selbstverständigung, ist diese Entwicklung geradewegs ein Todesurteil.

Die Rolle des Theaters

Damit bricht eine zentrale Legimitationsgrundlage deutscher Theater schlicht und einfach weg. Somit scheint es erstmal offen, welche Rolle das Theater heute kulturell und gesellschaftlich noch innehat. Eine künstlerische Antwort darauf zu finden, wird zur anstehenden Aufgabe, wobei ohne Altbekanntes ein neuer Weg gefunden werden muss. Hinrichs melancholischer Abend ist dabei ein erster Schritt, sich dieser krisenhaften Lage bewusst zu werden, verharrt aber in larmoyanten Gebärden des gerne mal allzu bürgerlichen Gefühls, das sich Weltschmerz nennt. 

Ist also eine gewisse Idee des Theaters als Ort gesellschaftlicher Selbstverständigung in die Krise geraten, so lässt sich gleichzeitig der Aufstieg eines anderen Theaters beobachten, das sich nicht in der Krise verliert, sondern, wie sowohl Heiner Müller als auch Antonin Artaud betonen, selbst Krise ist. Florentina Holzingers „A Year Without Summer“ ist Beispiel für ein Theater, das am Fehlen einer großen Erzählung wächst, statt daran zu verzweifeln.

Kein Zurückschrecken vor Monstern

Ebenso wie „Irgendetwas ist passiert“ geht die 2025 an der Volksbühne aufgeführte Arbeit von der Katastrophe aus, eben das titelgebende Elendsjahr 1816, das durch Ernteausfälle und Krankheiten in die Geschichte einging. Doch anders als Hinrichs schreckt Holzinger nicht vor den Monstern zurück, die der Schlaf der Vernunft gebiert. Stattdessen führt sie uns direkt in den Kreißsaal, in dem es bekanntlich auch mal blutig zugehen kann. In Referenz zu Mary Shelleys „Frankenstein“ und mit Courbets „Ursprung der Welt“ als Bühnenbild wohnen wir der Geburt von etwas unheimlichem und monsterhaften bei: einem Musical bestehend aus Bodyhorror, Robohunden und, nicht zu vergessen, Sex und Exkrementen. 

Holzingers Theater der Krise gibt uns keine endgültigen Antworten. Vielmehr liegt ihr utopisches Potential darin, dass sie uns in unmittelbare Nähe zum Unbekannten und Fremden rückt. Statt gesellschaftlicher Selbstverständigung sind wir so mit dem Nichtverständlichen konfrontiert. Dadurch wird zwar die Krise nicht gemindert, aber vielleicht ist der Taumel nicht so verwirrend.

Ort des Einübens ins Unbekannte

Sich in so einem Theater zu behausen, heißt heimisch werden im Unheimlichen und damit nicht zuletzt, sich selbst etwas unheimlich und fremd zu werden. Das Theater wird so ein Ort des Einübens ins Unbekannte. Sich im Unbekannten besser auszukennen und auch bei wenig Licht, bereits Konturen wahrzunehmen, ist vielleicht wenig, aber ein Anfang. Und in der Krise muss man bekanntlich lernen, mit Wenigem viel zu schaffen.

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