Erst vor Kurzem war ich mit einem Freund im Theater. Er liebt gute Unterhaltung, aber anstatt diese im Theater zu suchen, findet er sie auf Netflix. Aus gutem Grund, wie ich nach einem gemeinsamen Abend im Deutschen Theater in Berlin denke. Wir haben Ernst Tollers Tragödie „Hinkemann“ in einer Inszenierung von Anne Lenk aus dem Jahr 2025 gesehen. Sie handelt von dem ehemaligen Soldat Hinkemann, der ohne Genital aus dem Krieg zurückkehrt.
Direkt zu Beginn sticht die Sprache der Hauptfigur hervor. So sagt Hinkemann: „Es ist etwas Ungeheuerliches! Es ist Mord am eigenen Fleisch! (…) Wie mit Blindheit geschlagen ist der gesunde Mensch!“ „Hochgestochen“ würde es gut beschreiben, noch besser aber der Gesichtsausdruck meines Freundes. Er schaut mich verwirrt von der Seite an: „Das ist doch nichts für mich“. Dieser Satz trifft, weil er schonungslos ehrlich ist. Diese sprachlich schönen Konstruktionen lenken ihn von der Handlung ab.
Überperformatives Spiel der Schauspieler*innen in „Hinkemann“
Hinzu kommt das überperformative Spiel der Schauspieler*innen. Fast schon kleinkindlich werden die Arme und Beine in die Luft geworfen, um Emotionen darzustellen, komisch und unauthentisch für meinen Freund, der spätestens jetzt weiß, dass wir im elitären Theater sind. Wenn ich in die Reihen neben mich schaue, sehe ich auf den ersten Blick geschätzt nur Akademiker*innen, Menschen, die nicht zum ersten Mal dieses Abendprogramm wählen. Mein Freund hat nicht studiert und scheint damit einer Minderheit im Saal anzugehören.
Unterschiede im Bildungsniveau und in sozioökonomischer Stellung gab es auch schon in der Antike. Allerdings wurde das Theater zu dieser Zeit von allen Gruppen aufgesucht. Egal, ob Politiker oder Dienstpersonal. Es diente der Gesellschaft als zentraler Verhandlungsort. Natürlich bestanden Hierarchien, so saß der Politiker weiter vorne, während das Dienstpersonal weiter weg vom Geschehen Platz nehmen musste. Doch diese unterschiedlich gestellten Menschen trafen aufeinander und genossen die gleiche Unterhaltung. Sie hörten den gleichen Gesang und sahen die gleichen Geschichten. Als Teil des sozialen und politischen Lebens, eingebettet in alltägliche Feste, war der Weg zur Bühne nicht weit.
Davoudvandis Utopie der Zugänglichkeit
Eine Utopie der Zugänglichkeit, die längst instabil geworden ist, beschreibt die Journalistin Miriam Davoudvandi. In ihrem Buch „Das können wir uns nicht leisten“ aus 2026 schreibt sie über die unüberwundene Verbindung von sozioökonomischem Background und kultureller Teilhabe. Als Tochter einer Rumänin und eines Iraners wuchs sie in Süddeutschland auf. Dabei spielte in ihrer Kindheit und Jugend Geld – beziehungsweise nicht vorhandenes Geld – eine große Rolle. Kultur kostet, und schnell können die finanziellen Herausforderungen soziale Nachteile haben. Viele Theaterhäuser sind zwar subventioniert, allerdings sind 10 Euro immer noch viel, wenn ebenso gut Lebensmittel für mehrere Tage gekauft werden können, schreibt die Autorin.
Aber nicht nur über finanzielle Benachteiligung werden Menschen ausgegrenzt,sondern auch über kulturelle Barrieren. Wer von seinen Eltern oder von der Schule nicht an das Theater herangeführt wurde, findet auch später nur schwer Zugang dazu, stellt die Leiterin des Instituts für kulturelle Teilhabeforschung, Vera Allmanritter in der Studie „Kulturelle Teilhabe in Berlin 2025“ fest. Demnach besuchten 23 Prozent der über 15-Jährigen mindestens einmal innerhalb von zwölf Monaten ein Theater: Weit entfernt von der Zugänglichkeit aller Gruppen.
Unausgesprochene Verhaltensregeln
Das könnte auch an den unausgesprochenen Verhaltensregeln liegen. Verboten ist es zwar nicht, in Jogginghose zur Aufführung zu kommen, aber das Gefühl der Unzugehörigkeit entsteht schnell, wenn die anderen schicke und teils teure Kleidung tragen. Außerdem scheint es für viele selbstverständlich, bei einer Inszenierung zwei Stunden ruhig zu sitzen, wenn dagegen verstoßen wird, dann gibt es sanktionierende Blicke. So ein Blick kann ausschließend wirken und zukünftige Besuche verhindern.
Sollte während dieses Lernprozesses kein an-die-Hand-nehmen stattfinden, dann wird es schwer, sich für Theater zu begeistern. Die Gespräche nach einer Inszenierung drohen ebenso unverständlich wie die Inszenierung selbst zu sein. Schnell stellt sich die Frage: „Kann ich da überhaupt mitsprechen?“ Wenn die Antwort „nein“ lautet, dann verliert das Theater an Pluralität – und an Teilnehmenden.
Alltagsferne Theaterinhalte
Die Konsequenz ist ein homogenes Publikum, das Shakespeare sicher versteht, aber viele Perspektiven übersieht. Nicht zuletzt sind es auch die Inhalte, die sich oft nicht an den Alltag vieler Menschen anschließen lassen. Ohne Genital aus dem Krieg zurückzukehren und seine Männlichkeit angegriffen zu sehen, wie in „Hinkemann“ dargestellt, beschäftigt meinen Freund gerade nicht besonders.
Das Unbekannte wagen, dabei bewusst Fehler machen und seinen Platz einfordern – das ist die Lebensversicherung jener, denen Theaterbesuche nicht in die Wiege gelegt wurden.