Der Kanon trägt von Beginn an eine doppelte Bedeutung in sich: Orientierung und Begrenzung. Als kulturelles Gedächtnis schafft er kollektive Identität und beantwortet indirekt die Frage danach, wer wir sind und wie wir leben wollen. Gleichzeitig stellt sich damit die Frage, wer zu diesem „Wir“ gehört.
Ein Blick auf kurdische Erinnerungskulturen zeigt, dass Gesellschaften, deren Geschichte von Verboten und staatlicher Repression geprägt ist, auf andere Formen der Weitergabe von Wissen angewiesen sind. Mündliche Geschichte (Oral History) wird dabei nicht nur zur Notwendigkeit, sondern auch zu einer widerständigen Form kulturellen Gedächtnisses. Die kurdische Geschichte wurde über lange Zeiträume hinweg hauptsächlich mündlich durch Gesang, Erzählungen, Mythen und kollektive Narrative weitergegeben.
Erinnerung als kontinuierliche Praxis
Ein Beispiel hierfür ist die Figur der Şahmaran, die Königin der Schlangen, eine mythische Gestalt, deren Geschichte in unterschiedlichen Versionen über Generationen hinweg erzählt wird. Ihre Darstellung ist in fast jedem kurdischen Haushalt zu finden. Die Geschichte handelt von einer starken weiblichen Göttin und ihrem Wissen sowie der Entstehung des Patriarchats durch Macht und Verrat. Trotz ihrer Variationen, sowohl in der Geschichte als auch in ihrer Darstellung, bleiben zentrale Motive und moralische Fragen erhalten, wodurch sich etwas herausbildet, das sich als beweglicher Kanon begreifen lässt. Diese Form von Erinnerung ist nicht weniger verbindlich, sondern anders organisiert: Sie entsteht nicht durch Auswahl einzelner gültiger Werke, sondern durch kontinuierliche Praxis. Gerade darin liegt ihre Stärke als kulturelles Gedächtnis, sie bewahrt nicht nur, sondern transformiert.
Im deutschsprachigen Theater wird spätestens seit der Hinwendung zur Postdramatik die Relevanz und Entstehung des Kanons hinterfragt. Beispielsweise sei Anta Helena Reckes Inszenierung „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen aus dem Jahr 2017 genannt, die eine frühere Inszenierung der Kammerspiele von Anna-Sophie Mahler aus dem Jahr 2015 nahezu unverändert rekonstruierte. Sie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Josef Bierbichler. Reckes Inszenierung wurde aber ausschließlich mit Schwarzen Darsteller*innen neu besetzt und machte so sichtbar, dass das vermeintlich universelle „Wir“ des Kanons in Wirklichkeit ein historisch ausschließendes ist.
Andere Arbeiten setzen gezielt auf Formen, in denen nicht ein einzelner autoritativer Text im Zentrum steht, sondern eine Vielzahl von Stimmen. Das Performancekollektiv She She Pop verbindet in „Testament“, 2010 im Hebbel am Ufer Berlin aufgeführt, Motive aus William Shakespeares „King Lear“ mit den biografischen Erfahrungen der Performer*innen und ihrer Väter und überführt den klassischen Stoff in eine vielstimmige Gegenwartsbefragung.
Kein hierarchisches Verhältnis zwischen den Kulturen
Ein solcher Umgang mit dem Kanon zeigt sich auch in der Verschränkung unterschiedlicher kultureller Traditionen. So verbindet die mehrsprachige Oper „Laissez durer la nuit“ am Stadttheater Biel 2026 Barockmusik mit kurdischen Dengbêj, also traditionell gesungenen Geschichten, sowie elektronischer Musik. Verschiedene musikalische und sprachliche Ebenen treten dabei gleichzeitig auf und stehen nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. Der westliche Musikkanon wird hier nicht ersetzt, sondern mit anderen Formen von Erinnerung und Tradition in Beziehung gesetzt. So entsteht ein Gefüge, in dem unterschiedliche Traditionen miteinander verschränkt werden und sich gegenseitig bereichern.
Als gesellschaftliches Gedächtnis schafft ein Kanon Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, gibt Orientierung und ermöglicht gemeinsame Bezugspunkte. Problematisch wird er erst dort, wo er sich verfestigt und seine eigenen Voraussetzungen unsichtbar macht. So wurden etwa in „Kampf des N und der Hunde“ am Schauspiel Frankfurt 2017 die im Stück angelegten kolonialen Machtverhältnisse platt reproduziert. Die Inszenierung blieb in ihrer Verwendung von Theatermitteln konventionell, wodurch die dargestellten Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse kaum gebrochen oder in Frage gestellt wurden. Es wurde lediglich die Rolle des Schwarzen Mannes, Alboury, mit einer weißen Frau besetzt, was keine interessante neue Ebene eröffnete. Wie im Ausgangstext entwickelt Alboury keine eigene Handlungsfähigkeit, sodass die europäischen, männlichen Figuren weiterhin im Mittelpunkt der Erzählung stehen und er (oder sie) sie nur widerspiegelt.
Wie ein Kanon nicht an Relevanz verliert
Die Frage ist also nicht, ob es einen Kanon geben sollte, sondern wie er gestaltet wird. Ein Kanon, der sich den Transformationsprozessen einer pluralen Gesellschaft entzieht, verliert an Relevanz. Ein Kanon hingegen, der sich mit ihr verändert, kann zu etwas anderem werden: zu einem offenen Gefüge, das nicht nur bewahrt, sondern auch ergänzt, verschiebt und infrage stellt. Genau darin liegt eine Perspektive für das Theater heute. Nicht darin, den Kanon zu verwerfen, sondern ihn beweglich zu halten. Ihn nicht als Maßstab zu begreifen, der festlegt, was gilt, sondern als Prozess, der immer wieder neu ausgehandelt wird.
Mit Blick auf das diesjährige Theatertreffen, in dem es viele Bezüge zu kanonischen Texten gibt, wird es spannend sein zu beobachten, welche Formen von Erinnerung und Erzählung sichtbar werden und welche nicht.