The vibes are off: Eingemauert von Betonwänden ist die Wohnung der Familie Wingfield in St. Louis wie der Innenhof eines Gefängnisses, nur dass jemand – vielleicht aus perfider Bosheit – statt Gras einen beigen Teppichboden mit pinkem Rosenmuster ausgelegt hat. Die Insassen dieses fensterlosen Baus, die Geschwister Laura und Tom sowie ihre Mutter Amanda, wollen nur eins: ausbrechen. Doch bindet sie das unentwirrbare Familiengeflecht aneinander und verstrickt sie in die immergleichen Rollen und Abläufe, aus denen es kein Entkommen gibt.
Mit „Die Glasmenagerie“ bringt die britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart Tennessee Williams’ 1944 uraufgeführtes Spiel der Erinnerungen in die Gegenwart. Seit ihrem Erfolg mit „Civilisation“ beim Festival Fast Forward 2021 ist die junge Künstlerin auch in Deutschland bekannt. Das 2025 am Theater Basel aufgeführte Familiendrama der Wingfields besiegelte ihren Siegeszug durch die deutschen Theater mit einer Einladung zum Theatertreffen. Ihr Einlassen auf eine lineare Handlung und ihr Interesse an Figuren scheint beim Publikum einen Nerv zu treffen, das von postdramatischer Dekonstruktion klassischer Erzählweisen mürbe geworden ist. Dass damit kein Rückfall in alte Formen, sondern eine eigenständige und äußerst unterhaltsame Weiterentwicklung theatraler Praktiken erfolgt, beweist der Abend.
Von Williams Stimmung gelöst
Den Wingfields wankt ganz schön der Boden unter den Füßen, und das nicht nur wegen der vielen gymnastischen Vibrationsplatten, die wie Inseln auf der Bühne verteilt sind. Seit es den Vater der Familie in die Ferne zog, gilt es, sich finanziell über Wasser zu halten. Für die verlassene Amanda ist klar: Überleben wird ihre Tochter, die sich hauptsächlich in einer Traumwelt aus Glastieren – der namensgebenden Glasmenagerie – aufhält, nur in den sicheren Händen eines tüchtigen Gatten. Einen solchen Verehrer soll Tom von seiner Arbeit im Lagerhaus mit nach Hause bringen.
Behält Woodcock-Stewart die Erzählung gewissenhaft bei, so bleibt von Williams’ nostalgisch-träumerischer Stimmung höchstens ein fader Beigeschmack. Keine träumerisch schüchterne Laura, sondern ein Gen-Z-Emo, stilecht mit schwarzem Eyeliner und oversized Pulli, die, statt fragiles Glas zu sortieren, Metal Growls im Internet übt, auf Natalie-Portman-YouTube-Videos masturbiert und dem eigentlich kindlichen Pferdewahn manisch verfallen ist.
Aus Glas wird Glasfaser
Aus Glas wird Glasfaser in einer Welt, die sich ihre Traumwelten problemlos im Internet ziehen kann. Von der übergriffigen Southern Belle Amanda bleibt auch nur ein RTL-2-Verschnitt in Trainingsjacke übrig, die ihren ganz eigenen Träumen von ehemaligen und zukünftigen Verehrern als Heilsbringern nachhängt. Der junge Dichter und Erzähler der Geschichte, Tom, geht da lieber in die klassische Traumfabrik – das Kino – und ertränkt seine Depression im Alkohol. Zwischen Reality-TV und Einfühlung spielt das Ensemble mit großem Witz und noch größerer Sensibilität eine Familie, die von sozialen Nöten an die Grenze ihrer Belastbarkeit getrieben ist und Hoffnung nur aus erträumten Welten ziehen kann.
Die Bühne von Rosie Elaniel, die neben ihren fensterlosen Betonwänden, einer Treppe ins Nichts und dem rosa Teppichboden mehr Vibrationsplatten als Möbel beinhaltet, tut ihr Übriges, um Nostalgie endgültig in Trostlosigkeit zu verdrehen. Dabei verströmen die Vibrationsplatten keine guten Vibes, sondern lassen den Boden wortwörtlich schwanken. Eingesperrt zwischen den grauen Mauern werden die Platten zu modernen Tretmühlen, die die Figuren zwar in Bewegung halten, aber nicht vom Fleck kommen lassen. Im auslaugenden Kampf um die eigene Existenzsicherung wird der Traum von einer geborgenen Kleinfamilie immer wieder erschüttert. So gerät das Candle-Light-Dinner mit Jim zu einer wackeligen Slapstick-Nummer: Wein und Wasser werden zu Fontänen, und kein Teller steht mehr still.
Jim, ein vapender Wichtigtuer
Die Hoffnung auf einen Ausbruch aus dem Immergleichen rollt symbolisch als Motorrad auf die Bühne, für das nur der Fahrer fehlt – der Verehrer der Schwester. Tritt dieser dann als Jim in voller Motorradmontur auf die Bühne, so schweben die langersehnten vier Wände vom Himmel und fügen die zersprengten Dinge wieder zu einem sicheren Heim zusammen. Nur stellt sich der heldenhafte Jim als vapender Wichtigtuer heraus, der in Lauras Augen lieber sein eigenes Spiegelbild erblickt. So entschwebt das Heim wieder in luftige Höhen. Es war dann doch nicht mehr als eine weitere Traumwelt – eine weitere Glasmenagerie.
Nach all der Erschöpfung in einer desillusionierenden Welt bleibt am Ende nur Lauras Growl übrig, das von den kahlen Betonmauern echot. Fing es noch als müdes Ächzen an, findet die sonst einsilbige Laura im schreienden Kehlgesang ihre eigentliche Stimme: „I’m not afraid of darkness!“ Mit diesen Worten antwortet der Abend geradezu auf die beim Theatertreffen immer wieder beschworenen dunklen Zeiten. Statt sich den Glasmenagerien utopischer Träume hinzugeben, müssen wir unser erschöpftes Stöhnen in wütendes Geschrei umwandeln. Woodcock-Stewarts großartige Inszenierung übt einen darin, in dunklen Zeiten keine Angst zu haben.