Bis hoffentlich bald, Else!

Julia Riedler und Leonie Böhm ernten für ihre Adaption von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" Standing Ovations. Ein Solo-Abend über Machtmissbrauch, der von der Risikofreudigkeit seiner Hauptdarstellerin lebt.

Fräulein Else und ich sind uns schon ein paar Mal über den Weg gelaufen. Erst im Deutschunterricht in der Schule, wo „Fräulein Else“ in Wien zum Kanon gehört. Mehrere Jahre später traf ich sie erneut, in einer Vorstellung des gleichnamigen Stummfilms von Paul Czinner, den ich spontan nach einem Bar-Abend im Kino sah.  

Seit langem bin ich von der Hauptfigur von Arthur Schnitzlers 1924 veröffentlichter Novelle fasziniert. Die achtzehnjährige Else ist mit einem Dilemma konfrontiert: Von ihren Eltern unter Druck gesetzt, soll sie den deutlich älteren Kunsthändler Dorsday um ein Darlehen von dreißigtausend Gulden bitten. Der Vater hat Schulden. Dorsday willigt ein, stellt jedoch eine Bedingung: Sie soll sich dafür nackt vor ihm ausziehen. Es entspinnt sich ein Gedankenstrudel, kreisend um die Frage: Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich? 

Scherzen mit dem Publikum

Anfang 2025 begegnete ich Else erneut am Wiener Volkstheater. Ohne Vorahnung, was mich erwarten würde, besuchte ich eine Offene Probe, noch dazu mit einem Date. Ich wurde regelrecht umgehauen von der Wucht des Abends. Ganz allein stand da eine Else auf der Bühne, die ich so gar nicht kannte: Sie war frech, wild, schlagfertig, ungestüm, lebenslustig. Nonchalant scherzte sie von Beginn an mit dem Publikum und bezog uns in Schnitzlers Welt ein. Mich sprach sie als die Figur Cissy an, von meinem Date behauptete sie, er sei ihr Cousin Paul, und sie hätten was am Laufen. Es stresste mich, dass ich diesen Typen hierher geschleppt hatte, ohne ihn darüber zu briefen, dass Zuschauer*innen in die Inszenierung miteinbezogen werden könnten. Ein Schamgefühl setzte ein. Wie ich später merkte, war das auch gewollt.

Von Anfang an rennt der Schmäh

Wurde das Publikum zu Beginn dieser Offenen Probe darum gebeten, die Produktion mit „liebenden Augen“ zu betrachten, da sie nun das erste Mal vor Publikum gezeigt würde, so habe ich diese liebenden Augen bis heute nicht mehr zugemacht. Auch jetzt nicht, als ich in der Premiere beim Theatertreffen sitze. Hier im Berliner Ensemble, wo ein roter Samtvorhang, der nur die Vorderbühne als Spielfläche freilässt, ein großer Kronleuchter und ein hochgeschlossener Mantel ausreichen, um Fin de Siècle-Flair entstehen zu lassen. 

Auch diesmal rennt von Anfang an der Schmäh. Die typisch wienerische Art des Humors untergräbt jedoch zu keinem Zeitpunkt die Ernsthaftigkeit der Situation – macht sie im Gegenteil noch schmerzlicher, als sie bereits ist. Was für ein bitteres Los es sei, eine hübsche Person zu sein, scherzt Else gleich am Anfang. Mitgefühl schwappt über, man möchte rufen: Else, bitte lass dir das nicht antun! Manche melden sich mit alternativen Handlungsvorschlägen: Sich mit Dorsdays Ehefrau solidarisieren, oder aber das Geld nehmen und abhauen. „Das ist wie eine wunderschöne, mich berührende Live-Revolution, die da immer wieder vor meinen Augen als soziale Praxis echt passiert“, beschreibt Julia Riedler, als wir uns im Vorfeld der Berliner Premiere in der Kantine der Volksbühne treffen. 

Crowdfunding à la Else

Auch Else sucht weiter nach Auswegen. Wie sonst an das Geld kommen? Crowdfunding! Eine Frau in der ersten Reihe erklärt sich bereit, ihre Silberohrringe zu spenden, andere kramen 20 Euro hervor. Doch auf Dreißigtausend schaffen wir es nicht. Gerade solche Momente unterscheiden sich – wie Julia Riedler erzählt – von Abend zu Abend: „Manchmal ist es besonders krass, zum Beispiel bei unserer Köln-Premiere, dass niemand mit mir redet, auf keine Frage eine Antwort. Nur als ich Geld gesammelt habe im Publikum, hat eine Frau gesagt: ,Sie machen sich hier zum Affen.’“

Als einzig wirksame Waffe für Else bleibt die Öffentlichkeit des Theaters. Sie zählt auf unseren Support. Ob wir sie begleiten, wenn sie am Abend Dorsday begegnet? Else, Else, Else – stimmt sie uns auf einen Chor ein, der jäh verstummt, als wir im übertragenen Sinne in Dorsdays Klavierzimmer angekommen sind, und sie sich trotz aller Gegenstimmen auszieht.

Dorsdays toxisches Verhalten

Und wieder überkommt mich dieses Schamgefühl, das ich damals in Wien gespürt habe, als sich dieser Machtmissbrauch schon einmal vor unser aller Augen vollzog. Julia Riedler geht es ähnlich: „Ich empfinde das eigentlich als unerschöpflichen Schamdialog.“ Die Scham erweist sich als das wirkungsmächtigste Mittel der Inszenierung. Flink wechselt sie die Seiten, als Julia Riedler auch Dorsday spielt, und ihn in einem absurd komischen Laberflash über sein toxisches Verhalten reflektieren lässt. 

Wie bereits in Schnitzlers Novelle, prangert Fräulein Else auch den Voyeurismus des Publikums an, indem sie sich uns nackt zeigt. Anstatt jedoch wie bei Schnitzler mit dem Schlafmittel Veronal ihr Leben zu beenden, tanzt sie befreit von der Bühne und verschwindet im Nebel. Bis hoffentlich bald, Else!

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