Das erste Opfer ist die Wahrheit

Zwischen Küche, Söldnern und Datenanalysen verwandelt Jan-Christoph Gockel Schillers „Wallenstein“ in ein siebenstündiges Gegenwartsmenü über Krieg, Zweifel und Macht. Dabei wird die Bühne zum Ort, an dem die Wahrheit in Frage gestellt wird.

Krieg, Macht und private Militärstrukturen: Mit “Wallenstein” verbindet Jan-Christoph Gockel Schillers Drama über den Feldherrn Wallenstein mit heutigen Fragen. Ausgangspunkt ist der Dreißigjährige Krieg: Wallenstein, einer der mächtigsten Heerführer des Kaisers, gerät unter Verdacht des Verrats und verliert zunehmend die Kontrolle über sein Heer. 

Die Inszenierung verbindet Schillers Text mit Recherchen zur Wagner-Gruppe und ihrem Anführer Jewgeni Prigoschin, der vom Hot-Dog-Verkäufer zum Gastronomie-Geschäftsmann, zu Putins engem Vertrauten und letztlich zum Kopf der Söldnergruppe Wagner wurde. Gockel setzt dabei auf eine ganze Bandbreite an Theatermitteln: etwa Verfremdungseffekte, Live-Kameras, Puppenspiel, Interaktionen mit dem Publikum und die Besetzung von brutalen Männerrollen mit Frauen.

Einführung wie eine PowerPoint-Präsention

Die Inszenierung beginnt in einem hell-ausgeleuchteten Saal, mit einer Einführung von Serge, Sergei Okunev, der als witzig angelegte Erzählerfigur vertrauensvoll durch den Abend führt. Begleitet von Bildern auf den beiden Leinwänden über der Bühne, die den Eindruck einer PowerPoint-Präsentation in der Schule wecken, erzählt Okunev von Prigoschins Biografie, beginnend mit seinem Tod. Und davon, wie Okunev versuchte, für seine Recherche ehemalige Wagner-Söldner ausfindig zu machen. Inspiriert von Harry Potter habe er sich einen Mantel und einen Zauberstab zugelegt, um seine Angst vor politischer Verfolgung mit seinem Zauberspruch „Ridikkulus“ in etwas Komisches zu verwandeln. Er beendet seine Einführung mit den Worten „Kochen ist Krieg“. 

Der eiserne Vorhang fährt hoch: Zentral auf der Bühne steht eine Küchenzeile aufgebaut, hinter der Wallensteins Söldner hektisch ein Fleischgericht zubereiten. Der Geruch strömt durch den Saal, und die Geräusche werden mit Mikrofonen verstärkt, während Serge das Bühnengeschehen mit seiner Kamera begleitet, deren dokumentarische Bilder über der Bühne projiziert werden. Am Ende des ersten Gangs wird die Küche aufgeräumt, aber die Kochgeräusche sind immer noch zu hören. Diese Momente der Verwirrung über die Echtheit der Situation begleiten den Abend. 

Ein CEO kommentiert das Geschehen

Nach der ersten Pause stellt sich André Benndorff in der Rolle des Dr. Gerhard von Questenberg vor, CEO eines Think Tanks für militärische Datenanalyse. Er wird neben Serge einer der Kommentatoren des Abends. Aus Schillers Rolle des Gesandten des Kaisers macht Gockel eine Figur, die in ihrer unternehmerischen Überlegenheit stark an Palantir-Gründer Peter Thiel erinnert. Begleitet von einer Live-Kamera, verlässt er das Gebäude und fragt eine Passantin, ob sie in Rheinmetall-Aktien investieren würde. Sie zuckt mit den Achseln und antwortet wie gecastet, dass sie dafür die falsche Ansprechpartnerin wäre. Eine durchschnittliche Ignoranz wird so aus Zufall perfekt dargestellt und das Publikum durch die Live-Übertragung in den Theatersaal mit der Frage nach Verantwortung des Krieges konfrontiert. 

Nach einer Szene mit Original-Schiller-Text kehrt Questenberg auf die Bühne zurück und erklärt, man müsse durch den schwierigen Text als Publikum durch. Denn eigentlich gehe es nur um Datenanalyse, um damit die Grundstruktur Wallensteins zu durchdringen und ihm so immer einen Schritt voraus zu sein. Dabei wird deutlich, wie sich die Kriegsführung selbst verändert hat: Nicht mehr nur der Sieg auf dem Schlachtfeld zählt, sondern auch die Macht darüber, Informationen zu steuern. Wie Serge zu Beginn erzählt, habe eine von Prigoschin organisierte „Trollfabrik“ die Wahlen in mehreren Ländern manipuliert, wie zum Beispiel in den USA. Hier kriegt man ein Gefühl für Formen hybrider Kriegsführung, die sich längst außerhalb klassischer Frontverläufe bewegen.

Die Frage nach der Wahrheit

Wer bestimmt, was die Wahrheit ist? Diese Frage steht immer wieder im Raum. Auch Serge betont in seiner Erzählung an verschiedenen Stellen, dass dies nur ein Reenactment sei. Wie zum Beispiel, als er erst so tut, als habe er ein Originalbuch von Prigoschin – und dann sagt, das sei nur eine Requisite. Die Schauspieler*innen fallen regelmäßig aus ihren Rollen, wenn beispielsweise die Gräfin sagt, sie würde jetzt gerne mit dem Schiller-Text weitermachen, während Nadège Meta Kanku und Samuel Koch zwischen sich selbst und ihren Rollen als Tochter Thekla und Vater Wallenstein wechseln. Während Katharina Bach als aggressiver Illo im Muskelanzug mit einer großartigen Performance die Peinlichkeit der aufgepumpten, kriegerischen Männlichkeit darstellt, wird Kankus Rolle als Töchterchen leider kaum verfremdet. Sie dies mit dem Satz rechtfertigen zu lassen, dass Schiller nunmal keinen Dialog zwischen dem Vater und der Tochter geschrieben hat, wirkt unschlüssig. 

Gockels Inszenierung schreibt die Logik moderner Macht in die Figuren des Schiller’schen Textes ein und spinnt damit ein sehenswertes Geflecht. Nur à la “zu viele Köche” wirkt auch der Abend wie ein zu viel an Theatermitteln. Die Verbindung der bereits dichten Ebenen der Erzählung hätten von einem klareren Fokus profitiert. 

Die Grenzen der Geschichten verschwimmen

Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit, und im Verlauf des Abends wird sie zunehmend als etwas sichtbar, das nicht einfach vorhanden ist, sondern erst durch ihre Vermittlung entsteht. Wenn sich Schauspieler*innen aus ihren Rollen lösen, Zuschauer*innen selbst zu Akteur*innen werden, vermeintlich dokumentarische Bilder auftauchen und verfremdet werden, verschwimmen die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Geschichten. Dann geht es weniger darum, wer in dieser Geschichte wen spielt, sondern mehr darum, wie uns was erzählt wird. 

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