Angefangen hatte das Ganze mit einem Wort: Gelassenheit. Mit diesem eröffnete Matthias Pees, der Leiter der Berliner Festspiele, das Festival. Gelassenheit sei die angebrachte Reaktion von Seiten des Theaters in dieser aufgeheizten und polarisierenden Zeit. Tatsächlich scheint der Moment des Umbruchs in beinahe allen Inszenierungen akzentuiert. Von der opulenten Rieseninszenierung „Il Gattopardo“ bis hin zum minimalistischen „Serotonin“ überschattet ein krisenhaftes Gefühl das Festival. Die Zeit ist aus den Fugen geraten – jetzt gilt es herauszufinden, was das überhaupt bedeutet.
Dabei werden die politischen Aussagen schnell sehr konkret. Steckels „Mephisto“ vergleicht den Rechtsruck in Deutschland mit der Machtübernahme der Nazis. Gockels „Wallenstein“ verbindet den gescheiterten Aufstand des Söldnerführers Prigoschin gegen Wladimir Putin mit Wallensteins Rebellion gegen den österreichischen Kaiser im dreißigjährigen Krieg. Mit vermeintlich klaren tagespolitischen Bezügen scheint die Aufgabe erfüllt, zu einer komplexen Welt Stellung zu beziehen.
Immer andere auf der falschen Seite
So nutzt auch die Intendantin der Münchner Kammerspiele Barbara Mundel die Urkundenverleihung für „Mephisto“ prompt als politische Bühne: Es gelte, so Mundel, alles zu tun, um die AfD zu verhindern. Stürmischer Beifall, um danach bei einem Glas Sekt auf die eigene politische Meinung anzustoßen. Ideologisch auf der falschen Seite, das sind immer nur die anderen. Dabei hatte gerade Steckels Inszenierungen einige Anknüpfungspunkte geboten, um nicht nur den Teufel an die Wand zu malen, sondern sich mit der Figur des Hendrik Höfgen ernsthaft zu beschäftigen – sich also die Frage zu stellen, wie anfällig wir selbst als Theaterschaffende für Opportunismus sind.
Einer der wenigen Abende, der sich in Ambivalenzen stürzt, ist Sebastian Hartmanns „Serotonin“. Guido Lambrechts Solo mit einem Text von Houellebecq führt ein vollgefressenes, impotentes und dekadentes Leben vor, das zugleich nach dem Verfall gemeinsamer Werte fragt. Unmöglich, sich gelassen zurückzulehnen oder danach selbstzufrieden zu klatschen. Auch „Three times left is Right“ mit seiner Geschichte einer Ehe zwischen einem Linken und einer Rechten zwingt das Publikum aus seiner Komfortzone heraus. Linke Positionen werden wortwörtlich durch den Fleischwolf gedreht, wodurch die eigene Ratlosigkeit schmerzhaft vor Augen geführt wird. „Ideologie ist wie schlechter Mundgeruch,“ sagt die neurechte Ehefrau, „nur die anderen haben ihn.“
Gefühl der Habachtstellung
Trotz dieser beeindruckenden Abende überwiegt das Gefühl einer Habachtstellung, die das Theatertreffen zu einem politischen Eiertanz macht. In den meisten Inszenierungen wie auch im Rahmenprogramm riskiert man selten, dem Publikum etwas zuzumuten – schon gar keinen Skandal. Auch Diskussionen, die mit Überschriften wie „Warum sind die Linken auch noch an den Rechten schuld?“ eine kritische Auseinandersetzung ankündigen, vermeiden die Kontroverse.
Nur ein paar Kippmomente, in denen es im Saal kurz knistert, bilden in diesen zweieinhalb Wochen die Ausnahme. So zum Beispiel die Verleihung des Berliner Theaterpreises an Lina Majdalanie und Rabih Mroué, in der die Preisträger*innen die deutschen Waffenlieferungen nach Israel verurteilen. Oder die Klarheit, mit der junge Dramatiker*innen wie Leonie Ziem und Jara Nassar im Rahmen des Formats für zeitgenössische Theatertexte „Mehr Drama!“ über klassizistische Gewalt und den Krieg im Libanon sprechen. Dies verlangt tatsächlich nach einer politischen Diskussion, die wiederum ausbleibt.
Die Politiker*innen blieben weg
Damit Debatten ums Politische die Politik jedoch überhaupt erreichen, benötigt es die Anwesenheit der Politiker*innen selbst. Diese bleiben dem Festival aber fern. Geladene Gäste wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer oder Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner haben offenbar Lampenfieber. Dass politische Entscheidungsträger*innen bei Eröffnungen direkt adressiert werden können, ist aber essentieller Bestandteil einer aufgeklärten Öffentlichkeit. Mehr noch als alle Stellungnahmen zum Krieg im Nahen Osten oder zu Kürzungen im Kulturbetrieb ist die Abwesenheit der Politik der eigentliche Skandal. Vor allem, weil so nichts mehr zum Skandal werden kann. Dass dies im Rahmen des Theatertreffens von Seiten der Veranstalter*innen nicht offen benannt wurde, ist ein Versäumnis.
Außer Frage steht, dass viele der gezeigten Inszenierungen begeisterten. Doch selbst aus den wenigen kontroversen Momenten wurde nichts gemacht. Man möchte nicht anecken – offenbar zwecks reibungslosen Ablaufs des Festivals. Doch in skandalösen Zeiten gilt es, den Skandal nicht zu scheuen.

