„Der deutschen Kunst“ prangt es von der riesigen grauen Fassade des Cottbusser Staatstheaters, die auf der Bühne des Berliner Festspielhauses nachgebaut ist. Als gäbe es das, die eine deutsche Kunst. Doch in jene staatstragende Fassade wurde ein Guckkasten für ein Kasperletheater eingesetzt, sodass sich die Inszenierung von Anfang an über die eigene Setzung zu mokieren scheint. Eine bunt gemischte Truppe will dort den „Hauptmann von Köpenick“ aufführen. Aber es mangelt ihr an Disziplin, sodass Zuckmayers 1931 geschriebenes Stück zu einer wahnwitzigen Abfolge grotesker Szenen wird.
Von preußischem Übermilitarismus und aberwitziger Bürokratie handelt die Geschichte des ehemaligen Sträflings und ewig arbeitslosen Schusters Wilhelm Voigt. Nachdem er eine unverhältnismäßige Strafe für eine kleine Jugendsünde abgesessen hat, scheitert seine Rückkehr ins geordnete Arbeitsleben an unüberwindbaren Formalia: „Wenn ick nich jemeldet bin, krieg ick keene Arbeet, und wenn ick keene Arbeet habe, dann kann ick mich nich melden.“
Kein Entkommen aus der Misere
Die erhoffte Flucht aus dieser grausamen „Kaffeemühle“ durch Verlassen des Deutschen Reichs verhindern die Behörden, indem sie ihm keinen Pass ausstellen. Nach einem gescheiterten Einbruch im Polizeirevier, um an das gewünschte Passformular zu kommen, und weiteren zehn Jahren Haft, entschließt sich Voigt zu dem legendären Coup: Gemäß dem Satz „Kleider machen Leute“ nutzt Voigt den Schein der Autorität einer Hauptmannsuniform und besetzt kurzzeitig das Potsdamer Rathaus, um endlich an den Pass zu kommen.
An der Geschichte des Kassenschlagers der frühen 30er-Jahre, der von den Nazis verboten und in den 50er-Jahren mit Heinz Rühmann verfilmt wurde, hangelt sich Regisseur Sebastian Hartmann anhand von eindrücklichen Bildern entlang, verzichtet dabei bewusst auf Linearität und klare Rollenverteilung. Die Geschichte Voigts wird als chaotischer Probenprozess einer Truppe sich selbst überschätzender Schauspieler*innen erzählt. Dass dieser nicht sonderlich erfolgreich läuft, zeigt schon die absurde Bandbreite an deutschen Dialekten, die alles sind, nur kein Zuckmayer-Berlinerisch. Die extravaganten Glitzer-Kostüme, Dompteur-Uniformen und wallenden weißen Rüschenkleider von Adriana Braga Peretzki machen sie endgültig zu Schaustellern, die vor allem sich selbst zur Schau stellen.
In keiner Rolle ganz ankommen ist auch die Tragödie des Voigt, der stets außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung steht. Die Inszenierung wechselt zwischen fremdgesteuertem Marionetten- und klamaukigem Kasperletheater hin und her. Gemeinsame Singnummern als geordnete Orgelpfeifen zerfallen in individuelle Ansprüche und Streitigkeiten. Eisenbahnnetze und Militärformationen werden durchdekliniert, doch letztlich ohne Zweck. Hartmann erzählt so die Geschichte als taumelndes, aber in sich geschlossenes Spiel von Ordnung und Unordnung, in der kaum eine Szene nicht in wildes Gewusel zerfällt.
Transportieren die Bilder meist eine komisch skurrile Stimmung, so verfärbt sich diese im Laufe des Abends bis ins grotesk Gruselige. Mit der Verwandlung von Voigt in den Hauptmann von Köpenick gibt es kein Kasperle mehr, sondern die Unterwerfung unter Ordnung und Zucht. Geistert die Uniform erst noch als leere Hülle über die Bühne, so ist es dann der Geist des Soldatischen, der sich Voigts bemächtigt:
Die Parade wird zum Totentanz
Ohne den witzigen Zuckmayer-Text bleibt nur der halbnackte Torben Appel übrig, der sich wie bei „Des Kaisers neue Kleider“ die unsichtbare Uniform überzieht. Seine militärischen Gesten werden zu krampfartigen Zuckungen. Sein Gesicht ist von einer unheimlichen Maske verdeckt. Sein letztlich ordnungsgemäß hergerichteter Körper marschiert im Stechschritt ins Rathaus, nur um dann zitternd zusammenzusacken. Die Militärparade wird zu einem Totentanz. Über dem allen prangt die Widmung „Der deutschen Kunst“, die sich erst als ordnende Staats- und jetzt als Kriegskunst erweist. Endlich jemand zu sein innerhalb der Ordnung des Staates, verlangt Unterwerfung.
In Zeiten von deutscher Remilitarisierung jagt das Gespenst der Uniform einen Schauer über den Rücken. Hartmann und sein Ensemble zerstückeln die deutsche Komödie und heben so ihren dunklen, militaristischen Kern. So endet das Theatertreffen mit einer tragischen Farce aus Einzelteilen, die es schafft politisch zu sein, ohne auf konkrete tagespolitische Aussagen abzuzielen.
