Der will nur spielen

Mit Klaus Manns „Mephisto“ bringt Jette Steckel ein Schauspielfest auf die Bühne, das die Rolle der Kunst im aufsteigenden Faschismus durchleuchtet. Ein Abend, der nachbebt.

Wer spielt, begibt sich ins Refugium des Unvorhersehbaren. Spiel, das ist Experiment, Imitation, aber auch Risiko. Schiller schrieb in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Willkommen im deutschen Theater, das an diesem Abend des Berliner Theatertreffens Kulisse und Gegenstand zugleich ist. In der Bühnenfassung überführen die Münchner Kammerspiele hier Klaus Manns großen Theaterroman erstmals an den Ort seiner Handlung. 

Von Beginn an ist sich der Abend seines Publikums bewusst: „Die müssen das Theater anders verlassen, als sie es betreten“, heißt es in diesem Spiel im Spiel, das sich zu einem komplexen Abbild einer Gesellschaft im ideologischen Umbruch verdichtet. 

Der Opportunist, der in Realität verankert ist

Mit „Mephisto“ hieven Jette Steckel und das Ensemble der Münchner Kammerspiele einen Stoff auf die Bühne, der lange Zeit aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verboten war. 1936 verfasst im Exil vor der Kulisse von Nazi-Deutschland, gilt er als Schlüsselroman, der sich an klar identifizierbaren Personen aus dem unmittelbaren Umfeld Klaus Manns abarbeitet. Im Zentrum steht Gustaf Gründgens, Schauspieler und späterer Generalintendant des preußischen Staatstheaters – im Text fiktionalisiert unter dem Pseudonym Hendrik Höfgen. 

Höfgen, das ist ein Mann, der für das Theater lebt. Einer, der an die Macht der Kunst glaubt, solange er von ihr profitiert. Ein Opportunist, der sich sehenden Auges in die Strukturen der Nazis begibt: „Von innen heraus unterhöhle ich ihre Macht.“ Mit Thomas Schmauser, für seine Rolle in “Mephisto” mehrfach ausgezeichnet, kreist Steckels Inszenierung um die ambivalent getriebene Figur des Hendrik Höfgen. Besessen von Fausts Mephistopheles sieht er sich als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. 

Ein Abend der permanenten Selbstbefragung

Abgesteckt von beweglichen Leuchtkästen lässt die reduzierte Bühne Raum für die vielschichtig angelegten Figuren. Sie schlüsseln den Mikrokosmos einer lebendigen Theaterwelt auf, die sich zunehmend in Mitstreiter und Gegner des Faschismus aufspaltet. Da ist etwa der glühend überzeugte Schauspieler Hans Miklas, der sich vom aufkommenden Nationalsozialismus einen Kampf gegen die Eliten verspricht. Seinen rohen Idealismus macht Schauspieler und Musiker Elias Krischke in der Rolle des Miklas beklemmend spürbar, hemmungslos malträtiert er Becken und Drums seines Schlagzeugs. Unentschlossen fragt man sich, wem man hier begegnet: einer verirrten Seele, die sich noch einfangen ließe, oder einem überzeugt radikalisierten jungen Mann? 

Wie alle großen Steckel-Produktionen zieht der Abend tief hinein in die Psychologie seiner Figuren, die sich eindeutigen moralischen Zuschreibungen verweigern. Immer wieder wird man mit sich selbst konfrontiert: Wie würde ich handeln? Würde ich gehen oder bleiben in einem Regime, das Menschen systematisch verfolgt und ermordet? Die permanente Selbstbefragung ist ein cleverer Kniff der Inszenierung, in der es immer wieder hell und erschreckend heutig wird im Zuschauerraum. Denn der Stoff, der hier verhandelt wird, bedarf keines Transfers, um als Spiegel der aktuellen Gesellschaft zu wirken: „Jeder Vierte von euch“, sagt Krischke und zählt durch die Reihen. Unweigerlich denkt man an die hohen Wahlergebnisse der AfD dieser Tage. 

Nazis rein oder raus?

Was tun, wenn „die Rechten“ also längst einen großen Teil der Gesellschaft ausmachen? Und ist es nicht unsere demokratische Verpflichtung, im Diskurs zu bleiben? Jette Steckels Inszenierung gelingt es, ebendiese Fragen plastisch zu machen. „Nazis rein, nicht Nazis raus!“ konstatiert Schauspielerin Linda Pöppel in der Rolle der Barbara, ein Alter Ego von Erika Mann, und kurz schreckt man auf. 

Wie schmal der Grat zwischen kritischer Auseinandersetzung und Mitverantwortung sein kann, zeigt sich dann wieder an Höfgen, der sich unter NS-Führung zum Intendanten des deutschen Theaters ernennen lässt: „Ich habe nicht geschworen, ich habe nur die Lippen bewegt.“ Als Schauspieler in einer Rolle, die er für den Erfolg seiner Kunst, aber gegen das eigene Gewissen spielt, verschanzt er sich ab der zweiten Hälfte des Stücks hinter der Maske des Mephisto. Wie Teile eines Hakenkreuzes ragen die aufgemalten Augenbrauen auf seiner Stirn. 

Trotz seiner Länge von knapp vier Stunden bleibt dieser Abend unberechenbar facetten- und erkenntnisreich. Das dichte Mosaik aus klug konzipierten Szenen und schauspielerischer Brillanz trägt bis zum Ende – und hinterlässt einen dringenden Appell: Wehret den Anfängen. 

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