Etwas stimmt nicht. Das stellt der Protagonist des Abends sehr bald fest. Von Partyexzess zu Wutanfall, von unkontrolliertem Gefühlsüberschuss zur absoluten Teilnahmslosigkeit: Manische Schübe und totale Zusammenbrüche geben sich die Klinke in die Hand. “Der Wahnsinn ist ein Vorgang, kein Zustand”, heißt es auf der vollkommen in Rosa getunkten Bühne – das Motto des Abends.
Zehn Jahre nachdem der vielbeachtete autobiographische Roman „Die Welt im Rücken“ erschien, in dem der Autor Thomas Melle sein Leben mit bipolarer Störung literarisch verarbeitet, bringt die Regisseurin Lucia Bihler diesen auf die Bühne. Damit holt sie ihn zum zweiten Mal zum Berliner Theatertreffen, wo bereits 2018 eine Adaption in der Regie von Jan Bosse zu sehen war.
Keine Charakterstudie
Die Struktur des Abends gleicht der Struktur der Krankheit: ein entsetzliches Auf und Ab. Die Manie wie die Depression sind zwei Kehrseiten ein und derselben Medaille, die sich im Laufe der Inszenierung entfalten. Über das sprechende Ich – eine Figur namens Thomas Melle – erfahren wir nur eines: seine Diagnose. Damit legt Bihler keine Charakterstudie vor, sondern ein Krankheitsbild.
Und dieses ist überzeichnet bis zum Gehtnichtmehr: In einem sperrigen, rot schimmernden Fatsuit, mit schlecht gefärbten blonden Haaren und verwischtem Clowns-Make-Up, bewegt sich die Hauptfigur – gespielt von Paulina Alpen – durch eine poppig-artifizielle Welt. Zuerst noch allein, dann begleitet von sechs Doppelgänger:innen, kämpft sie sich im ausstaffierten, unförmig roten Oberteil und mit gebeugter Haltung durch das psychische Dickicht. Eine Art Quasimodo, der Baseballschläger schwingend Vibes der Comicfigur Harley Quinn versprüht.
Jede Manie steigt ins Unermessliche
Die Manie wird an diesem Abend zum großen Spektakel. In Phasen völliger Selbstüberschätzung bildet sich der Protagonist allerhand ein: Madonna habe ihr Leben lang eigentlich nur über ihn gesungen, und wolle mit ihm schlafen. Außerdem sei er niemand anderes als der lang erwartete Messias. Unterstützt von seinen Doppelgänger:innen steigert er jede Manie ins Unermessliche. Hier scheint es kein Limit zu geben: Riesenfäuste a la Super Mario, ein Trampolin, eine neongelbe Maske mit Monsteraugen – alle Register der Bühnenkunst werden gezogen. Auf einem Podest in der Mitte der Bühne lässt er sich abfeiern, den darauffolgenden depressiven Zusammenbruch hat er jedoch allein durchzustehen. Einsam und zurückgelassen, verkriecht er sich zuweilen in einem noch größeren ausgepolsterten Oberteil, wirkt darin verloren, beinahe kindlich. Von der kurz vorher noch überdrehten Stimmung ist plötzlich nichts mehr übrig. Und dann geht es doch wieder von vorne los. Das Bewusstsein für die Wirklichkeit geht zunehmend verloren, das Ich beginnt zu erodieren. Seelischer Schmerz wird in eine poppige Ästhetik überführt.
Dabei hat das Gewusel der sechs Doppelgänger:innen zumeist vor allem eines: Show-Effekt. Bis in die kleinste Bewegung durchchoreographiert, haargenau getimed mit eingespielten Geräuschen und farblich perfekt aufeinander abgestimmt, bekommt der Abend beinahe einen comichaften Charakter. Die Form wird streng durchgehalten, und dabei passiert etwas Unangenehmes: Das psychische Leiden des Protagonisten wird dazu freigegeben, sich von ihm unterhalten zu lassen.
Eine Achterbahnfahrt der Gefühle
Während also vor unseren Augen eine Innenwelt nach Außen gestülpt wird, bleibt ihre Betrachtung stets äußerlich. Ein Einfühlen wird nicht zuletzt durch den starken Verfremdungseffekt verhindert. Denn während auf der Bühne ein Achterbahnfahrt der Gefühle mit Neuronenfeuerwerken stattfindet, bleibt man selbst meistens außenstehend und unbetroffen. Melle wird herumgewirbelt, taumelt, bricht zusammen, wird in die Geschlossene eingewiesen, setzt seine Tabletten ab, steigt erneut in schwindelerregende Höhen auf, stürzt in tiefe Täler – all dies lässt sich von einem allzu bequemen Punkt aus beobachten. Es drängt sich die Frage auf: Ist es möglich, jemanden zu verstehen, der sich selbst gerade nicht verstehen kann? Die Inszenierung zückt die Freikarte, dies aufgrund der Unmöglichkeit einer hundertprozentigen Empathieleistung gar nicht erst zu versuchen.
Die ruhigen Szenen sind es, die dann doch einen Blick in die inneren Untiefen ermöglichen. Ist die Manie erstmal abgeklungen und das letzte Nachbeben abgeebbt, so dringt erneut Melles Sprache durch und schafft es, zwischen Innen und Außen zu vermitteln. Sätze wie “Die Zeit war tatsächlich aus den Fugen, und ich auch noch aus ihr raus gefallen“, lassen die letzte Verbindung zwischen Ich und Welt einreißen.
Der eigenen Forderung nicht nachkommen
„Mit der Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben“, lautet die Devise, die Melle am Ende der Übermacht der Krankheit entgegensetzt. Es ist ein „Trotz allem!“, ein „Was auch kommen mag!“ – eine Kampfansage an die nächste, bereits anrollende Katastrophe und der berührende Versuch, mit geballter Faust das gleich losbrechende Gewitter aufzuhalten. Alles war er verlange, sei “eine gewisse Flexibilität in der Perspektive auf den Erkrankten”. Doch gerade dieser eigenen Forderung kann der Abend aufgrund seiner Formverliebtheit nicht nachkommen. Und das ist schade, denn wäre es nicht unsere Aufgabe gewesen, die Welt in Melles Rücken zu sein?