Triggerwarnung: Es wird unbequem. Einige Trigger, inklusive Warnung, leuchten zu Beginn dieser waghalsigen Performance lange zehn Minuten von einem Bildschirm in den dunklen Saal hinein, sonst passiert nichts. Zu erwarten habe man „Bodyshaming“, „rassistische Witze“, aber auch „Wokeness“ und „feministische Weltsichten“. Allein diese wenigen Schlagwörter reichen aus, um die Grundsatzfrage in den Raum zu stellen: Wer fühlt sich von was getriggert? An unbeholfenen Lachern und geräuschvollem Lufteinziehen im Publikum meint man es herauszuhören zu können.
Den eigenen moralischen Kompass zu verwirren, ist die Strategie dieses Abends, der seine Uraufführung auf den Wiener Festwochen feierte. Die Gleichung, die Regisseur Julian Hetzel für seine gleichnamige Performance aufstellt, ist einfach: „Three Times Left is Right“ – Wenn wir dreimal links abbiegen, kommen wir rechts heraus. Geografisch gesehen scheint das klar, wie aber verhält es sich auf politischem Territorium?
Ein klaffender ideologischer Graben
In reduzierter Bühnenumgebung zeigt Julian Hetzel die Geschichte eines Paares: Er ist ein linker Kulturtheoretiker, sie eine Intellektuelle der neuen Rechten. Wo die Liebe hinfällt, klafft in dieser Erzählung ein ideologischer Graben: Er plädiert für sensible Sprache, sie unterstellt Zensur. Angelehnt sind die Figuren an einem real existierenden Paar: dem linksprogressiven Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und seiner Ehefrau Caroline Sommerfeld, eine neurechte Publizistin.
Die Frage, ob ein Diskurs zwischen progressivem und neurechtem Lager stattfinden kann und sollte, wird hier hinfällig – denn auf der Bühne teilen sich die belgischen Schauspieler:innen Josse De Pauw und Kristien De Proost Ehebett und Elternschaft. Das Schauspielpaar gibt dabei vor, auch im echten Leben eine romantische Beziehung zu führen. Indem so die Grenze zwischen Realität und Fiktion bewusst verwischt wird, entzieht sich die Inszenierung auf unbehagliche Weise der Bühnensituation. Das Mäandern zwischen den Ebenen überträgt sich auch auf das Publikum: sind wir Zuschauer oder Zeuginnen dieser diametralen Beziehung, in der die rechte Partei schleichend die Oberhand gewinnt?
Aus Solidarität rechte Handlungen übernehmen?
Zwischen Spielplatz und Waschküche wird auf der Bühne das Private politisch. Immer unverblümter bedient sich das Ehepaar im argumentativen Schlagabtausch an der Rhetorik der jeweils anderen Seite, Begriffe wie “Freiheit” werden sich gegenseitig um die Ohren gehauen. Grotesk wird es, wenn Josse De Pauw hilflos mit einem Gipsarm auf der Bühne sitzt, der in die Höhe ragt wie ein unfreiwilliger Hitlergruß. Erst wehrt er sich, dann fordert er das Publikum immer hartnäckiger auf, ihm gleichzutun: „Könntet ihr, aus Solidarität, euren Arm heben?“
Wie schmal der Grat zwischen Selbst- und Fremdbestimmtheit sein kann, wird auf gespenstische Weise spürbar, als plötzlich eine Kapelle ohne Musiker*innen auf die Bühne fährt. Wie vom Gleis abgekommene Geisterfahrer steuern die Trommeln und Blasinstrumente auf Autopilot in Richtung Publikum, biegen links ab, bis sie schließlich nach rechts verschwinden.
Ein klug konzipiertes Verwirrspiel
In simplen Bildern gelingt Julian Hetzel ein klug konzipiertes Verwirrspiel, in dem sich irgendwann sogar die Übertitel verselbstständigen. Wie sich konträre ideologische Weltanschauungen gegenseitig bedingen und mitunter sogar voneinander profitieren, versucht der Abend aufzuzeigen: „Ohne euch wären wir nie geboren worden“, proklamiert Schauspielerin De Proost mit einer hetzerischen Rede in AfD-Manier. Zynisch bedankt sie sich bei jenem Teil der Gesellschaft, der für „Wokeness” einsteht: „die Linken“? Das Publikum?
In die Denkmuster der neuen Rechten einzudringen, mag ein Weg sein, sie zu dekonstruieren. Und doch fragt man sich, inwieweit der Abend mit den faschistoiden Rhetoriken kokettiert, die er darstellt.
Rechts-Links-Verdrehung
Bei all der Rechts-Links-Verdrehung biegt die Inszenierung selbst dann irgendwann ins Belanglose ab – als radikale Zuspitzung dessen, was vorher schon für sich sprach. In einem obsessiven Siegeszug reißt Kristien De Proost ihrem altersschwachen Ehemann die linkspolitischen Eingeweide aus dem Leib und jagt sie durch den Fleischwolf: Sex wird zu Splatter, Kink zu Kannibalismus – und zum Schluss gibt es Würstchen für alle.
Ein pelziges Gefühl stellt sich dennoch ein, als sich die Bühne am Ende des Abends in eine volkstümliche Würstchenbude mit Blasmusik verwandelt. Wo sich eben noch mit rechtem Jargon für ein “neues europäisches Kulturverständnis” stark gemacht wurde, tummelt sich nun ein schaulustiges Publikum am Grill mit Bier und Bratwurst – im Sinne der Inszenierung ist das gefundenes Fressen. Guten Appetit!
