Kohabitation – Zusammenleben: Das ist das Motto, unter dem 33 aufstrebende Künstler*innen aus der ganzen Welt im Rahmen des Theatertreffens zusammenkommen, sich austauschen und zusammen kochen. Seit über 60 Jahren ist das „Internationale Forum“ ein Sammelplatz unterschiedlichster Theatermacher*innen, die durch gemeinsame Theaterbesuche, Workshops und Inputs ins Gespräch kommen.
Zum dritten Mal unter der Leitung der Dramaturg*innen Aljoscha Begrich und Sima Djabar Zadegan arbeitet das Forum eng mit der „Floating University“ zusammen. Auf einem ehemaligen Regenrückhaltebecken des Tempelhofer Felds erschuf der Verein Floating e. V. einen Ort, der sich mit natürlicher und urbaner Infrastruktur auseinandersetzt.
Widerstand gegen das Apartheid-System
Seit Tagen arbeiten und diskutieren die Stipendiat*innen dort schon miteinander. Wir Blogger*innen haben uns mit Elena Gorlatova, Sabrina Basilio und Ndayola Ulenga über ihre künstlerische Praxis, ihr Leben und ihre Arbeit im Forum unterhalten. So unterschiedlich die künstlerischen Praktiken der drei Theatermacherinnen aus den Philippinen, Russland und Namibia sind, so sehr interessieren sie sich alle für Fragen der Gemeinschaft.
Die Regisseurin, Schauspielerin und Sängerin Ndayola Ulenga aus Windhoek, Namibia, möchte sich mit ihren Theaterarbeiten gegen die Dehumanisierung anderer stellen. Aus einer politischen Familie stammend, die Widerstand gegen das südafrikanische Apartheidsystem leistete, kam sie bereits früh mit vielen verschiedenen Menschen und Geschichten in Berührung. In ihrer One-Woman-Show „KoKo“, die sie 2025 an der Theatre School Windhoek aufführte, geht sie ihrer Familiengeschichte, dem namibischen Freiheitskampf, Apartheid und der Erfahrung von Gewalt nach.

Dabei forscht die 34-jährige nach, wie diese Geschichten ihre Identität formen: „Ich bin eine Verschmelzung von all diesen Erzählungen – sie leben in mir fort.“ Besser zu verstehen, woher man selbst kommt, sei auch ein Weg, besser die Geschichte anderer zu begreifen – selbst wenn es sich um einen „wütenden weißen Mann“ handele. Der Dehumanisierung durch Gewalt soll heilende Empathie und Menschlichkeit entgegengestellt werden: „Wie können wir andere wieder als Menschen sehen, auch wenn sie andere verletzten – wie sie verstehen, ohne ihre Taten zu rechtfertigen?“
Auch für die 28-jährige Sabrina Basilio ist die Frage der Heilung nach Gewalterfahrungen und Zerstörung ein wichtiger Ausgangspunkt für ihre Arbeit. Die philippinische Theatermacherin, Dramatikerin und Aktivistin kommt aus Nueva Vizcaya, einem „idyllischen Ort mit Wasserfällen und Reisfeldern – aber auch massiven Bergbau-Problemen“. Die Erfahrung dieser Widersprüche hat ihre Theaterarbeit geprägt.
Ökofeministische Theaterpraxis
In Theaterworkshops, unter anderem mit Landarbeiter*innen, indigenen Aktivist*innen und Überlebenden von geschlechtsspezifischer Gewalt, begreift sie Theater als Prozess der Erneuerung. Ihre ökofeministische und dekoloniale Theaterpraxis will unterschiedlichste Menschen zusammenbringen, um eine gemeinsame und gerechtere Zukunft für alle zu proben.
Partizipative Theaterarbeit ist auch der Ansatz der 32-jährige Elena Gorlatova. Geboren wurde sie im sibirischen Tjumen, lebte und studierte aber lange in Sankt Petersburg und Moskau. In Russland begann sie mit Bürgerbühnen-Projekten in verschiedenen Städten. Oft lag dabei der Fokus dem Alltag von Frauen und deren Erfahrung von Gewalt sowie Ungerechtigkeit.
Nach Deutschland immigriert
2023 immigrierte sie nach Deutschland, um dort ihre Arbeit fortsetzen zu können. Auch hier bringt sie ihre partizipatives Theaterpraxis in die Kulturszene ein – momentan mit einer theaterpädagogischen Arbeit an Berliner Schulen zum Thema „Einvernehmen“. Ihr Theater beruht auf dem offenen Austausch über die eigene Geschichte. „Dafür braucht es viel Mut und Vertrauen untereinander,“ beschreibt sie. So entstehe ein gemeinsames Theater, das unterschiedlichste Menschen miteinander verbindet und sie zum Schaffen von Kunst ermutigt.
„Das Forum war toll bisher – alle sind so klug!“, meint Ndayola, als wir nach ihren bisherigen Erfahrungen fragen. Dabei wird in den Nachbesprechungen der Stipendiat*innen hitzig diskutiert. „Gestern zum Beispiel,“ beschreibt Elena, “hatten alle nach „Mephisto“ so viel zu sagen, und oft waren wir komplett entgegengesetzter Meinung!“ Doch ihre Diskussionen führen sie in einer fürsorglichen Atmosphäre.
Von der Kunst leben können
Für Sabrina Basilio ist es eine fundamental erschütternde Erfahrung, beim Forum so vielen neuen Perspektiven zu begegnen. Bislang hat sie ihr ganzes Leben auf den Philippinen verbracht. Sie findet es toll, „dass wir ganz unterschiedlich sind, aber trotzdem alle vor der gleichen Herausforderung stehen, mit der Kunst, die uns ausmacht, unseren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Für alle drei ist klar: Dies ist nicht nur eine sehr lehrreiche, sondern auch eine prägende Erfahrung des Zusammenlebens.