„Mit Theater gegen die Angst kämpfen“

Der Theatermacher Serge Okunev hat Russland zu Beginn des Krieges verlassen. In München entwickelt er eigene Arbeiten und macht bei Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“ mit. Ein Gespräch über Kunst-Freiheit, die russische Armee und Progaganda.

TT-Blog: Sie haben für Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“-Inszenierung zur russischen Privatarmee Wagner und dem Söldnerführer Prigoschin recherchiert. Was hat Sie daran interessiert?

Serge Okunev: Viele kleine und große Dinge: Bösartigkeit, Talent, viel Geld, Gewalt, Abenteuer, Schattenfirmen, Hotdogs, Restaurants, Mafia, Krieg, Risiko – all das ist in der Geschichte und Struktur der Wagner-Gruppe präsent. Ich bin kein professioneller Ermittler oder Journalist, daher bin ich mit einem eher intuitiven Werkzeugkasten an die Arbeit herangegangen. Ich habe den Großteil der öffentlich verfügbaren Informationen gelesen und dann ein ausführliches Interview mit einem ehemaligen Söldner der Gruppe geführt. Das war sehr spannend für mich.

TT-Blog: Als junger Mann waren Sie in der russischen Armee, jetzt machen Sie in Deutschland Theater. Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit beim Militär?

Serge Okunev: Ich war 23, als ich dienen musste. Ein Jahr lang war ich in der Armee, von 2014 bis 2015. Das war eine widersprüchliche Erfahrung, manchmal sogar komisch und absurd, oft geprägt von übersteigerter Männlichkeit. Die ersten drei Monate war ich im Militärlager, dann konnte ich wechseln: Neun Monate verbrachte ich in einem Ensemble für Militärgesang und Tanz und habe dort Video-Content gemacht. Ein Jahr lang war ich Teil der russischen Propagandamaschine. Es hat aber viel Abstand gebraucht, bis ich das begriffen habe.

TT-Blog: In Ihrer Eigenarbeit „oder kann das weg“, die 2025 auf dem Spielart-Festival in München gezeigt wurde, reflektieren Sie kritisch Ihre eigene Rolle im russischen Propagandaapparat. Worum geht es Ihnen dabei?

Serge Okunev: Um Verantwortung. Wir sind alle kleine Menschen in einem großen System, auch als Soldaten. Aber dieser eine Soldat macht mehr aus, als er selbst denkt  –er ist ein Rädchen in einem mächtigen System, das ohne seine Arbeit nicht bestehen könnte. In „oder kann das weg“ haben wir versucht, diesen Zusammenhang zwischen dem kleinen, individuellen Menschen und globalen gesellschaftspolitischen Auswirkungen herzustellen.

TT-Blog: Wann haben Sie erkannt, selbst einer dieser kleinen Menschen gewesen zu sein?

Serge Okunev: Ich saß mit Jan-Christoph Gockel in der Kantine der Münchner Kammerspiele, wir haben uns über mein Stück unterhalten. Er fragte mich: Hast du selbst Erfahrungen mit Propaganda gemacht? Erst dachte ich: Nein, habe ich nicht. Und fünf Sekunden später: Vielleicht doch. Die eigene Rolle in einem autoritären Regime zu reflektieren, ist nicht einfach, wenn man mittendrin steckt und seinen Alltag dort lebt. Um das zu dekonstruieren, muss man das System verlassen. Das ist oft sehr schwierig. Und ich spreche nicht von Migration, sondern von Reflexion und Distanz.

TT-Blog: Vor dem Krieg in der Ukraine waren Sie am Stadttheater in Moskau. Wie unabhängig konnten Sie dort arbeiten?

Serge Okunev: Wir haben dort verrückte Sachen gemacht. Aber das war vor dem Krieg. Inzwischen kann man dort nicht mehr frei arbeiten. Irgendwo gibt es immer diese gefährliche Linie, nur weiß niemand genau, wo sie verläuft. Was man darf und was nicht, ist unklar. Als ich 2022 einen Post gegen den Krieg auf Instagram aufsetzte, forderte mich der Direktor des Theaters dazu auf, ihn zu löschen. In dem Moment wurde mir klar, dass es für mich schwierig sein würde, in Russland zu bleiben.

TT-Blog: Dann sind Sie nach Deutschland gekommen. Welche Herausforderungen haben sich Ihnen als russischer Staatsbürger hier gestellt?

Serge Okunev: Zuerst wurde ich an der Bayerischen Theaterakademie aufgenommen, als Student. Jetzt ist mein offizieller Status selbstständiger Künstler. Ehrlich gesagt ist es mit einem russischen Pass ziemlich schwierig, sich in den Ländern der Europäischen Union zu legalisieren, ohne Asyl oder humanitäre Visa. Es wird zwar immer über Menschenrechte und Einheit gesprochen, aber wenn es konkret wird, entscheidet der Pass über vieles.

TT-Blog: Die russischen Behörden verfolgen auch die Arbeit von Künstler*innen im europäischen Ausland. Wie gelingt es, sich nicht einschüchtern zu lassen? 

Serge Okunev: Ich habe viele Ängste in mir. Aber ich nutze das Theater, um gegen die Angst zu kämpfen. Theater ist für mich eine Simulation. Ein Vortäuschen. Ein Spiel. Dort kann man seine Ängste hineinlegen und sich ihnen in Spielsituationen stellen. Aber weil es ein Spiel ist, hat man Macht über diese Ängste. Vielleicht ist das eine naive Sicht auf Theater, aber für mich funktioniert sie. Auch dank des Theaters schlafe ich nachts besser.

TT-Blog: Was Sie beschreiben, klingt nach einer Form des Widerstands.

Serge Okunev: Ich bin kein großer russischer Oppositioneller, ich bin kein Alexej Nawalny. Ich mache nur Theater. In „Wallenstein“ zum Beispiel decke ich das Militärsystem auf, ohne es radikal zu kritisieren. Aber manches spricht ja für sich. Ich lasse lieber die kleinen, persönlichen Geschichten der Menschen für das Große und Ganze sprechen. Am liebsten würde ich nur durch die Welt reisen und mit Menschen sprechen.

TT-Blog: In „Wallenstein“ heißt es: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Gibt es aus dieser Spirale einen Ausweg?

Serge Okunev: Ich weiß es nicht.

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