Inspiriert von Julian Hetzels Arbeit „Three Times Left is Right“, in der es um die Beziehung zwischen einem Linken und einer Rechten geht, hat Matthias Dell ein Gespräch mit Poptheoretiker Diedrich Diederichsen und dem ehemaligen CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz initiiert. Im Ankündigungstext steht, es ginge nicht um übliche Erklärungsversuche, sondern um die eigentlichen Fragen: Warum rechte Rhetoriken so erfolgreich sind, warum viele fürs eigene Rechtssein die Verantwortung abgeben und was sich dagegen tun lässt.
Die Frage der politischen Selbstverortung
Das Gespräch beginnt mit der Frage der politischen Selbstverortung. Wie zu erwarten, nennt sich Diederichsen einen Linken, und Polenz sucht nach neuen Begrifflichkeiten. Für ihn seien die Kategorien “links” und “rechts” überholt. Stattdessen unterscheidet er zwischen “offen/liberal” und “autoritär” – und da verorte er sich bei Ersterem. Danach beginnt eine eher verwirrende Odyssee durch politische Schlagwörter, das Alphabet linker K-Gruppen in der achtundsechziger Bewegung und die Bedeutung der Sprachsensibilität. Von KPD/AO und KP-Nord über Political Correctness mäandert das Gespräch ohne roten Faden oder klare Argumentationslinie zu Thilo Sarrazins Interview in der Zeitschrift „Lettre international“, was 2010 in sein umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ mündete. Polenz kritisiert die darin verwendete „völkische Sprache“.
Dell sagt, es sei noch nie gelungen, in Diskussions-Formaten einfach eine linke und eine rechte Position einander gegenüber zu stellen, deshalb habe er sie nicht in erster Linie wegen ihrer politischen Orientierung, sondern Diedrich Diederichsen als Theoretiker und Ruprecht Polenz als Mann aus der politischen Praxis eingeladen. Problematisch ist daran aber, dass Polenz kein aktives Bundestags-Mitglied mehr ist – und in diesem Gespräch über seine Zeit in der Machtposition wenig Selbstreflexion zulässt. Diederichsen hingegen malt ein romantisiertes Bild einer Pre-Social-Media Debattenkultur am Stammtisch in der Kneipe, wo der Wirt als Korrektiv wirke. Als Theorie wirkt das ein wenig aus der Zeit gefallen.
Reflexion der eigenen Rolle
Es ist der dritte Tag des Theatertreffens, und bisher gab es berechtigterweise an jedem Tag viel Kritik an der AfD und der erstarkenden Rechten. Darin sind sich diese beiden Referenten auch einig und dem Beifall der letzten Tage nach zu urteilen das Publikum ebenfalls. Aber was bringt diese Kritik, ohne die eigene Rolle beim Erstarken der AfD ernsthaft zu reflektieren?
Polenz beschreibt Begriffe wie „Konservatismus“ oder das „C“ in der CDU in einer von konkreten politischen Auswirkungen gelösten Weise. Dabei betont er, dass rechte Akteure das Vertrauen in staatliche Institutionen bewusst untergraben. Aspekte, in denen staatliches Handeln selbst zur Erschütterung dieses Vertrauens beigetragen hat, etwa im Zusammenhang mit den NSU-Morden oder der Rolle von Hans-Georg Maaßen im Verfassungsschutz, bleiben unerwähnt. Auf die rechten Positionen, die Friedrich Merz seit Jahrzehnten vertritt – der 1997 dafür abstimmte, dass Vergewaltigung in der Ehe legal bleiben solle und vor kurzem behauptete, Deutschland ohne Automobilindustrie sei wie eine Frau ohne Unterleib – wird nicht eingegangen. Ebenso wird die fortwährende Annäherung der CDU an die AfD in der Migrationspolitik von Polenz ausgespart. Die Moderation fragt in diesen Punkten zu wenig nach.
Auch Diederichsen bleibt auffallend zurückhaltend, fast resigniert. Zwar benennt er zutreffend das ideologische Vakuum nach dem Zerfall des Realsozialismus, doch die Behauptung, die Linke habe sich daraufhin zu sehr auf Identitätsfragen konzentriert und deshalb die Rechte gestärkt, übersieht zentrale Widersprüche des Realsozialismus. Beispielsweise die Reduzierung des Sozialismus auf ökonomische Fragen sowie das Ignorieren des Patriarchats.
Der Verweis auf Lösungsansätze fehlt
Wie beide Referenten erkennen, suchen Menschen in einer Zeit permanenter Krisen nach Orientierung und Lösungen. Wenn diese nicht angeboten werden, gewinnen vereinfachende Parolen von Rechts an Attraktivität. Doch anstatt hier anzusetzen, scheitert das Gespräch an dieser Aufgabe. Es fehlt der Verweis auf aktuelle demokratische, ökologische und feministische Bewegungen, die eine Inspirationsquelle für Lösungsansätze der Krisen unserer Zeit darstellen.
Schließlich stellt sich die Frage, wer überhaupt zu Diskussions-Formaten eingeladen wird. Es gibt gerade in Berlin unzählige Initiativen, die täglich demokratische Praxis leben und deren Input dadurch zukunftsweisender wäre.