Deine bemerkenswerteste Inszenierung?
Ella Rendtorff: Viel haben wir in diesen Festivaltagen, die sich hin und wieder zu Nächten verlängerten, über Handlungsfähigkeit nachgedacht. Was macht Handlungen erzählenswert? Und wer hat die Macht, sie zu erzählen? Weniger eine Inszenierung als solche als vielmehr eine Figur hat mich dabei nicht losgelassen: Barbara Bruckner aus Klaus Mann’s „Mephisto“ – in Jette Steckels Bühnenadaption gespielt von Linda Pöppel. In einer Geschichte, in welcher der Faschismus erst langsam, dann mit voller Wucht die Bühne einnimmt, ist sie die einzige Figur, die aussteigt. Historisch angelehnt an Erika Mann sieht Barbara Bruckner nicht fassungslos zu oder beugt sich den Nazis im Namen der Kunst, wie es die Hauptfigur des Stückes tut, sondern geht in den Widerstand. Im Kontext eines Theatertreffens, in dem viel Raum für wenig handlungsfähige Männerfiguren blieb, finde ich die Courage von Barbara Bruckner aus „Mephisto“ bemerkenswert.
Melvin Schwertel: „Die Glasmenagerie“ von Jaz Woodcock-Stewart am Theater Basel. Ein Familiendrama, das mit viel Witz von den Ausbrüchen seiner Mitglieder aus dem Alltag handelt. Die Tochter ist introvertiert und hat entgegen dem Wunsch der Mutter nicht vor zu heiraten. Auch der Bruder wird von seiner Mutter dazu ermahnt, ein vorzeigbares Leben zu führen – mit hohem Gehalt und konventionellen Erfolgen. Diese Auseinandersetzung mit Erwartungen und unerfüllten Träumen hat mich berührt. Wahrscheinlich auch, weil die Regisseurin einen Blick auf Theater gegeben hat, den die anderen Stücke vermissen ließen. Denn ihre Umsetzung entsprang einer jungen Perspektive. Eine Mischung aus frischen Ansätzen, wie zum einen den wackelnden Pads, auf denen die Figuren stabil bleiben wollten, zum anderen aber auch dramatische Mittel, die an eine herkömmliche Erzählung erinnern. Daneben konnte mich der Humor gewinnen, der von dem toxischen Jim, der sogar seinen eigenen Schatten bestaunt, bis zu Kehlkopf-Gesang führt. Ein unterhaltsamer Abend, der zum Weiterdenken anregt.
Ceren Yildirim: Theater passiert in einem gesellschaftlichen Kontext, das ist für mich meistens das Spannendste daran. Theater kann vieles sein, für mich ist es ein Ort gesellschaftlicher Aushandlungen. Es sollte sein Publikum herausfordern, aber ihm gegenüber wohlwollend eingestellt sein. In diesem Sinne bestimmt für mich der Kontext maßgeblich, was ich „bemerkenswert“ finde. Die im April 2026 vorgestellte Polizeiliche Kriminalstatistik besagt, dass im Durchschnitt jede dritte Minute eine Frau Opfer häuslicher Gewalt wird, täglich mehr als 146 Frauen Opfer sexualisierter Gewalt, und fast jeden Tag eine Frau oder ein Mädchen durch (Ex-) Partner oder Angehörige getötet wird. Das ist leider der Kontext, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen – auch im Theater. Julia Riedler und Leonie Böhm gelingt es, mit „Fräulein Else“ dem Publikum wohlwollend einen Spiegel vorzuhalten, was die Inszenierung für mich zur bemerkenswertesten des Theatertreffens 2026 macht.
Jean Maurer: So sehr mich das latente Geniegehabe eines fünfstündigen Solo-Abends ohne Pause von einem Theatertreffen-Allstar-Regisseur mit einem anerkannten Schauspieler und einem Text einer der berühmtesten zeitgenössischen Schriftsteller nervt, so bin ich doch vollkommen der Sogwirkung von „Serotonin“ am Hans Otto Theater verfallen. Von abgrundtiefem Ekel über Mitleid bis hin zu Klassenkampf reicht die Inszenierung, bei der jeder Widerspruch wie Salz auf einer klaffenden Wunde spürbar wird. Das habe ich so noch nicht erlebt.
Marie-Louise Fürnsinn: Ganz klar: „Fräulein Else“! Ich habe selten im Theater das Gefühl gehabt, dass man raus geht und als Publikum gemeinsam etwas durchgemacht hat. An diesem Abend im Berliner Ensemble war es so, da hat sich in kurzer Zeit ein Gemeinschaftsgefühl hergestellt, das ich nicht so schnell vergessen werde. Und obwohl dieser Abend sicher in vieler Hinsicht bemerkenswert ist, so hat er für mich etwas sehr Wertvolles bewirkt: Er hat mir vor Augen geführt, wie unverzichtbar Theater als Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist.
An was wirst Du dich erinnern?
Ella Rendtorff: Die Momente, die keine Übertitel brauchen, weil sie für sich stehen: Im Halbdunkel des Saals ausgetauschte Blicke, die vielleicht mehr über den Abend sagen, als die Zeilen, die man spät Nachts dann in den Laptop tippt. Auf einem Boot dicht an dicht mit Menschen zu tanzen, deren Sprache ich nicht spreche, aber wenn Rihanna läuft ist das egal. Und das Gefühl, wortwörtlich in einem Boot zu sitzen: nach siebzehn Tagen Theater ziemlich geschafft und trotzdem irgendwie dafür geschaffen, sich immer wieder aufs neue mit hunderten von Menschen in einen abgedunkelten Saal zu begeben.
Melvin Schwertel: Die besten Theaterstücke fordern noch bessere Gespräche. Die unerträglichen Gedanken, wie der Welthass in „Serotonin“ von Sebastian Hartmann am Hans Otto Theater, müssen gemeinsam bearbeitet werden. Wie sonst sollten misogyne Aussagen über fünfeinhalb Stunden hinweg verarbeitet werden? Ohne ein Gegenüber, das die eigene Argumentation erträgt und kritisch gegenprüft, wäre die Zeit ziemlich langweilig gewesen. Deshalb werde ich mich vor allem an den Austausch mit den anderen Blogger*innen erinnern. Dabei hat mir jede einzelne Person neue Denkweisen eröffnet. Vor allem aber wurde ich oft von dem Geschmack meiner Blogger-Kolleg*innen überrascht. Spätestens als sich zwei von ihnen eine Wurst nach der Kannibalismus-Szene in „Three Times Left is Right“ von Julian Hetzel auf der Bühne holen, denke ich: „Oh wow, wir sind sehr verschieden.“ Aber genau diese Verschiedenheit macht das Blog aus. Danke!
Ceren Yildirim: Erinnern werde ich mich vor allem an die Künstler*innen des Internationalen Forums, deren Perspektiven über das Theater hoffnungsvoller als die meisten der auswählten Inszenierungen waren. Einige der Künstler*innen kommen aus Regionen, die sich im aktiven Krieg befinden, aber in ihren Vier-Minuten-Vorträgen über das Theater betonten sie fast alle die Kraft der Gemeinschaft. Zoé Lohmann sprach davon, dass es mittlerweile viel zynisches Theater gebe und wir unsere Liebe zum Leben nicht verlieren sollten. Ndayola Ulenga sagte, dass wir uns trotz all der erfahrenen Gewalt gegenseitig als Menschen sehen müssen – nicht um die Gewalt zu entschuldigen, sondern um uns mit der Vergangenheit zu versöhnen und eine gerechte Zukunft aufzubauen. Diese Sätze und all die Gespräche, vor allem die, in denen wir verschiedener Meinung waren, werden mich begleiten. Denn sie drücken etwas Entscheidendes aus: Miteinander oder gar nicht.
Marie-Louise Fürnsinn: An die viele gemeinsame Textarbeit, den schlechten Kaffee, den wir uns in Massen reingekippt haben, die Sonnenstunden im Garten, die stehende Luft im Kabuff, das kribbelnde Gefühl mitten im Geschehen zu sein, die abendlichen Gespräche an der Bar, den Mut, den es braucht, etwas Kontroverses zu schreiben, das späte Heimkommen, das komische Zeitgefühl, das mich im Laufe des Festivals beschlichen hat, die Vielzahl an neu erstellten Google Docs.
Jean Maurer: Ich werde mich an eine Gruppe ganz unterschiedlicher Blogger*innen erinnern, die selten einer Meinung waren, aber einander immer unterstützt haben. An den Blick auf Berlin während der Bootsfahrt über die Spree. An Guido Lambrechts traurige Augen. An die verschlungenen Wege im Haus der Berliner Festspiele. Und natürlich an Michel Friedmans forschenden Blick, als Hauptman Illo vor seinen Füßen sein Genital suchte.
