Selbsthass trifft Welthass

Fünf Stunden Handlungsunfähigkeit in einer White-Box. Sebastian Hartmanns “Serotonin” fügt dem Roman von Michel Houellebecq wenig hinzu. Ein schwer erträgliches Solo, das polarisiert.

Weiß, aber wenig unschuldig: In einem hellen, begehbaren Kasten, der zum Publikum offen ist, sitzt die Figur Florent-Claude Labrouste, gespielt von Guido Lambrecht. Die sterile Sitzbank ist in dessen Mitte platziert, er wird diese für die nächsten fünfeinhalb Stunden kaum verlassen. Sein Rollkragen-Pullover, die Hose und die Schuhe sind weiß. Mit seinem traurig vorwurfsvollen Blick schaut er die zu spät kommenden Zuschauer*innen an. Er folgt ihnen mit seinen Augen bis auf die Plätze und straft so alle, die die unangenehme Stille unterbrechen.

Die Hauptfigur, ein 46-jähriger Franzose, pflegt einen ausgeprägten Hass auf die Welt sowie auf sich selbst. Angefangen mit seinem Namen, Florent-Claude, der ihm schon immer zu weiblich klinge. Zudem verabscheue er seine Partnerin Yuzu, die zwar durch ihren 20 Jahre jüngeren Körper seine sexuellen Begierden befriedige, aber eben keine natürliche Schönheit sei. Auch sein Job als Agraringenieur bringe zwar viel Geld, aber langweile ihn zu Tode. Um seine Depression in den Griff zu bekommen, müsse er Captorix nehmen, ein fiktives Antidepressivum, das seine Potenz einschränke. Bilanzierend stellt er fest, dass sein Leben unglücklich verlaufen sei. Triefend vor Selbstmitleid starrt er in das beleuchtete Publikum, wird immer wieder von Tränen ergriffen. Er fürchtet sich vor dem Rest des Lebens: “Die zweite Hälfte wird aus einem langen qualvollen Zusammensacken bestehen.”

Fünfeinhalb Stunden Erinnerungs-Collage

In Fünfeinhalb Stunden entsteht vor unseren Augen eine vielschichtige Erinnerungs-Collage. Der Ich-Erzähler Labrouste blickt zurück und gewährt dem Publikum einen intimen Einblick in seine düsteren Gedanken. Dabei spielt sein Gesichtsausdruck die größte Rolle. Er schaut angestrengt, als er vom fehlgeschlagenen Selbstmordversuch mit Yuzu im Auto erzählt. Ihm habe die Kraft gefehlt, seinem und ihrem Leben ein Ende zu setzen, kurz vor dem tödlichen Sturz habe er zurück auf die Fahrbahn gelenkt. Gewissensbisse habe er nicht, vielmehr beklagt er sich über seine Handlungsunfähigkeit. Sogar Momenten, die seinem Leben Bedeutung gäben, schaue er tatenlos zu.

So inszeniert er sich als Retter zweier junger Frauen, denen er bei der Kontrolle des Reifendrucks hilft. Er sexualisiert die Begegnung mit den beiden Frauen, allerdings lösen sich seine erotischen Fantasien nicht ein. Der Kontrast zwischen seiner eigenen Wahrnehmung und der Realität ist frappierend. So stellt er fest: “Wir befanden uns in der Realität, also passierte nichts.” Auch wir als Publikum befinden uns in der Realität, und zwar in einer sehr gut ausgeleuchteten: Das Saallicht ist die ganze Zeit über an. Sind wir zu einem Urteil geladen? Sind wir Reibungsfläche für die Figur Labrouste? Sieht er in uns das Leben, das er nie führen konnte? 

Sprache und Handlung übernommen

Die einzig glückliche Zeit in seinem Leben habe er nur mit Camille gehabt. Mit kindlicher Freude im Gesicht berichtet er von seiner fünfjährigen Beziehung mit ihr, dem Gefühl, geliebt zu werden, gleichzeitig bricht aber auch Trauer über ihn hinein. Er habe seine Chance bei Camille vertan und sie hintergangen. Er ist frustriert darüber, händchenhaltend mit seiner Affäre auf der Straße ertappt worden zu sein und gegen seine eigenen Interessen gehandelt zu haben, in dem er seine Beziehung zerstört hat.

Die Sprache von Houellebecq wurde in der Theaterfassung von Sebastian Hartmann zum großen Teil übernommen. Auch die Handlung folgt der Romanvorlage bis auf eingestreute, autofiktionale Passagen von Guido Lambrecht, die aber nicht klar als solche erkennbar sind. 

Innensicht eines depressiven Menschenfeinds

Die Werktreue könnte als Stärke der Inszenierung interpretiert werden. Andererseits fragt man sich, warum einer Figur trotz ihrer sexistischen, rassistischen und homophoben Einstellungen so viel Zeit eingeräumt wird, ohne ein Weiterdenken stattfinden zu lassen. 

Dieses hätte durch eine szenische Umsetzung entwickelt werden können, die mehr Eigenes mit der Textvorlage macht. Ansätze dazu gab es, wie die Arbeit mit dem Licht von Lothar Baumgarte, der den Scheinwerfer klug am linken unteren Boden platzierte, um einen mächtigen Schatten von der Hauptfigur zu erzielen. So bleibt es die Innensicht eines depressiven Menschenfeinds, die bereits aus der Romanvorlage von Michel Houellebecq bekannt ist.

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