„Es ist an der Zeit, dass Männer endlich Angst bekommen!“, dröhnt es aus den Lautsprechern unter dem Brandenburger Tor, wo tausende Menschen in Solidarität mit der Schauspielerin Collien Fernandes Ende März gegen digitale sexualisierte Gewalt demonstrierten. In den Gesichtern: Wut, Entsetzen, Betroffenheit.
„Die Scham muss die Seite wechseln“, wird die Französin Gisèle Pelicot, selbst Opfer jahrelanger Vergewaltigungen, nicht müde zu betonen. Die Scham denen zuzuschreiben, die betäuben, vergewaltigen und morden, ist ein unerlässlicher Schritt in einer Gesellschaft, in der Gewalttaten an Frauen omnipräsent sind. Doch das reicht nicht aus: Nicht nur die Scham muss die Seite wechseln, sondern allem voran die Verantwortung.
Steigende Femizidzahlen und männliche Gewaltphantasien
Wie aber kann das gelingen, wenn ein Großteil der Männer immer dann aus dem Gespräch aussteigt, wenn es um die eigene Rolle in der Debatte um patriarchale Gewalt geht? Ja, nicht alle Männer sind Täter. Und doch rutschen viele von ihnen unruhig auf dem Stuhl herum, wenn steigende Femizidzahlen und männliche Gewaltfantasien thematisiert werden. „Schon krass“, heißt es dann und Mann verlässt lieber schnell den Raum.
Es sei denn, da sitzt nicht nur die Freundin, die Kollegin, die Schwester, sondern ein ganzer Theatersaal, gefüllt mit Menschen, die gekommen sind, um zu bleiben. Denn das ist die Besonderheit des Theaters: Wegsehen wird beinahe unmöglich gemacht. Das Theater ist einer der wenigen Orte, der ungefiltert in die Auseinandersetzung zwingt. Trotz samtiger Sessel kann es hier noch wirklich unbequem werden.
In Nina Vedovas Inszenierung spritzt es bis in die ersten Reihen
Zum Beispiel in Nina Vedovas Inszenierung „Nichts, was wir unser Eigen nennen können, nur den Tod“, die 2025 unter anderem auf dem Uwe-Festival der Theaterakademie August Everding in München zu sehen war. Schwarz und zäh tropft die Farbe an den Plastikcapes herunter, die man sich zu Beginn überstülpt. Im Rechteck sitzt das Publikum um die Bühne, auf der sich drei fulminante Schauspielerinnen des Salzburger Mozarteums gegenseitig mit Farbe übergießen: Schwarz wie Schlamm, weiß wie Sperma und rot wie Blut. Es spritzt bis in die ersten Reihen. Wer hier sitzt, wird ebenso befleckt wie die Spielerinnen, die jeweils eine Frauenfigur aus dem Shakespeare-Universum verkörpern und die patriarchale Gewalt, die ihnen angetan wurde, in die Gegenwart holen.
Eine aktuelle Studie der EU-Agentur für Grundrechte und des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen zeigt: Fast jeder dritten Frau in der EU widerfährt in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Diese Gewalt spürbar zu machen gelang der Dramatikerin Marieluise Fleißer schon zu einer Zeit, in der Vergewaltigungen noch lange als legitimer Bestandteil der Ehe galten. Ihr Theaterstück „Pioniere in Ingolstadt“ thematisiert die brutale Verachtung von Frauen in der ländlichen Gesellschaft. Regisseurin Lucia Bihler, eingeladen zum diesjährigen Theatertreffen, brachte Fleißers Stück Anfang des Jahres am Münchner Volkstheater als erschreckend aktuelles Abbild einer misogynen Machtmaschinerie auf die Bühne: aufgeplusterte, lüsterne Soldaten marschieren da auf, grapschen hemmungslos nach Beinen und Röcken der Frauen.
Raum+Zeit-Arbeit über problematischen Umgang Brechts mit Frauen
Wie konfrontativ und herausfordernd Theater sein kann, zeigte auch eine VR-Inszenierung des Kollektivs Raum+Zeit am Berliner Ensemble von 2022, kürzlich wiederaufgenommen in den Berliner Uferstudios. Im Wechsel zwischen virtueller und analoger Realität werden die Zuschauenden jeweils einzeln durch das Stück geführt. „Berlau. Königreich der Geister“ kreist um die Geschichte von Ruth Berlau, der Schauspielerin und Regisseurin, die lange Jahre eine als missbräuchlich erlebte Affäre mit Bertolt Brecht führte.
Unbehagen mischt sich mit Trotz, wenn man als Zuschauer*in selbst in die Rolle Brechts versetzt und von den Schauspieler*innen angesprochen, beschimpft, belächelt wird. Die vierte Wand wird hier nicht nur durchbrochen, sondern vollständig aufgelöst, Rolle und Realität fallen ineinander. Plötzlich wird man zu diesem Mann gemacht, der betrog, belog, manipulierte – dabei sind es doch immer die anderen Männer.
Das Publikum mit sich selbst konfrontieren
In Echtzeit konfrontieren alle drei Inszenierungen das Publikum mit sich selbst. Ein Buch kann man zuklappen, einen Film pausieren, das Gespräch beenden. Aber aufstehen und den Theatersaal verlassen? Unbeteiligt bleiben, wenn Menschen im realen Augenblick aufeinandertreffen, Spucke über die Reihen fliegt, Kreisläufe kollabieren, wie in den radikalen Bühnenshows der Provokateurin Florentina Holzinger?
Die Hemmschwelle, sich dem Gezeigten zu entziehen, ist hoch: Bevor man ein Dutzend Menschen aufstehen lässt, um sich durch die Reihe zu drängen, bleibt man in den meisten Fällen doch lieber sitzen. In seiner Unausweichlichkeit liegt die Kraft des Theaters, das immer wieder daran erinnert, dass wir handlungsfähig sind – als gesamte Gesellschaft. Frauen müssen endlich davon befreit werden, alleine ein patriarchales System abzubauen, das Männer verantworten. Solange das nicht geschieht, machen wir Theater.