Mitten in ihren Proben bei den Wiener Festwochen treffe ich Lina Majdalanie und Rabih Mroué für ein Video-Telefonat. Ich bekomme die Möglichkeit, den aus Beirut stammenden Künstler*innen zum Theaterpreis zu gratulieren. Sie nicken und lächeln etwas abwesend in die Kamera, während sie gedanklich vielleicht noch bei der letzten Szene sind, die gerade geprobt wurde. Unser Gespräch findet auf Englisch statt, eine Sprache, in der die eigentlich arabisch und französisch sprechenden Künstler*innen die meisten ihrer Arbeiten präsentieren.
Bekanntheit erlangen die 1966 und 1967 geborenen Künstler*innen in den späten Neunziger und frühen Nullerjahren durch ihre multimedialen Performances, Theaterstücke und Installationen. In Arbeiten wie „BIOKHRAPHIA“ von 2002 oder „Who’s afraid of Representation“ von 2009 balancieren sie auf der Grenze zwischen Fiktion und Realität, verweben Persönliches mit weltbewegenden Ereignissen und hinterfragen mediale Repräsentation und Narrative. Dabei kommen sie immer wieder auf die Geschichte der Gewalt und der politischen Krisen im Libanon zurück.
Proben für die Wiener Festwochen
Gerade arbeiten sie an ihrer neuesten Inszenierung in Wien, die am 15. Mai Premiere hat. In „Das tragische Schicksal der Sonata Nr. 2“ gehen sie der Geschichte und politischen Instrumentalisierung von Frédéric Chopins „Marche funèbre“ nach. Denn dieser Urtyp der Trauermusik erklang auf offiziellen Beerdigungen von ideologisch so entfernten Gestalten wie Margaret Thatcher und Hassan Nasrallah, der kürzlich getötete Chef der Hisbollah-Miliz. Für das Künstler-Duo der perfekte Gegenstand, um das bekannte Duett von Kunst und Macht kritisch zu befragen.
Kunst und Politik also. Für Majdalanie und Mroué gehört beides zusammen. Seit über 30 Jahren produziert das Duo ein Werk, das nicht nur mit Mitteln der Kunst politische und gesellschaftliche Normen befragt, sondern auch die Kunst selbst hinsichtlich ihrer manchmal offensichtlichen, oft aber versteckten Politik. Seit über 30 Jahren? Die beiden schauen sich kurz fragend an, halten inne und lassen für einen Augenblick scheinbar ein gemeinsames Leben vorbeiziehen, das in Beirut begann und jetzt in Berlin zu Hause ist.
Kennenlernen beim gemeinsamen Theater-Studium in Beirut
Sie lernten sich an der Libanesischen Universität in Beirut kennen, wo sie beide Theater studierten – und das in der klassisch-europäischen Variante. Zugleich wütete der libanesische Bürgerkrieg, der Beirut über Jahre hinweg in zwei Hälften teilte und das „Paris des Ostens“ zu einem Schlachtfeld machte. Vielleicht war es gerade die Erfahrung dieses Krieges und des menschlichen Leids, die sie in den 90er-Jahren dazu führte, die klassischen Erzählweisen ihres Studiums zu hinterfragen. Wie anfangen, über die Gewalt und das Leid zu sprechen? Kann man überhaupt darstellen, was sich der Darstellung verweigert?
Majdalanie und Mroué entwickelten eine künstlerische Praxis, die sich mehr für komplexe Fragen als die einfache Antwort interessiert. So auch in ihrer letzten Arbeit, „Four Walls and a Roof,“ die 2024 beim Festival Festival d’Automne in Paris uraufgeführt wurde. Nur zwei Tische mit Stühlen vor einer Leinwand und ein Flügel reichen dem Duo als Bühnenbild für einen Abend, der von Bertolt Brecht, dem Exil und der Zensur handelt. Wie so oft in ihren Arbeiten spielt das Duo sich selbst, Rabih und Lina, und macht so seine Beziehung und eigene Erfahrungen zum Thema.
Die Ausweglosigkeit trieb sie ins Exil
Mit minimalen Mitteln, wie PowerPoint-Vorträgen, Fotografien oder Archiv-Material, fächern sie eine Vielzahl an politischen und persönlichen Themen auf, stets darauf bedacht, keiner ideologischen Vereinfachung anheim zu fallen. Denn, so betont Mroué, für sie zeichne sich politisches Theater durch ernsthafte Selbstbefragung und Selbstkritik aus. Was sind unsere Wünsche und unsere Erfahrungen, die wir mitbringen? Was formt unsere Perspektive auf die Welt, und wie können wir diese ändern? Nachdenklich und doch humorvoll schaffen sie so ein Theater, dass nach Vielstimmigkeit und Komplexität strebt.
Als wir auf die heutige Lage des Libanons zu sprechen kommen, setzt unweigerlich Schweigen ein. Da ist sie wieder, diese unaussprechliche Gewalt, die den Libanon erneut heimsucht. Es war gerade diese ausweglose Situation, die sie 2013 dazu bewog, das Land zu verlassen. Seitdem leben Majdalanie und Mroué in Berlin, doch ihr Heimatland ist stets präsent. „Wir leben bereits seit einigen Jahren nicht mehr im Libanon, aber er ist stets da – in deinem Kopf, in deinem Herzen“, sagt Majdalanie. Regelmäßig reisen sie nach Beirut, wo sie mit Freund*innen, Familie und der dortigen Kunstszene im Austausch sind. Zuletzt war das im Sommer 2025 möglich, als es eine wenn auch brüchige Waffenruhe gab.
Berlin und Beirut einst in Ost und West geteilt
Mit dem Umzug nach Berlin gingen sie in eine Stadt, die sie in vielerlei Hinsicht an Beirut erinnert. Wie Beirut war sie einst in Ost und West geteilt und Schauplatz von Krieg und Zerstörung, aber auch von Hoffnung und Widerstand. Aber, so fügt Majdalanie hinzu, solche Vergleiche mag sie eigentlich nicht, „weil die beiden Städte überhaupt nicht das Gleiche sind“. Darüber hinaus war es die Erinnerungskultur Deutschlands, die für sie immer schon Inspiration für einen ähnlichen Prozess der Aufarbeitung und Selbstkritik im Libanon war. Nicht zuletzt handele es sich bei Berlin um eine Stadt, „die offen für Künstler und für Menschen war, die in ihren Ländern nicht akzeptiert wurden. All das zog uns hierher.“
Mit Majdalanie und Mroué erhalten zwei Künstler*innen den Berliner Theaterpreis, die für ein Berlin und eine deutsche Kunstszene stehen, die einem immensen Druck ausgesetzt sind. Angesichts eines erstarkenden Nationalismus und einer Regierung, die am liebsten achtzig Prozent aller Syrer*innen in Deutschland abschieben möchte, ist der Preis auch ein Bekenntnis zu einer Kultur, die keine feste Identität kennt, sondern sich zuerst kritisch selbst befragt. „Und das Wichtigste an dieser Idee ist“, betont Mroué am Ende unseres Gesprächs, „dass es darauf keine Antwort gibt.“