Wir treffen uns in Wien, im 12. Bezirk, in Meidling, an einem bewölkten Vormittag in einem kleinen Park vor dem Theresienbad. Für Leonie Ziem ein Ort, den sie immer dann aufsucht, wenn sie beim Schreiben nicht mehr weiter weiß. Auch als meine Anfrage für das Portrait in ihre Mails purzelte, sei sie erstmal schwimmen gegangen vor Aufregung, erzählt sie und reicht mir eine Tasse Kaffee, die sie von zuhause mitgebracht hat. Wohnzimmerflair auf der Parkbank.
Die Ruhe, die sie ausstrahlt, ist ansteckend; und ich bin überrascht, wie sehr die sprachliche Wucht ihrer Texte in Kontrast zu ihrer eigenen, bedachten Erscheinung steht. Seit 2021 wohnt sie schon in Wien – kleiner als ihre Heimatstadt Berlin, aber doch groß genug, um sich „ohne Pausenhofgefühle“ zu bewegen. Nun im Endspurt ihres Studiums der Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst hat sich die 27-jährige als Dramatikerin bereits einen Namen gemacht: So wurde ihr erstes Theaterstück “Kind aus Seide” 2024 mit dem Hörspielpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet und vom SWR produziert.
Politik und Philosophie studiert
Mit ihrem zweiten Stück “Das Große Gleichgültige” nimmt sie – nominiert von ihrer Dozentin Gerhild Steinbuch – an dem Format „Mehr Drama!“ beim diesjährigen Theatertreffen teil. Dafür als junge Stimme und ”aufstrebende Dramatikerin” gelabelt zu werden, macht Ziem nichts aus. Im Gegenteil, der Nachwuchsstempel garantiere Narrenfreiheit, und die nimmt sie sich gerne munter heraus – im Leben wie im Schreiben.
Thematisch durchzieht ihre Arbeiten die Frage danach, wie viel freier Wille in einer hyper-technologisierten Welt möglich ist und wie über Liebe verfügt werden kann. Oder destilliert in der pointierten Situation, die Kind aus Seide zugrunde liegt: Darf sich ein Sexroboter von einem Menschen trennen?
Mit viel Schmackes auf der Sprachebene, und stets gewürzt mit einer Prise Witz, bereitet sie ihre Themen auf: „Humor ist eine Art Zoll, den ich bezahlen muss, um meinem Gegenüber für die Aufmerksamkeit zu danken“, erklärt sie. Derartige Schmunzel-Checkpoints stehen nicht im Widerspruch zu der Tiefgründigkeit, die hinter den Pointen durchschimmert. Denn Ziem, die vor ihrer Zeit in Wien Philosophie und Politikwissenschaft in Leipzig und Berlin studierte, arbeitet zumeist ausgehend von wissenschaftlichen Theorietexten, oder greift klassische Mythen auf und überträgt sie in „heutigeSprache“. Das klingt dann so: „das schiff, auf dem theseus mit seinen bitches lossegelte / sie vögelten auf dem weg ein paar piratinnen / und kamen sicher zurück“.
Liebespaar in der Warteschlange
Obwohl für Ziem Schreiben das Schönste der Welt ist, empfindet sie es auch als anstrengend und auslaugend. „Sätze schreiben ist wie Gewichte heben“ vergleicht sie. „ich habe gefühle für dich, unhandlich wie eine spülmaschine“ ist ein solcher Satz, den sie gestemmt und ihren Figuren geschenkt hat. An diese stellt sie einen konkreten Anspruch: „Figuren dürfen nicht nur Hilfskonstruktionen sein. Es braucht eine Diskursnotwendigkeit.“ So akzentuiert sie absichtlich nicht, dass es sich in “Kind aus Seide” um eine Liebesgeschichte zwischen zwei weiblich gelesenen Figuren handelt, sondern lässt diese einfach stattfinden. Quasi Sichtbarmachung durch die Hintertür.
“Liebesbeziehungen kommen mit unterschiedlichem Gepäck in Geschichten geritten”, formuliert Ziem. Und auch in ihrem zweiten Stück „Das Große Gleichgültige“ lässt sie den Rucksack des romantischen Liebesideals immer schwerer werden. Ein Liebespärchen reiht sich in eine Warteschlange ein, ohne sich im Klaren zu sein, worauf es eigentlich wartet. „Sie wären schön blöd, wenn sie sich nicht anstellen würden“, bringt Ziem die Situation auf den Punkt, die ihrem Blick für das Absurde, das sich in den Nischen des Alltags versteckt, nicht entwischt ist.
Markante Attribute für Nebenfiguren
Die beiden Liebenden stellen sich also auch an, wie sich herausstellt, für eine Lebenszeitverlängerung. Bis dass der Tod uns scheidet, hört sich auf einmal ganz anders an, wenn der Tod erst in 300 Jahren angesetzt ist. Wieviel Recht hat man auf Lebenszeit? Und was wäre eine gerechte Lebenszeitverteilung?
Seismographisch wird durch die Warteschlange eine Art gesellschaftliches Grundmurmeln abgebildet. Als Figur genannt, doch wie ein Mosaik aus vielen kleinen Figuren zusammengesetzt, ist sie der Star des Textes. Ziem stattet ihre vielen Passant*innen mit Mini-Hintergrundgeschichten aus, verleiht ihnen jeweils markante Attribute – damit es Spaß macht, dass sie mit von der Partie sind.
Für die Lesung ihres Stücks im Rahmen des Theatertreffens hat sie eine Fassung angefertigt und sich dafür mit ihrer Abneigung gegenüber Abgeschlossenheit herumgeschlagen. Denn ein finaler Charakter gibt ihr immer einen kleinen Stich: „Da zurrt sich der Möglichkeitsraum zusammen. Das ist ein unangenehmer Moment – es ist dann fertig.“ Zum Schluss unseres Gespräches weist sie mich darauf hin, dass sich hinter mir ein kurioses Element befindet: ein Schnullerstrauch. An diesem hängen alte Schnuller, von denen der Abschied schwerfiel. Leonie Ziem stellt sich kurzerhand davor und lässt sich fotografieren. Irgendwie passend zu unserem Gespräch – ein weirdes Denkmal des Loslassens.
