182 Jahre hat es gedauert, bis das Thalia Theater mit Sonja Anders im vergangenen Jahr erstmals eine Frau an seine Spitze gesetzt hat – gegründet wurde es 1843. Wie lange wird es dauern, bis es völlig normal ist, dass wir Migrant*innen in künstlerischen Leitungspositionen sitzen? Die Kulturbetriebe sollten nicht das Schlusslicht der Transformationsprozesse sein, sondern ihre Pioniere.
Ich blicke auf uns, die wir aus der Mitte heraus diese Gesellschaft künstlerisch solidarisch gestalten wollen. Der Druck von rechts ist omnipräsent. Die Rechten lassen sich in Parlamente wählen, versuchen, ein völkisches Kunstverständnis durchzusetzen und stellen immer wieder Anfragen in Landesparlamenten und im Bundestag, um ihnen unliebsame Positionen zu untergraben und linken Institutionen den Geldhahn zuzudrehen.
Zuletzt war das in der Debatte um linke Buchhandlungen sichtbar, wo die AfD Anfragen ans Innenministerium stellte, ob verfassungsschutz-relevante Erkenntnisse zu unterschiedlichen linken Buchhandlungen vorlägen. Auch Anfragen, die an finstere Zeiten erinnern, werden gestellt, etwa 2019, als die AfD im Landtag anfragte, aus welchen Ländern die Künstler*innen des Staatstheaters Stuttgart stammen würden, es gehe ihnen um Chancen für den deutschen Nachwuchs.
Wir sind gespaltener denn je
Und wir? Wir sind gespaltener denn je und stehen den gekaperten Diskursen ratlos gegenüber. Das fiktive AfD-Verbotsverfahren Anfang 2026 in Hamburg bei den „Lessing-Tagen“ am Thalia Theater des Regisseurs Milo Rau offenbart diese schwindende Solidarität in unseren Reihen. Die Produktion erzeugte zwar mediale Aufmerksamkeit, stieß aber gerade in der migrantischen Community auf Unverständnis. Anstatt die Partei zu parodieren, setzte die Leitung auf eine ernsthafte juristische Auseinandersetzung mit ihr. Zum Beispiel konnte die ehemalige AfD-Bundestags-Abgeordnete Joana Cotar die Partei auf der Bühne lautstark verteidigen. Viele fühlten sich durch die Reproduktion rassistischer Ideologien unter dem Deckmantel der Aufklärung verletzt. Der Schmerz traf sie von den linken Machern hinter der Bühne ebenso wie vom „rechten“ Geschehen auf der Bühne.
Dabei ist das „eingewanderte Erbe“, die Erfahrungen und der Kompass von Menschen mit Migrationsgeschichte die potenzielle Stärke dieser Gesellschaft. Es wurde bisher aber nicht genügend einbezogen, sondern problematisiert. Doch wir Einwanderer können das Blatt wenden. Wir bringen Erfahrungen aus Ländern mit, in denen die Freiheit der Kunst bereits gekippt ist. Deshalb werden wir hier zu den stärksten Verteidigern jener Werte, die unsere Demokratie tragen.

In Salzburg, wo ich seit kurzem die Schauspielsparte leite, habe ich die Freiheit, politisch aktiv, künstlerisch und mündig auf das Publikum zuzugehen. Der Auftrag des Intendanten Carl Philip von Maldeghem: volles Risiko. Die Theaterfreunde wünschen sich neue Narrative und Handschriften. Dem versuchen wir gerecht zu werden – mit komplexen Stoffen wie dem Roman „Die Tore von Gaza“ von Amir Tibon, der davon erzählt, wie seine jüdische Familie im Kibbuz Nahal Oz den 7. Oktober überlebt hat und dennoch einen mitfühlenden Blick auf das palästinensische Gegenüber behält, während er mit der Netanjahu-Regierung abrechnet.
Schon jetzt interessieren sich mehr junge Menschen für unser Theater. Wir versuchen, altes und neues kulturelles Erbe miteinander zu verbinden. Und ja, bei uns gibt es auch Gegenwind von zwei Seiten. Von links kommt er etwa bei „Die Tore von Gaza“. Da antisemitische Angriffe von links befürchtet wurden, musste jede Vorstellung polizeilich geschützt werden.
Die Rechten wettern in Kommentarspalten rechtskonservativer Boulevard-Zeitungen wie der „Krone“. Das klingt dann etwa so: „Das Problem ist, dass viele Regisseure ihren Job haben, weil: Gutes Netzwerk, weil die korrekten politischen Ansichten. Und das Publikum ist der andauernden Erziehungsversuche überdrüssig.“ Sie finden uns zu woke, zu divers und sehnen sich zurück. Politik und Presse reagieren darauf mit Blick auf ihre Wähler*innen und ihre Leserschaft. Das ist für uns Theaterschaffende zu kurz gedacht. Es kann kein Zurück geben.
TT und Mülheim müssen sich verändern
Auch das Berliner Theatertreffen und der Mülheimer Stückemarkt müssen sich verändern. Ihr Blick richtet sich immer noch auf eine Gegenwart, die es so nicht mehr gibt. Die Einführung der 50-Prozent-Frauenquote beim Theatertreffen war der erste Schritt hin zu einer substanziellen Veränderung; eine 25-Prozent-Quote für Regisseur*innen mit Migrationsgeschichte wäre der zweite. Und Mülheim? Warum werden nicht mehr Menschen mit Migrationsgeschichte eingeladen, etwa Fatma Aydemir oder Amir Gudarzi? Warum passiert das tröpfchenweise, wie jetzt zurecht mit Arad Dabiri, und nicht regelmäßig? Was für ein Zeichen wäre es gewesen, die Theaterabende „Solingen 93“ von Bassam Ghazi und Birgit Lengers oder „And now Hanau“ von Tuğsal Moğul auf diesen Festivals zu sehen?
Diverser besetzt werden müssten auch Jurys. Die migrantische Community findet, dass ihre künstlerische Arbeit oft als Sozialprojekt betrachtet und falsch eingeordnet wird. Die Politiker*innen wählen zu wenige Menschen für diese Gremien aus, die migrantische, queere und feministische Stimmen stärken. Aber wir sind keine „Erbschleicher“, sondern bereit, das bestehende kulturelle Erbe zu erweitern.
Wie unterm Brennglas bewertet
Mein Appell lautet: Blickt nicht zurück. Wir sind da und mittlerweile auch in Leitungspositionen: Pınar Karabulut, Selen Kara, Ebru Tartıcı Borchert, Murat Dikenci. Aber wir sind immer noch sträflich wenige – und unsere Schritte werden wie unter einem Brennglas bewertet.
Frank Castorf meinte im Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ einmal, dass es ihm egal sei, ob ein Mensch weiß, schwarz oder braun sei, solange er das hohe C singen könne. Brutaler kann die ästhetische Frage nicht gegen die soziale ausgespielt werden. Beide Fragen sollten zusammen gedacht werden.