Das Theatertreffen-Blog 2025

Macht und Ohnmacht des Ich

Mit einer eigenen mutigen Haltung auf die Welt können wir immer noch wirksam werden

Es ist eine Zeit voller fundamentaler gesellschaftlicher Umbrüche. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang geht um, verbunden mit einem Erstarken rechtspopulistischer Parteien. Die Meinungsfreiheit ist bedroht, angesichts immer mehr autokratischer Herrscher auf der Welt, die sich über die Gesetze ihrer eigenen Länder hinwegsetzen oder sie einfach ändern. Auch das westliche Selbstverständnis, im Schutze der USA als größter Demokratie der Welt zu leben, ist erschüttert. Selbst die konservativen Parteien, die sonst so gerne sparen, machen Abermillionen Euro im Haushalt locker, damit Europa sich im Kriegsfalle selbst verteidigen könnte. Während wenige Superreiche immer mehr beeinflussen dürfen, steht die eigene Wirksamkeit infrage.

Das Ich ist überfordert von der Welt. Sieht sich einem übermächtigen Außen gegenüber. Diese Setzung zeigt sich auch in loser Folge in der diesjährigen Auswahl des Theatertreffens. Kim de l’Horizons Roman „Blutbuch“, dessen Dramatisierung aus Magdeburg eingeladen wurde, ist der Blick auf die Ich-Werdung eines Schweizer Kindes in einer als übermächtig wahrgenommenen Außenwelt, zunächst repräsentiert von liebevoll übergriffigen Frauenfiguren. Auch in Alice Birchs Überschreibung von Lorcas „Bernarda Albas Haus“ unterdrückt die Titelträgerin Bernarda ihre erwachsenen Töchter als Reaktion auf die angeblich böse Gesellschaft, die draußen vor der Tür der Frauen lauere.

Die Dramatisierung von Dinçer Güçyeters Roman „Unser Deutschlandmärchen“ ist eingeladen, eine Geschichte aus der ersten Gastarbeiter-Generation, die zwar von einer Familie ausgeht, aber dabei viel über die Gesellschaft erzählt. Auch in Bertolt Brechts „Die Gewehre der Frau Carrar“ über den spanischen Bürgerkrieg, das zusammen mit Björn SC Deigners zeitgenössischem Text „Würgendes Blei“ aus München eingeladen ist, stehen die Bedingungen, die das Ich vorfindet, schon fest. Dass der Krieg tobt, kann die Kriegswitwe Teresa Carrar nicht beeinflussen, die Frage ist, wie sie sich dazu verhält, ob sie und ihre Söhne mitmachen im Krieg gegen die Faschisten. Schließlich die Opern-Performance „Sancta“, in der Florentina Holzinger Paul Hindemiths Kurzoper „Sancta Susanna“ ausgehend vom sexuellen Erweckungserlebnis einer Nonne zu einer weiblichen Abrechnung mit der als übermächtig empfundenen katholischen Kirche macht und nur viele Ichs gemeinsam ihr etwas entgegensetzen können.

Doch was hat das jetzt mit dem Nachwuchskritiker*innen-Forum des Theatertreffens zu tun? Nachdem es 2024 um unterschiedliche Perspektiven auf Theaterkritik ging, soll in diesem Jahr wie in einigen der Inszenierungen das Ich Ausgangspunkt der Kritiker*innen sein. Alle eingeladenen Produktionen hatten bereits Premiere, wurden vielfach rezensiert. Wir wissen, dass sie „bemerkenswert“ sein sollen, die dritte Person Singular wurde schon bemüht. Wie aber geht es den Nachwuchsbloggern und Bloggerinnen selbst mit den Inszenierungen? Vor welchen Schwierigkeiten steht etwa eine Kritik, die sich offen zur Subjektivität bekennt und in der ersten Person spricht? Wie schwer ist es, eine eigene Meinung zu formulieren, die von denen der bekannten Kritiker*innen abweicht?

Neben Möglichkeiten der Vernetzung, dem Erproben von Journalismus unter Echtzeitbedingungen und vielen Inputs soll es in diesem Jahr also besonders um die eigene Haltung zu Inszenierungen und den daran Beteiligten gehen. Hierfür kommt etwa die Radiokritikerin Barbara Behrendt zu Besuch, die mit den Nachwuchsjournalist*innen in Radiogesprächen erprobt, mit ihrer Stimme, aus ihrer Perspektive zu schildern, wie sie einen Abend erlebt haben. Worauf man achten muss, um seinen Eindruck im Bewegtbild für Social Media zu schildern, zeigt uns der Journalist Elliot Douglas. Außerdem kommt Peter Kümmel zu Besuch, der Theaterkritiker der Zeit. Auch Christian Rakow vom Online-Theaterfeuilleton nachtkritik.de spricht mit uns, das seinerzeit durch das Etablieren der Kommentarfunktion den subjektiven Zugang zu Theater mitgeprägt hat.

Und der Schriftsteller Dinçer Güçyeter besucht uns. Sein Debüt-Roman „Unser Deutschlandmärchen“ zeigt, dass ein persönlicher Blick auf die Welt auch sehr politisch sein kann. Die Weltordnung mag ins Wanken geraten sein, aber Selbstwirksamkeit fängt immer noch damit an, aus der eigenen Perspektive auf die Welt zu blicken. Um dann Schritt für Schritt etwas an ihr zu ändern, manchmal auch gemeinsam. Ich freue mich darauf.

— Grete Götze,
Verantwortlich für Konzeption und Redaktion TT-Blog 2025


Die Redaktion 2025

Momo Bera

TT-Blogger 2025 Momo Bera
© Wilbert Juchem

Momo Bera (*1994) ist eine multimedial arbeitende Künstlerin und Lyrikerin aus Berlin. Sie studiert Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin in der Klasse Favre. Momo veröffentlicht vor allem in unabhängigen Literaturmagazinen und nahm an zahlreichen Ausstellungen und Lesungen teil. Sie ist zudem Teil des ad hoc Lyrikkollektivs, das momentan die Lesereihe textOUR veranstaltet. Momentan interessiert sie sich dafür, das Format der performativen Lesung für sich weiter zu erschließen und beschäftigt sich mit der Aufarbeitung von transnationaler Adoptionsgeschichte aus postkolonialer Perspektive. Momo versteht ihr Schreiben im Sinne von Hélène Cixous als emanzipatorischen Akt. Ihr Malereiprofessor nennt sie Gefühlsnudel, sie mag das.

Lily Diemer

TT-Blogger 2025 Lily Diemer
© Nina Berger

Lily Diemer (*2000) lebt in der Schweiz. In Bern studiert sie Germanistik und Theaterwissenschaft im Master – quasi Profi-Leseratte mit Bühnenfieber. Ansonsten arbeitet sie im Hintergrund von Theaterproduktionen und jongliert mit Worten, um Kleinstadt-Kolumnen für die Lokalzeitung zu schreiben. Die kleinen Dinge im Leben dokumentiert sie beruflich und privat: Sie sortiert Bücher nach Farben, sammelt Wörter und einsekündige Videos. Faszinierend findet sie die Kraft der Sprache und das, was entsteht, wenn Menschen im Theater zusammenkommen. Sie freut sich auf Theatergenuss in Berlin mit Kiba-Boost. Wer braucht schon Champagner in der Pause?

Luise Helene Otto

TT-Blogger 2025 Luise-Otto
© Henrik Wanner

Luise Helene Otto (sie/ihr), geboren 2003, studiert Theaterwissenschaft sowie Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München. Parallel arbeitet sie für den Studierendenradiosender M94,5. Dort leitete sie ein wöchentliches Kulturmagazin. Erste Erfahrungen mit Theater machte sie bei TheaterTotal in Bochum. Seit 2022 ist sie Teil des MK:ollektivs an den Münchner Kammerspielen und des Open House Kollektivs des PATHOS Theater München, bei denen sie schreibend und konzeptierend an Theaterabenden mitarbeitet. Während einer Regieassistenz an der Freien Bühne München vertiefte sie ihr Interesse für inklusives Theater. Für die Theaterfestivals Spielart und Radikal Jung schrieb sie Theaterkritiken und zuletzt war sie Teil der Voyager Werkstatt für Kulturjournalismus.

Tim Wedell

TT-Blogger 2025 Tim Wedell
© privat

Tim Wedell (er/they), geboren in Bremen, beendete im April sein Studium der Deutschen Literatur und Sozialwissenschaften in Berlin mit einer Bachelorarbeit über theatrale Selbstreflexion und die Inszenierung des Liebesdiskurses bei René Pollesch. Parallel zum Studium absolvierte er Dramaturgie- und Regiehospitanzen am Maxim Gorki Theater und dem Berliner Ensemble bei Leonie Böhm, Sebastian Nübling und Robert Borgmann. Zudem ist er seit 2024 Autor bei der jungen bühne. 2025 werden erste eigene Regiearbeiten mit dem Kollektiv Toni Timke folgen.
Sein Interesse gilt dabei insbesondere dem politischen Theater und dem Versuch, über die Welt fernab individueller Perspektiven nachzudenken.

Ole Zeitler

TT-Blogger 2025 Ole-Zeitler
© privat

Ole Zeitler wurde 2002 im thüringischen Altenburg geboren. Im Alter von sechs Jahren zog ihn das glamouröse Glitzerkleid der Königin der Nacht in den anhaltenden Bann magischer Theaterwelten. Während seines Bachelors in Kulturwissenschaft und Deutscher Literatur in Berlin arbeitete er im Abenddienst der Staatsoper und wurde zum Opernnerd. Aktuell studiert er in Wien Kunst- und Kulturwissenschaften und schreibt (Musik-)Theaterkritiken für das junge Kulturmagazin Bohema. Er begeistert sich für Inszenierungen, die Genregrenzen überschreiten und die Widersprüche des Lebens spürbar machen.


Grete Götze (Verantwortlich für Konzeption und Redaktion)

TT-Blogger 2024 Grete Goetze
© privat

Grete Götze hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie deutsche und französische Literaturwissenschaft studiert. Sie ist freie Journalistin und arbeitet für unterschiedliche Ausspielwege und Medien. Für den Hessischen Rundfunk macht sie Filmbeiträge u.a. für das ARD-Kulturmagazin „titel thesen temperamente“ und die ARTE-Kultursendung „Twist“. Sie erstellt Hörfunk-Beiträge für die Kulturwellen und Artikel für hessenschau.de, außerdem schreibt sie Theaterkritiken für die F.A.Z. und nachtkritik.de. Grete Götze war im Theaterbeirat der Stadt Frankfurt und hat journalistische Nachwuchsprojekte etwa bei der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ und an der Mainzer Universität geleitet. Sie ist Alumna des Theatertreffen-Blog der Berliner Festspiele.

Grete Götze studied theater, film and media studies as well as German and French literature. She is a freelance journalist and works for various outlets and media. She makes film contributions for Hessischer Rundfunk, including for the ARD culture magazine “titel thesen temperamente” and the ARTE culture program “Twist”. She produces radio reports for the Kulturwellen and articles for hessenschau.de, and also writes theater reviews for the F.A.Z. and nachtkritik.de. Grete Götze was on the theater advisory board of the city of Frankfurt and has led journalistic projects for young people, for example at the theater biennial “New Plays from Europe” and at Mainz University. She is an alumna of the Theatertreffen-Blog of the Berliner Festspiele.

Tamara Marszalkowski (Mitarbeit Redaktion)

TT-Blogger 2024 Tamara Marszalkowski
© privat

Tamara Marszalkowski, geboren in Warschau, arbeitet als freie Journalistin in den Bereichen Hörfunk, Online und Social Media für den Hessischen Rundfunk. Sie wirkte in der Redaktion des ARD-Podcasts „Studio Komplex“ mit und arbeitet als Hörfunkreporterin in der Kulturberichterstattung für die ARD-Wellen, unter anderem für die Berlinale 2024. Marszalkowski verantwortete drei Jahre die Theaterseiten des „Journal Frankfurt“ und war als Theaterkritikerin für „hr2 Kultur“ tätig. Außerdem war sie Dozentin für Audiojournalismus beim Aufbaustudiengang Buch- und Medienpraxis an der Goethe Universität Frankfurt.

Tamara Marszalkowski, born in Warsaw, works as a freelance journalist in the fields of radio, online, and social media for Hessischer Rundfunk. She contributed to the editorial team of the ARD podcast „Studio Komplex“ and serves as a radio reporter in cultural coverage for ARD stations, including the Berlinale 2024. Marszalkowski led the theater pages of „Journal Frankfurt“ for three years and worked as a theater critic for „hr2 Kultur.“ Additionally, she served as a lecturer in audio journalism for the postgraduate program in „Buch- und Medienpraxis“ at Goethe University Frankfurt.