Guttenbergs Nora

Manja Kuhl (Nora); Jürgen Sarkiss (Rechtsanwalt Krogstad). Foto: Thomas Aurin

Herbert Fritsch erzählt Ibsens “Nora oder Ein Puppenhaus” im Theater Oberhausen als eine Geschichte von oft gar nicht so unterschwelligem Horror und von Perversion im Familien- und Bekanntenkreis. Unbekümmert bedient sich der Regisseur bei filmischen Mitteln des Horrorgenres und der Märchenwelt. Eine düstere und groteske Kombination, hörbar auch durch disharmonische, schrabbelige Hitchcock-Töne. Mit bleich geschminkten Gesichtern und blasser Kleidung (Kostüme: Victoria Behr) scheinen die Figuren dieser Geschichte ihren Gräbern entstiegen zu sein. So vielfältig und pointiert schildert Manja Kuhl mit ihren Bewegungen den Charakter und die Lebenssituation der Nora – ein Figürchen, wie einer Spieluhr entnommen – dass das gesprochene Wort zur Hintergrundmusik gerät. Neben dieser starken Figur, die Kuhl in einem körperlichen Kraftakt ausspielt, geraten die anderen Personen leicht zu Statisten. Nicht ein neuer Denkansatz, nah am Kitsch, übersexualisiert bis ins Obszöne, sehr ernst nimmt der frühere Castorf-Protagonist Herbert Fritsch Nora und ihren Konflikt wirklich nicht, so kurzweilig und hübsch der Abend auch ist.

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Matt Cornish

Matt Cornish, geboren 1983 in Los Angeles, hat einen Master of Fine Arts in Dramaturgie und Theaterkritik der Yale School of Drama. Derzeit macht er in Yale seinen Doctor of Fine Arts, dieses Jahr in Berlin im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums. In seiner Dissertation untersucht er, wie deutsche Regisseure und Dramatiker seit 1989 die Geschichte der deutschen Teilung im Theater benutzt oder dargestellt haben. Er schreibt unter anderem für die Zeitschriften Theater, PAJ: A Journal of Performance and Art und TheatreForum.

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