Theater mit Ohren sehen

Unsere Gastbloggerin erlebt das Theater vor allem hörend. Hier lässt sie uns hineinhorchen in die Theatererfahrungen blinder und sehbehinderter Menschen und schildert, was gute Audiodeskription ausmacht.

Unsere Gastbloggerin erlebt das Theater vor allem hörend. Hier lässt sie uns hineinhorchen in die Theatererfahrungen blinder und sehbehinderter Menschen und schildert, was gute Audiodeskription ausmacht.

Alle lachen. Ich bleibe stumm. Alle lehnen sich nach vorne. Ich bleibe regungslos. Alle klatschen. Ich stehe auf dem Schlauch. Wie kann ich als Blinde Theater sehen, wenn ich nichts sehe?

Seit zwei Jahren arbeite ich für das Projekt „Berliner Spielplan Audiodeskription“, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Theaterstücke in Berlin regelmäßig mit Audiodeskription zu versehen. Audiodeskription, das ist die akustische Beschreibung des visuellen Bühnengeschehens, von Bewegungen, Gesichtsausdrücken, Video-Einblendungen, Lichteffekten. Die Beschreibung findet im Theater live über Kopfhörer statt oder zu Hause auf dem Sofa vor dem Computer. Auch das Theatertreffen wird mehrere Vorstellungen mit Audiodeskription zeigen.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“?

In meiner Schulzeit sind Theaterstücke mit Audiodeskription nicht existent. Die Vorstellungen, in die wir gehen, müssen mit dem letzten Sehrest der blinden und sehbehinderten Schüler*innen gesehen oder von einer Lehrerin beschrieben werden. Mit meinem kleinen Sehrest bekomme ich damals noch mit, dass das Gretchen in der Faust-Inszenierung in Senftenberg pinke Hotpants und der Mephisto eine blonde Perücke à la Thomas Gottschalk trägt. Niemand muss es mir sagen. Heute, wo sich mein Sehvermögen verschlechtert hat, sodass ich nur noch hell, dunkel und ein paar außerordentlich knallige Farben erkenne, bleiben mir diese visuellen Hinweise verborgen.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, hat die taubblinde Aktivistin Helen Keller einmal gesagt. Obwohl ich dieser Aussage generell zustimmen möchte, würde ich noch hinzufügen: Man kann auch mit den Ohren ganz gut sehen. Inzwischen habe ich über dreißig Stücke mit Audiodeskription gesehen/gehört – einige live im Theater, andere coronabedingt als Digitalvariante. Ich habe gehört, wie der rot bemalte Othello im Berliner Ensemble seine weiß geschminkte Desdemona erwürgt, wie Don Quijote im Deutschen Theater Berlin in einem Einkaufswagen wie auf einem Pferd reitet, und wie „Hamlet“ vom Schauspielhaus Bochum von einer multikulturellen Besetzung gespielt wird. Jedes Mal ist es eine kleine Stimme, die mir ins Ohr flüstert, was auf der Bühne passiert. Die Stimme spricht in den Sprechpausen, benutzt eine bildhafte Sprache, hält sich mit Interpretationen zurück und spricht neutral und doch angenehm freundlich.

Man kann auch mit den Händen sehen

Ich sitze in einem riesigen Theatersaal mit hunderten von Menschen. Das Saallicht geht aus, das Bühnenlicht an. Ein Akrobat läuft im atemberaubenden Tempo an der Außenseite eines Rades entlang, das einige Meter über dem Boden steht. „Jetzt zieht er sich einen Sack über den Kopf“, spricht mir eine Stimme ins Ohr. Ich trage Kopfhörer, durch die ich die AudiodeskriptorIn irgendwo über mir hören kann. „Ups, jetzt wäre er fast gefallen. Er reißt sich den Sack vom Kopf und läuft weiter.“ Mein Herz rast, als der Akrobat fast herunterfällt, denn ich bekomme alles live mit. Ich sitze im Berliner Friedrichstadt-Palast. Es ist Oktober 2019 und dies ist die erste Show mit Audiodeskription, die der Friedrichstadt-Palast jemals ausgerichtet hat. Tänzer*innen marschieren über die Bühne, gekleidet in Latex und speziell angefertigten Hüten, die in allen Regenbogenfarben leuchten.

In meiner Schulzeit sind Theaterstücke mit Audiodeskription nicht existent. Die Vorstellungen, in die wir gehen, müssen mit dem letzten Sehrest der blinden und sehbehinderten Schüler*innen gesehen oder von einer Lehrerin beschrieben werden.

Ich weiß genau, wie sich dieser helmartige Hut anfühlt. Fünfundvierzig Minuten vor Vorstellungsbeginn stehe ich nämlich mit noch zehn anderen Blinden und Sehbehinderten um einen Tisch, während ein Dramaturg Requisiten und Kostümteile zum Betasten herumgehen lässt. Bühne und Kostüme werden im Anschluss an die Führung und vor Beginn der Vorstellung zwar noch von der Audiodeskriptorin beschrieben, aber die Details eines Kostüms kann ich mir viel besser vorstellen, wenn ich sie einmal in der Hand gehabt habe. Oft ist auch eine Bühnenbegehung möglich, und ich kann die Ausmaße der Bühne und die Requisiten mit den Händen ertasten.

Theater, solange die Internetverbindung hält

In Corona-Zeiten hat sich so einiges verändert, und das gilt auch für die Audiodeskription. Es gibt keine Bühnenbegehung, kein Ertasten der Requisiten oder Kostüme. Die meisten Theaterstücke werden im Vorfeld aufgenommen. Von Theateratmosphäre ist zu Hause auf dem Sofa keine Spur – jedenfalls nicht im traditionellen Sinne. Aufgenommene Audiodeskriptionen lassen Theaterstücke eher wie Filme wirken, denn kleine Versprecher, die sich normalerweise in jede Live-Audiodeskription einschleichen, fallen weg. Bühnen- und Kostümbeschreibung sind auf das Akustische reduziert und zwei Stunden vorm Computer sitzen ist definitiv eine Herausforderung. Auf der anderen Seite kann ich wesentlich mehr Theaterstücke sehen als jemals zuvor. Mehrmals im Monat veröffentlicht das eine oder andere Theater Vorstellungen mit Audiodeskription. Das Beste daran: Ich kann irgendwo hinter Posemuckel sitzen und trotzdem Theater in Berlin, Leipzig, Gelsenkirchen oder Hannover miterleben, solange die Internetverbindung hält.

Ein Bild für die Ohren zeichnen

Es ist März 2021 und das Deutsche Theater Berlin zeigt einen Stream des Stücks „Woyzeck Interrupted“ mit Audiodeskription – ein Stück über ein Paar (Woyzeck und Marie), das sich getrennt hat und doch gezwungen ist, durch Corona zusammenzuwohnen. Mit Audiodeskription hört sich das dann so an:

Audiodeskriptorin: Von rechts tritt Woyzeck vor den Badezimmerspiegel und setzt sich. Der vergrößerte dunkle Umriss seines Kopfes und Oberkörpers ist dem Publikum zugewandt. Auch Marie erscheint im Bad und stellt sich hinter Woyzeck. Nur schemenhaft ist sie zu erkennen. Hinter dem Spiegel verschwimmen die beiden mit der Silhouette der nächtlichen Großstadt. (…) Mitten im Schwarz der Bühne wird Woyzecks ganzer Körper erkennbar. Er sitzt mit Friseurumhang im Bad. Marie steht hinter ihm mit Mund- und Nasenschutz.

Woyzeck: Alter!

Marie: Geschnitten?

Woyzeck: Ich habe gesagt: Halt’s nicht so gerade!

Hätte ich nicht die Beschreibung der Szene durch die Audiodeskription, würde ich mir bei diesem Dialog erst einmal vorstellen, dass ein Mann sich geschnitten hat – vielleicht beim Rasieren, vielleicht beim Gemüseschneiden. Dass es in Wahrheit eine Szene ist, in der Marie ihrem Ex-Freund die Haare schneidet, hätte sich nach einer Weile aus dem Dialog ergeben. Aber ohne die Audiodeskription hätte ich die Videoeinblendungen verpasst, die Ortsangabe, wer in der Szene zu sehen ist, was sie tragen und wie viel von ihnen zu sehen ist. All dieses Wissen ist mit den Augen auf einen Blick erkennbar. Die Audiodeskriptorin hat dagegen nur ein paar Sekunden Zeit, um mir diese Informationen zu geben. Ihre Stimme ist neutral und hält sich im Hintergrund. Sie drängt sich nicht auf, sondern unterstreicht die angespannte Stimmung nur noch. Die Schauspieler*innen sorgen für das Drama, die Audiodeskriptorin zeichnet mir ein Bild.

Kann ich als Blinde durch Audiodeskription sehen?

Nicht direkt. Ein Theaterstück zu hören und in Zeiten offener Theater zu ertasten, ist und bleibt eine andere Art des Erlebens als der unmittelbare visuelle Eindruck. Sie erfordert Konzentration, denn wenn ich einmal mit den Gedanken woanders bin, habe ich nichts mitbekommen – nichts gehört und nichts gesehen. Eine gute Audiodeskription lässt mich mit den Ohren sehen. Sie lässt mich an den lustigen Stellen lachen, an den spannenden vorlehnen und am Ende vor Begeisterung klatschen. Eine gute Audiodeskription verbindet mich mit dem restlichen Publikum, und das ist es letztendlich, was Inklusion bedeutet.

–––

Lavinia Knop-Walling

Jahrgang 1989, ist eine blinde Storytellerin, Bloggerin, Podcasterin, Workshopleiterin und Inklusionsberaterin. Sie hat einen Master in „Irgendwas mit Medien“ und arbeitet freiberuflich für inklusive Kulturprojekte wie dem „Berliner Spielplan Audiodeskription“ von Förderband e.V. und „Find your voice“ von Kulturregen Berlin gUG. Ihre Lieblingsthemen sind Audiodeskription für blinde Theaterfans, inklusive Kulturangebote und Geschichtenerzählen, egal in welchem Medium. Sie lebt analog in Berlin und digital in der ganzen Welt.

Alle Artikel